So stehen die Schweizer Chancen – vier Trümpfe am US Open

Federer, Wawrinka, Bencic und Bacsinszky: Der Formstand, die Ausgangslage.

Dank den vier Tennis-Stars gehört die Schweiz am US Open zu den Top-Nationen: Belinda Bencic (oben links), Roger Federer, Stan Wawrinka und Timea Bacsinszky. Bilder: Keystone

Dank den vier Tennis-Stars gehört die Schweiz am US Open zu den Top-Nationen: Belinda Bencic (oben links), Roger Federer, Stan Wawrinka und Timea Bacsinszky. Bilder: Keystone Bild: Reuters

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2011 sah es noch danach aus, als ob das Schweizer Profitennis auf einen Abgrund zusteuern würde. Roger Federers Kurve zeigte abwärts, er hatte sogar am Lieblingsturnier in Cincinnati früh verloren, während ­Novak Djokovic Sieg an Sieg reihte. Stanislas Wawrinka stagnierte (und scheiterte am US Open in Runde 2), und Schweizerinnen traten in New York keine an: ­Timea Bacsinszky fehlte, Belinda Bencic war erst eine ziemlich gute 14-Jährige und Martina Hingis zurückgetreten.

Und nun das: Vier Jahre später ist die Schweiz ab morgen an einem Grand-Slam-Turnier erstmals durch ein Quartett unter den Top 16 der Gesetzten vertreten. Federer und Wawrinka, die gestern gemeinsam trainierten, gehören wie Bencic sogar zum erweiterten Kreis der Titelanwärter. Die Schweiz verfügt damit über eine der stärksten Delegationen; über vier Trümpfe, um die sie in Flushing Meadows von vielen beneidet wird.

Zum Beispiel vom deutschen «Tennis-Magazin». Dieses machte sich die Mühe, alle Grand-Slam-Ergebnisse 2015 nach Nationen aufzusplitten und die Punkte zu addieren. Während Deutschland erst auf Rang 10 auftaucht, belegt die Schweiz unter 55 Nationen Rang 3, hinter den USA und Serbien, die von den Erfolgen von ­Serena Williams und Novak ­Djokovic getragen werden.

«Die kleine Schweiz? Da ist weniger ganz klar mehr»

Einzig Spanien, Frankreich und Tschechien stellen am US Open ebenfalls vier der je ersten 16 der Gesetzten. Dass die Schweiz nur über eine Minidelegation von Grand-Slam-Spielern verfügt, ist die Kehrseite der Medaille. Während die USA (30), Frankreich (28) und Deutschland (23) zumindest in der Quantität beeindrucken können, herrscht hinter dem Topquartett gähnende Leere – abgesehen von Hingis, die im Doppel Titel um ­Titel sammelt. «Die kleine Schweiz? Da ist weniger ganz klar mehr», schlussfolgert das «Tennis-Magazin» denn auch.

Die vier helvetischen Trumpfkarten stachen 2015 alle auch ­abseits der Majorturniere: French-Open-Champion Wawrinka siegte auch in Chennai und Rotterdam, Federer holte in Cincinnati schon seinen fünften Titel der Saison, Bacsinszky und Bencic gewannen beide je zwei Turniere. Beide ­gehörten Anfang 2014 nicht zu den Top 200, beide stehen nun erstmals in den Top 15. Hier hören die Gemeinsamkeiten aber auf.

Die Ausgangslage des Schweizer Quartetts präsentiert sich vor dem US Open ohnehin höchst unterschiedlich. Am höchsten gehandelt wird einmal mehr ­Federer. Er hatte am US Open von 2004 bis 09 stets den Final erreicht und die ersten fünf davon gewonnen. Inzwischen ist es aber das Majorturnier, an dem er am längsten nicht mehr im Endspiel stand; 2014 stellte sich ihm Marin Cilic in den Weg. «Ich fühle mich gut und habe sicher eine Chance. Aber es wäre vermessen, zu weit vorauszuschauen», sagte er gestern. Es sei für ihn eine böse Überraschung gewesen, dass er gegen Leonardo Mayer (Arg/ATP 33) starten müsse, «ich war überzeugt, er sei gesetzt».

Federer gewann in Cincinnati eben sein erstes Turnier als 34-Jähriger und überrumpelte dabei auch Djokovic mit seinem neusten Schlag, ­einem aggressiven Halbvolley-Return. «Die Bedingungen in New York erlauben es mir, diesen Schlag auch hier zu spielen», sagte Federer, «mal schauen». Er begrüsst es, dass das US Open vom «Super ­Saturday» abgekommen ist. Die Halbfinals der Männer finden neu am zweiten Freitag statt.

Der Baselbieter, der wie ­Wawrinka und Bacsinszky am Dienstag erstmals antritt, ist auch in den USA der sentimentale Favorit vieler. Und viele sehen es wie Pete Sampras, der sagte: «Ich denke, er hat noch einen Grand-Slam-Titel in sich. Er ist fit, in Form und hat nicht nachgelassen.» Allerdings müsste dazu alles optimal laufen, schränkte er ein. «Der Mann, den es zu schlagen gilt, ist Djokovic.»

Auch Wawrinka wird der Titel von vielen zugetraut, ist er doch neben Djokovic der erfolgreichste Grand-Slam-Spieler der vergangenen zwei Jahre. Wie gut ihm auch das US Open liegt, zeigte er 2013, als er gegen den Serben im Halbfinal erst nach einer 2:1-Satzführung verlor. Eine weitere Fünfsatzniederlage beendete sein Turnier 2014, gegen Kei Nishikori. Für den Lausanner ist es wichtig, gut ins Turnier zu finden und sich wieder ganz auf das Tennis konzentrieren zu können, nachdem ihn zuletzt der schmerzende Rücken und der «Fall Kyrgios» stark beschäftigten. Gemäss Auslosung könnte er hintereinander auf Murray, ­Federer und Djokovic treffen.

Hartes Los für Bencic, Schlüsselpartie für Bacsinszky

Hart traf das Los auch Bencic, die zuletzt innerhalb von zehn Tagen acht Top-26-Spielerinnen schlug, darunter Serena Williams. Die 18-Jährige, die vergangene Woche das Turnier in New Haven wegen Handgelenkproblemen ausliess, musste aber erfahren, dass auch eine gute Setzung nicht vor einer schwierigen Auslosung schützt. Bereits in Runde 3 könnte sie auf Venus Williams treffen, im Viertelfinal dann auch auf deren Schwester Serena, die grosse Favoritin. Bencic war am US Open vor einem Jahr mit Siegen über Kerber und Ivanovic zur jüngsten Viertelfinalistin seit 1997 geworden.

Timea Bacsinszky dagegen ist seit Wimbledon mit drei Niederlagen in Folge aus dem Takt geraten; in Toronto unterlag sie Alison Riske (48), in Cincinnati Madison Keys (19) und in New Haven ­Caroline Garcia (36). Nun trifft die Weltnummer 14 auch gleich auf eine Spielerin, gegen die sie beide bisherigen Duelle verloren hat; die Tschechin Barbora Strycova. Ein Sieg könnte aber reichen, um die Lausannerin zurück in die Spur zu bringen, die sie in Roland Garros in den Halbfinal (gegen Williams) und in Wimbledon unter die letzten Acht trug.

Erstellt: 31.08.2015, 18:03 Uhr

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