Den Frauen gehört die Tennis-Zukunft

Der Schweizer Verband hat die Euphorie um Roger Federer zu spät genutzt. Bei den Männern droht ein Loch.

Auf spielerische Weise Richtung Weltspitze: Nachwuchsspieler beim Training. Foto: Tim Hall (Getty Images)

Auf spielerische Weise Richtung Weltspitze: Nachwuchsspieler beim Training. Foto: Tim Hall (Getty Images)

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Es schwingt Wehmut mit, wenn Roger Federer und Stan Wawrinka ab heute in Genf gegen ­Holland um den Verbleib in der Weltgruppe spielen. Denn es könnte das letzte Mal sein, dass sie gemeinsam im Davis-Cup auftreten. Der Teamwettbewerb geniesst für sie im gedrängten Olympiajahr 2016 keine Priorität, und Federer ist 34. Man könnte also nächstes Jahr im Davis-Cup einen Vorgeschmack darauf erhalten, was einen im Schweizer Männertennis nach der Ära Federer/Wawrinka erwartet. Es wird sich anfühlen wie ein Kater nach einem rauschenden Fest. Verwöhnt von Federers Feingefühl und Wawrinkas Wucht, wird man vorliebnehmen müssen mit Mittelmass. Der bestklassierte Schweizer hinter dem Topduo ist derzeit Adrien Bossel auf Rang 265.

Kein Patentrezept für Champions

Fragt sich also: Hat es das Schweizer Tennis versäumt, den Federer-Effekt zu nutzen? Zuerst ist dazu zu bemerken, dass es eine naive Vor­stellung ist, man könne Grand-Slam-Sieger produzieren. Dieser Sport ist viel zu komplex, als dass es ein Patentrezept gäbe, um Champions hervorzubringen. Sonst würden die vier Grand-Slam-­Nationen mit ihren fast unerschöpflichen Mitteln das Tennis dominieren. Das tun sie aber nicht. Die Amerikaner und Australier warten schon über 10 Jahre auf ihren nächsten Major-Titel bei den Männern, die Franzosen über 30. Die Ausnahme ist Grossbritannien, das in Andy Murray nach 77 Jahren wieder einen männlichen Grand-Slam-Champion gefunden hat.

Was ist also für unser kleines Alpenland nach Federer und Wawrinka realistisch? Seit Heinz Günthardt gegen Ende der Siebzigerjahre in die grosse Tenniswelt hinauszog, war die Schweiz verwöhnt mit Ausnahmespielern. Es folgten Jakob Hlasek und Marc Rosset, ehe Federer übernahm und Wawrinka nachzog. Es kann gut sein, dass die Schweiz danach bei den Männern mehrere Jahre keinen Top-100-Spieler mehr hat. Von den 19- bis zu den 29-Jährigen klafft ein Loch, was Spieler von internationalem Format betrifft. Die Versäumnisse dafür liegen schon länger zurück. Mit der Zusammenarbeit mit Partner­akademien, um Know-how-Transfer und Talentfluss zu verbessern, dem Ausbau des Leistungszentrums in Biel und der Ausrichtung von kleineren Turnieren und internationalen Junioren-Events zog Swiss Tennis in den letzten Jahren die richtigen Lehren. Doch bis das Früchte trägt, dauert es seine Zeit.

2015 hatte Swiss Tennis mit Marko Osmakcic (17) und Johan Nikles (18) erstmals seit längerem wieder zwei Spieler an Junioren-Grand-Slams. Immerhin. Eine Karriere garantiert das aber längst nicht. Von drei Junioren, die auf diese Stufe ­kommen, schafft es im Schnitt einer in die Top 100. Bei den Mädchen, wo die Leistungsdichte geringer ist, sind die Aussichten besser. Das Ziel muss also sein, die Basis zu verbreitern, um möglichst viele Talente zu bekommen, die eine Chance auf eine Karriere haben. Erst kürzlich wurde mit «Kids Tennis» ein Programm eingeführt, das Kinder auf spielerische Weise an den Sport heranführt, indem sie für ihre Teams (Löwe, Papagei, Delfin) Punkte sammeln.

Die Pluspunkte der Schweiz

Die kleine Schweiz hat durchaus Pluspunkte: Die Infrastruktur ist hervorragend, Courts sind gut übers Land verteilt. An vielen Orten herrscht ein aktives Clubleben. Und der föderalistische Gedanke zeigt sich in der Eigeninitiative – man sucht selbst lokal Lösungen, statt sich darauf zu verlassen, dass es jemand für einen richtet. Gute Beispiele dafür sind die Erfolgs­geschichten von Martina Hingis, Stan Wawrinka und Belinda Bencic. Federer, der mit 14 ins Leistungszentrum in Ecublens zog, ist also eher die Ausnahme.

Eine Baisse ist bei den Männern nach Federer und Wawrinka unvermeidlich. Doch es gibt zwei gute Nachrichten: Erstens deutet viel darauf hin, dass der Baselbieter auch nach 2016 weiterspielt. Und Wawrinka ist erst 30, hat als Spätzünder noch einige gute Jahre vor sich. Zweitens sieht es bei den Frauen wieder sehr gut aus. Mit Bencic (18) und Timea Bacsinszky (26) hat die Schweiz zwei Spielerinnen in der Weltspitze. Und bei Bencic, die all ihren Altersgenossinnen weltweit voraus ist, ist die Chance gross, dass sie dereinst Grand-Slam-Titel gewinnt. Mit anderen Worten: Die Zukunft des Schweizer Tennis ist durchaus ­erfreulich – man muss sich nach Federer und Wawrinka einfach wieder den Frauen zuwenden.

Erstellt: 17.09.2015, 23:56 Uhr

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