Den Durchblick verloren

Warum Wawrinkas Niederlage gegen Del Potro nur in Wimbledon möglich war.

Das nächste Mal besser hinschauen! Stan Wawrinka ärgert sich, dass er einen Ballabdruck überprüfen liess, der klar im Feld gelandet war. Foto: Paul Childs (Reuters)

Das nächste Mal besser hinschauen! Stan Wawrinka ärgert sich, dass er einen Ballabdruck überprüfen liess, der klar im Feld gelandet war. Foto: Paul Childs (Reuters)

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Seit die Grand-Slam-Turniere ihre Gesetztenlisten von 16 auf 32 erhöhten, sind Schlagerpartien mit zwei grossen Namen in frühen Runden Rarität geworden. Bis 2008 muss man zurückgehen, um ein Zweitrundenspiel mit zwei Majorsiegern zu finden (Djokovic vs. Safin). Gestern war es mit dieser Partie zwischen Stan Wawrinka und Juan Martin Del Potro, dem US-Open-Sieger 2009, wieder so weit.

Dabei unterlag der nach Djokovic erfolgreichste Grand-Slam-Spieler der letzten drei Jahre einem Mann, der sich in dieser Zeit dreimal am linken Handgelenk operieren liess, nur auf Rang 165 liegt und schon den Rücktritt erwog. Wie war dieses 6:3, 3:6, 6:7, 3:6 möglich? Die Antwort heisst: Wimbledon – und Rasentennis. Auf diesem speziellsten Belag, auf dem Aufschlag, Selbstvertrauen und Tagesform zentrale Rollen zukommen, können kurze Schwächephasen entscheidend sein.

Eine solche erlebte Wawrinka im zweiten Satz, als er mit einem Vorhand-, einem Rückhand- und einem Doppelfehler aus dem Nichts 1:3 zurückfiel. Nach diesem geschenkten Break war nichts wie vorher. Der fast zwei Meter grosse «Turm von Tandil» schöpfte Vertrauen und erinnerte wieder an jenen Mann, der auch Roger Federer bittere Niederlagen zufügte. Wawrinka rannte nun dauernd einem Rückstand hinterher, während der Argentinier, vom Publikum getragen, in einen Spielrausch geriet und vor Erregung bebte, als er vom Platz kam.

Der Favorit spürte, wie ihm die Partie entglitt, fand aber kein Mittel, es zu verhindern. Zumal Del Potros Schwachstelle, die Rückhand, auf dem Rasen kaum zu attackieren war. Mit Slice-Bällen verteidigte sich der Argentinier geschickt – um bei jeder Gelegenheit seine mächtige Vorhand zu entladen, gemäss John McEnroe einer der besten Schläge der Tennisgeschichte – was wohl auch für den Aufschlag gilt.

Als folgenreich erwies sich, dass Wawrinka in dieser Rasensaison nichts für das Selbstvertrauen tun konnte.

Als folgenreich erwies sich, dass Wawrinka in dieser Rasensaison nichts für sein Selbstvertrauen hatte tun können. Im Queen’s Club hatte er gleich das Startspiel verloren, worauf er gezwungen war, zwei Wochen mit Training zu überbrücken. Und Rasen ist der Belag, auf dem der Lausanner am längsten braucht, zur Bestform zu finden. Der Mangel an Spielpraxis und Selbstvertrauen zeigte sich auch im wichtigen Tiebreak des dritten Satzes, das eine weitere Schwäche­periode brachte. Er verlor es 2:7, genau wie in der 1. Runde gegen Taylor Fritz.

Verwirrt durch Krajicek?

Das Experiment, mit dem früheren Wimbledon-Sieger Richard Krajicek temporär einen Rasenexperten ins Team geholt zu haben, scheint auf den ersten Blick gescheitert. Es stellt sich sogar die Frage, ob ihn der Holländer nicht sogar mit Informationen überflutete und damit mitverantwortlich sein könnte für das Aus. Diese Spekulation wies Wawrinka zurück. Krajicek habe eine gute Vision seines Spiels, die Diskussionen mit ihm und Coach Magnus Norman seien wertvoll gewesen, auch für die Zukunft. Er habe ja wegen Krajicek nicht sein ganzes Spiel umstellen wollen. Wie es mit ihm weitergehe, werde noch entschieden.

Seine Taktik sei zu Spielbeginn klar gewesen, sagte Wawrinka. Doch er gab zu, dass sich je länger, je mehr Zweifel in seinem Kopf einnisteten, dass er zu viel zu überlegen begann und den Durchblick verlor. Wie bei jener Szene, als er den Videobeweis aufrief nach einem Aufschlag des Gegners, der so klar im Feld war, dass er sich danach scherzhaft mit den Händen selber eine Brille vor die Augen hielt.

Wawrinkas Rasensaison verlief mit nur einem Sieg ernüchternd. Es bringe nichts, nun Schläger zu zerbrechen, er wolle diese Niederlage intelligent verarbeiten und daraus lernen, konstatierte er. Allzu hart muss er mit sich nicht ins Gericht gehen. Seine Leistung hätte gegen wohl fast alle der üblichen Gegner gereicht. In der Weltrangliste bleibt er vielleicht sogar Fünfter – und die nächste Chance kommt bald.

Erstellt: 01.07.2016, 22:53 Uhr

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