«Das Problem ist: In Wimbledon ist der Rasen zu perfekt»

Roger Federer erzählt im exklusiven Interview, wie nervös er bei seinem Debüt 1998 war. Und wie sehr sich Wimbledon seitdem verändert hat.

Entschlossenen Schrittes: Roger Federer nach dem Training.

Entschlossenen Schrittes: Roger Federer nach dem Training. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Roger Federer trägt einen weissen Blazer über einem blauen Poloshirt, als er sich am Samstag in Wimbledon den Medienschaffenden präsentiert. Der achtmalige Champion wirkt entspannt und selbstbewusst.

Erholt ist er, weil er nach der intensiven Zeit mit fünf Partien in Halle diese Woche nur an drei Tagen trainiert und ein einziges Interview gegeben hat. Er habe seit Jahren vor einem Grand-Slam-Turnier nicht mehr so wenig gemacht, erzählt er. «Ich werde für Wimbledon viel Energie brauchen.»

Zuversichtlich ist er, weil er sich besser fühlt als vor zwölf Monaten, als ihm die Schlaghand Probleme bereitete. Und er habe 2019 genügend Titel gewonnen, das sei im Hinblick auf die grossen Turniere wichtig. «Ich weiss, was es geschlagen hat und was ich bringen muss, damit ich hier gut spiele», bilanziert er.

Die Bedingungen sind hier etwas langsamer als noch in Halle. «Du musst extra Power oder extra Kreativität reingeben, sonst findest du dich immer wieder in den gleichen Ballwechseln wieder», sagt Federer. Beides beherrscht der 37-Jährige, der am Dienstag in der ersten Runde auf den Südafrikaner Lloyd Harris (ATP 87) trifft, wie kaum ein anderer.

Gras ist sein Lieblingsbelag, Wimbledon sein Lieblingsturnier. Weshalb das so ist, hat er der SonntagsZeitung in einem Interview im westfälischen Halle erklärt.

Seit wann haben Sie eine solch starke Affinität zu Wimbledon? Seit dem Juniorentitel 1998?
Ich denke schon. Als Junior bist du in der zweiten Woche auf der Anlage, gleichzeitig mit den Superstars. Damals war etwa Pete Sampras unterwegs. Obwohl unsere Garderoben sich unter Platz 2 befanden, erlebte ich den Mythos Wimbledon. Durch den Titel bei den Junioren begann der Traum zu leben, es auch bei den Männern mal zu schaffen.

Vor Ihrem ersten Spiel in Wimbledon, 1998 gegen Philip Langer, liessen Sie das Netz nachmessen. Warum?
Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl, glaubte, das Netz sei zu hoch. Ich dachte, vielleicht machen sie auch in Wimbledon einen Fehler, also fragte ich den Schiedsrichter. Der Fehler lag dann aber bei mir, das Netz kam mir aufgrund des Drucks und der Nervosität vor wie beim Volleyball (lacht).

Wie hat sich das Rasentennis seither entwickelt?
Es ist unglaublich, dass Wimbledon in den letzten Jahren stets von der Grundlinie aus gewonnen wurde. Das war früher quasi undenkbar. Die Entwicklung setzte 2002 mit Lleyton Hewitt ein.

Zuvor hatte das schon Andre Agassi geschafft.
Ja, aber da dachte man noch: einmal und nie wieder. Auch Björn Borg war ein Grundlinienspieler, aber er stellte für Wimbledon sein Spiel um, kam sehr häufig ans Netz. Ivan Lendl war ein Grundliniengott, spielte aber mit dem ersten und zweiten Aufschlag Serve-and-Volley, als er versuchte, Wimbledon zu gewinnen. Von der Grundlinie aus konntest du nicht wie heute Dominanz ausüben.

Auch Sie veränderten Ihr Spiel.
Ich bemerkte 2002, im Jahr nach dem Sieg gegen Sampras, einen Unterschied. Ich verlor als Nummer 6 gegen den Qualifikanten Mario Ancic. Ich wollte Serve-and-Volley spielen, stellte aber nach anderthalb Sätzen fest: Das geht gar nicht. Der Ballabsprung ist perfekt, mein Gegner retourniert meine Aufschläge problemlos. Das hatten im Jahr zuvor Sampras und andere nicht geschafft. Die Organisatoren hatten eine andere Rasenmischung verwendet, und Wimbledon hatte sich für immer verändert. Heute gewinnen Nadal, Djokovic und auch ich von der Grundlinie aus.

Sagten Sie deshalb einmal, mit Ihrem offensiveren Spiel von 2003 könnten Sie Wimbledon nicht mehr gewinnen?
Retournieren ist zu einfach geworden, weil kaum noch Bälle verspringen. Und es ist weniger rutschig, du kannst dich besser bewegen, was das Passieren erleichtert. Zudem: Ich volliere nicht so gut wie etwa Sampras früher. Um konsequent ein Angriffsspiel aufzuziehen, musst du unglaublich gut servieren und vollieren. Ich spiele während der Saison zu selten so.

