Der Champion der Beharrlichkeit

Novak Djokovic schreibt mit dem French-Open-Titel die Tennisgeschichte um.

Novak Djokovic lässt sich nach seinem Turniersieg von den Ballmädchen feiern. Foto: Nicolas Gouhier (Reuters)

Novak Djokovic lässt sich nach seinem Turniersieg von den Ballmädchen feiern. Foto: Nicolas Gouhier (Reuters)

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Novak Djokovic mag zwar nicht das Charisma eines Björn Borg, eines Roger Federer oder eines Rafael Nadal haben. Auch für die spektakulärsten Schläge der Highlight-Shows ist er kaum einmal verantwortlich. Trotzdem arbeitet er sich dank seiner Effizienz in der ­Tennisgeschichte unentwegt weiter hoch und hat mit dem French-Open-Sieg nun eine Marke gesetzt, die selbst Nadal und Federer, in deren Schatten er jahrelang stand, nicht erreichten.

Im 3:03 Stunden dauernden, nur selten packenden Final von Roland Garros kam die 29-jährige Nummer 1 mit dem 3:6, 6:1, 6:2, 6:4 gegen Andy Murray in seinem vierten French-Open-Final zum ersten Titel. Er ist der erste Spieler seit 47 Jahren und Rod Laver, der alle vier Majortitel in Folge gewann.

Es sei «der speziellste Moment meiner Karriere», sagte er danach. Alles andere hätte überrascht. Er musste diesen Paris-Titel erdulden und erleiden, brauchte zwölf Anläufe und damit mehr als je ein Sieger zuvor. Doch nun eröffnet sich ihm die Chance, auch den «richtigen» Grand Slam zu holen, den Gewinn der vier Major­turniere im gleichen Jahr. Er könnte das sogar noch mit Olympiagold veredeln. Dafür entstand 1988 der Begriff «Golden Slam», als Steffi Graf ebendiese fünf Titel alle gewann.

Djokovic ist erst der Dritte, der die vier Majors hintereinander holte, nach Laver (62/69) und Donald Budge (1938), die beide darauf auch den Grand Slam schafften. Mit nun zwölf dieser Titel lässt er Borg hinter sich und schliesst zu Roy Emerson auf, der diese Liste jahrelang anführte, ehe er erst von Pete Sampras, dann von Federer und Nadal passiert wurde.

Murray bald nur noch Statist

Dass Djokovic seinen Meilenstein ausgerechnet am ersten Turnier des Jahrtausends schaffte, an dem Federer fehlte und Nadal aufgeben musste, ist nicht sein Fehler. Im Gegenteil: Es ist sein Verdienst, dass er so lange hinter den beiden ausharrte und sich stetig verbesserte, bis seine Zeit gekommen war. Und seit sie gekommen ist, zeigt er eine bewundernswürdige Beharrlichkeit darin, alle Aspekte seiner Karriere zu optimieren – von der (fast veganen) Ernährung über die Athletik und die Technik bis zur Schulung des Geistes.

Auch dafür, dass es zu einem wenig spannenden Endspiel kam, konnte er nichts. Murray begann zwar stark, profitierte im ersten Satz aber auch von ungewohnten Fehlern. Als Djokovic dann seinen Rhythmus fand, fehlten dem Schotten die Mittel, und er fügte sich bald in sein Schicksal, einen weiteren Majorfinal zu verlieren – schon den achten von zehn. Er wirkte hilf- und ideenlos, ganz anders als zuvor gegen Stan Wawrinka.

Djokovic hatte in den Pariser Endspielen 2014 und 15 gegen Nadal und den Lausanner selber den ersten Satz gewonnen und dann die folgenden drei verloren. Nun schien es, als ob ihn dieser Rückstand befreien würde. Ab dem zweiten Satz dominierte er fast nach Belieben. Was hätte geschehen können, wenn ihm Murray mehr Widerstand geleistet hätte, darüber lässt sich nur spekulieren. Ein Indiz war, dass Djokovic ausgerechnet dann wieder Schwächen zeigte, als er bei 5:2 erstmals zum Turniersieg aufschlug und sein drittes Break hinnehmen musste. Beim zweiten Versuch, die Partie als Aufschläger zu beenden, vergab er die ersten zwei Matchbälle mit Fehlern, beim dritten erlöste ihn Murray mit einem Rückhandfehler.

Kein Herausforderer in Sicht

Der Serbe ist der achte Mann, der alle vier Majortitel gewinnen konnte ­(«Karriere-Grand-Slam»). Nur einer seiner Vorgänger war dabei älter, Andre Agassi. Angesichts seiner körperlichen und mentalen Frische und des Fehlens eines echten Herausforderers deutet momentan aber nichts darauf hin, dass seine Dominanz bald enden könnte. Im Gegenteil: Er scheint der Konkurrenz immer noch weiter zu enteilen.

Ob Djokovic in Paris viele neue Fans gewonnen hat, muss sich noch zeigen. Die grossen Anstrengungen, die er in dieser Hinsicht in den letzten 14 Tagen unternahm, gipfelten darin, dass er wie einst Gustavo Kuerten ein Herz in den Sand ritzte und sich hineinlegte. Es war der am wenigsten überzeugende Teil seines geschichtsträchtigen Auftritts.

Erstellt: 05.06.2016, 22:14 Uhr

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