Der Davis-Cup als Auslaufmodell

Die Schweiz verteidigt ihren Platz in der Weltgruppe ohne Federer und Wawrinka. Ein schöner Erfolg – doch der Wettbewerb braucht dringend Reformen.

Spärlich gefüllte Swiss-Tennis-Arena: Der Gegner Weissrussland lockte nur wenige Zuschauer nach Biel. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

Spärlich gefüllte Swiss-Tennis-Arena: Der Gegner Weissrussland lockte nur wenige Zuschauer nach Biel. Foto: Alexandra Wey (Keystone)

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Es war ein wunderbarer Sonntag für Marco Chiudinelli, es war ein Tag der Genugtuung für Henri Laaksonen und ein weiteres Davis-Cup-Wochenende, auf das Severin Lüthi als Schweizer Captain stolz sein durfte. Auch ohne Roger Federer und Stan Wawrinka behauptete das Schweizer Team seinen Platz in der Weltgruppe der 16 besten Nationen – wie schon letztes Jahr, als es überraschend in Taschkent gegen Usbekistan siegte.

Er sei froh, dass die Schweiz auch nächstes Jahr in der obersten Liga des Davis-Cups angreifen könne, sagte Chiudinelli nach seinem zweiten Sieg in dieser Begegnung. Der 36-Jährige hatte erstmals in seiner langen Davis-Cup-Laufbahn ein entscheidendes fünftes Spiel bestritten und dieses souverän gewonnen gegen Jaroslaw Schyla. Dieser hatte am Freitag alles auf den Kopf gestellt mit seinem Erfolg im Starteinzel gegen Laaksonen. Dieser wiederum rehabilitierte sich am Sonntag, indem er sein zweites Einzel sicher gewann und zum 2:2 ausglich.

Chiudinellis Hoffnung, dass die Schweiz 2018 wieder in den Kampf um die «hässlichste Salatschüssel der Welt» eingreifen könnte, dürfte aber Wunschdenken bleiben. Solange Federer und/oder Wawrinka nicht dabei sind, ist schon der Nichtabstieg für die Siegernation von 2014 ein grosser Erfolg. Davon muss in Zukunft ausgegangen werden. Und zudem deutet vieles darauf hin, dass Chiudinelli noch dieses Jahr zurücktreten wird und dies seine persönliche Abschiedspartie im Davis-Cup war. Das sei sehr gut möglich, aber noch nicht sicher, sagte er.

Zur Randerscheinung mutiert

Dass die Schweiz zum zweiten Mal in Folge ohne ihre Grand-Slam-Champions den Abstieg verhindern konnte, zeigt, dass die vermeintliche Wüste hinter den beiden Topstars lebt. Neben Federer und Wawrinka gibt es weitere Schweizer, die international auf gutem Niveau mithalten können. Nicht vergessen werden darf indes, dass Weissrussland ohne seine drei bestklassierten Einzelspieler antrat. Dies wiederum ist symptomatisch und weist auf ein Grundsatzproblem des 117 Jahre alten Wettbewerbs hin: Er hat sich abgenutzt, ist zu einer Randerscheinung im Tennisjahr mutiert, die nur noch lokal interessiert. Oder wüssten Sie gerade noch, wer letztes Jahr den Final gewann? (Argentinien siegte in Kroatien.) Der Davis-Cup ist für viele Spieler zur Belastung geworden, der sie nach Möglichkeit aus dem Weg gehen.

«Der Davis-Cup braucht nun ein Erdbeben, keine Kosmetik», sagt ITF-Vize Stammbach.

Die Musik in Teamwettbewerben spielt immer mehr an anderen Orten. Zum Beispiel diese Woche in Prag, wo an der Premiere des von Federer lancierten Laver-Cup die aktuell verfügbar fünf besten Europäer, die drei besten Amerikaner, der beste Südamerikaner und der beste Australier den Kontinentalwettkampf zwischen Europa und dem Rest der Welt bestreiten. Und vielleicht spielt die Musik schon bald auch am World-Team-Cup, den die ATP als Zehntagesturnier im Januar 2019 neu lancieren will, mit Weltranglistenpunkten und bis zu 24 Nationen zu fünf Spielern.

Auch dieser Wettbewerb wäre ein massiver Angriff auf den Davis-Cup, zugleich aber auch auf den Hopman-Cup in Perth – jenes Mixed-Turnier, das Federer auch 2018 wieder bestreiten will und das wie der Davis-Cup dem Internationalen Tennisverband (ITF) unterstellt ist. Kein Wunder, schrillen dort die Alarmglocken. René Stammbach, Vizepräsident der ITF, erklärte am Rande der Begegnung von Biel, dass der Davis-Cup endgültig radikal verändert werden müsste. «Nun braucht es ein Erdbeben, keine Kosmetik mehr», sagt er. Ihm schwebt vor, dass nur noch die erste Runde in Heim- und Auswärtsspielen ausgetragen wird und es danach zu einem neuen Grossanlass mit den acht verbleibenden Nationen kommen würde, der innert einer Woche oder zehn Tagen durchgezogen werden könnte, inklusive des Fed-Cups der Frauen.

Auch Stammbach findet es nicht mehr zeitgemäss, dass der Davis-Cup vier Wochen im Jahr besetzt und die Spieler oft zu unsinnigen Reisen zwingt. Der Weltverband wurde im August von seinen Mitgliedern in den Reformbemühungen zwar zurück­gebunden, hat aber freie Hand bekommen, Neuerungen zu testen. Für ihn ist der Davis-Cup eine Milchkuh, von der er sehr gut lebt – während die meisten Landesverbände mit ihm Geld verlieren. Auch deshalb unterliess es die ITF jahrelang, den Wettkampf zu modernisieren, ins 21. Jahrhundert zu führen. Dafür erhält sie nun die Quittung.

Erstellt: 17.09.2017, 22:22 Uhr

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