Seit 2015 dauert die Rasensaison eine Woche länger. Hat sich dies auf das Niveau positiv ausgewirkt?
Ich sehe keinen grossen Fortschritt. Ein Fortschritt wäre für mich, wenn viele anfangen würden, Serve-and-Volley zu spielen. Das Problem ist aber: In Wimbledon ist der Rasen zu gut, zu perfekt. Die Leute retournieren und spielen von der Grundlinie dermassen stark, dass man das Transitiongame und das Serve-and-Volley-Spiel perfektionieren müsste. Doch ein kontrolliertes Spiel ist angenehmer, man fühlt sich weniger gestresst. Es ist mental nicht einfach, wegzustecken, dass man immer wieder passiert wird. Mit einer konsequent offensiven Philosophie musst du erwarten, immer wieder Punkte zu verlieren, wenn du ans Netz stürmst – im Wissen, dass nur das Endresultat zählt. Doch diese Denkweise haben die meisten Spieler nicht in der DNA.

Sie spielen seit über 20 Jahren in Wimbledon, haben achtmal triumphiert. Welche Matches stechen für Sie heraus?
Der Sieg 2001 über Sampras. Das war ein absoluter Traummatch. Speziell war auch der Final gegen Mark Philippoussis 2003. Da ging der Traum vom Wimbledon-Sieg in Erfüllung – für mich, meine Familie und die Schweiz. Es war fantastisch, das Gefühl zu haben, aufhören zu können und total happy zu sein – im Wissen: Ich bin auf Lebzeiten Wimbledon-Sieger. 2007 war auch speziell, als ich zum fünften Mal in Folge gewann und Björn Borg im Stadion sass. 2009 schlug ich Andy Roddick mit 16:14 im fünften Satz und übertraf den Grand-Slam-Rekord von Sampras. Das waren alles Meilensteine. 2012 wurde ich dann mit dem Titel noch einmal die Nummer 1.

Was war das schlimmste Erlebnis? Die Finalniederlage 2008 gegen Rafael Nadal?
Irgendwie ist es ein Lieblingsmatch von allen, auch von mir, denn wir konnten Geschichte schreiben. Mit diesem Match sind wir im Gespräch, wenn über die besten Spiele in der Tennisgeschichte diskutiert wird, daher sehe ich es heute positiv. Andererseits wusste ich damals: Ich werde nie mehr die Chance bekommen, Wimbledon sechsmal hintereinander zu gewinnen, was ein Rekord gewesen wäre.

Was tat Ihnen denn mehr weh?
Ich hadere mehr mit den Erstrundenniederlagen, jene 2002 gegen Ancic war vielleicht die schlimmste überhaupt. Ich hatte insgeheim gehofft, den Titel zu holen, und dann schied ich sang- und klanglos aus. Das tat weh. Hart waren auch die Niederlagen gegen Tsonga (2011), als ich mit 2:0 in den Sätzen geführt hatte, und 2018 gegen Anderson, als ich einen Matchball vergeben hatte. Fast immer, wenn ich in Wimbledon ausschied, war es sehr knapp. Da hast du immer das Gefühl, es hätte anders laufen können. Aber ich trauere den Niederlagen nicht nach, so lebe ich nicht.

Auf Gras entscheiden oft zwei, drei Punkte. Macht Sie der Rekord von 65 Siegen in Serie auf Rasen besonders stolz?
Ja, schon. Es ist wirklich nicht einfach, auf Rasen Siegesserien hinzulegen. Es ist oft sehr knapp, ein Schlag kann viel ausmachen. Du triffst einen Ball zu spät oder einen falschen Entscheid, oder der Gegner hat etwas Glück, und plötzlich steckst du in riesigen Problemen. Es war eine unglaubliche Zeit, als ich in Halle und Wimbledon immer gewinnen durfte.

Weshalb spielen Sie so gern auf Rasen? Macht es gerade der Nervenkitzel aus?
Vielleicht. Zudem habe ich die Möglichkeit, immer wieder ans Netz zu stürmen und die Ballwechsel kurz zu halten. Der Ball bleibt nach dem Slice tief, und wenn mein Gegner nichts riskiert, kriege ich die Möglichkeit, draufzuhauen. Du kannst nicht nur abwarten, jeder muss versuchen, etwas zu kreieren – das ist für mich das Schöne am Rasentennis. Auch das Bewegen ist speziell; du musst vorsichtig und doch explosiv sein, das kann nicht jeder. Auf Rasen zu spielen, ist ausserdem ein beruhigendes Gefühl, alles ist weich, gedämpft, du hörst das Quietschen der Schuhe nicht.



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Erstellt: 30.06.2019, 18:35 Uhr

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