Der Evergreen mag nicht ans Ende denken

Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass Roger Federer dem Tennis auch 2020 treu bleiben wird. Vor seinem 21. Start im Hauptturnier von Wimbledon wirkt er verjüngt und erstarkt.

Mit fast 38 Jahren den meisten immer noch einen Schritt voraus: Roger Federer in Wimbledon.

Mit fast 38 Jahren den meisten immer noch einen Schritt voraus: Roger Federer in Wimbledon. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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127 der 128 Männer sind zurückgetreten, die in Wimbledon vor 20 Jahren antraten. Übrig geblieben ist einer, und das Verrückte daran: Dieser spielt auch 2019 nicht einfach nur mit, sondern gilt als stärkster Herausforderer von Novak Djokovic, dem Titelverteidiger und der Nummer 1. Roger Federer geht als sentimentaler Liebling und erfolgreichster Spieler der Geschichte auf Rasen in sein 21. Wimbledon, als Nummer 2 der Gesetztenliste und einziger dreifacher Turniersieger dieser Saison.

Seine langen Haare von früher sind gewichen, die neue Kurzhaarfrisur offenbart Ansätze von Geheimratsecken. Doch Federer, der das Tennis qualitativ auf eine neue Ebene gehievt hat, ist in der Spätphase seiner Karriere auch quantitativ in neue Sphären vorgestossen – ohne an Klasse zu verlieren.

Rekordsieger – und nun auch Rekordteilnehmer

Der Schweizer ist in Wimbledon mit acht Titeln Rekordsieger und neu auch alleiniger Rekordteilnehmer, vor Jimmy Connors (20). Erreicht er die Halbfinals, würde er in Wimbledon schon bei 100 Siegen stehen. Beinahe surreal mutet an, dass der vierfache Vater dieses Jahr sogar wieder stärker scheint als 2018, als er mit Problemen in der Schlaghand anreiste und im Viertelfinal eine schmerzhafte Niederlage gegen Kevin Anderson hinnehmen musste, trotz 2:0-Satzführung und einem Matchball.

Seine Situation erinnert eher an 2017, als er ohne Satzverlust zum 8. Wimbledon-Sieg gestürmt war. Zwar verfehlte er dieses Jahr den Titelhattrick am Australian Open, doch seine Turniersiege 100 bis 102 in Dubai, Miami und Halle und seine starke Matchbilanz von 38:4 geben seinem Selbstvertrauen auch so genügend Nahrung. Im Gegensatz zu letztem Jahr, als er die Sandsaison ausgelassen hatte, brachte ihn die gelungene Rückkehr auf diesen Belag mit dem Halbfinal am French Open zudem spielerisch auf eine solidere Basis, insbesondere in der Defensive.

Das Ziel sei, 2019 zurückzukommen und es besser zu machen, hatte Federer nach der Niederlage gegen Anderson erklärt, an der er mehr zu nagen hatte, als er damals zugab. So hatte er nicht abtreten wollen, mit einer Niederlage auf Court 1. Federer ist in Wimbledon der Mann des Centre Courts, er war darin jahrelang der Hausherr und hat dort 89 seiner 107 Wimbledon-Einzel bestritten, vor dem Spiel gegen Anderson 19 in Folge.

Seine anhaltende Stärke und Fitness sind ebenso ungewöhnlich wie sein Durchhaltevermögen. Schon jetzt hat er am meisten Grand-Slam-Turniere bestritten (77), und alles deutet darauf hin, dass er auch 2020 weiterspielen wird. So äusserte er bei jedem ­Turniersieg dieser Saison die klare Absicht, nächstes Jahr zurückzukommen. Und weil unvorstellbar ist, dass er mitten in einer Saison freiwillig zurücktritt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass er auch 2020 durchspielen wird.

Das lange Warten auf einen neuen Grand-Slam-Champion

In Wimbledon bietet sich ihm ab Dienstag die Gelegenheit, der erste Spieler zu werden, der mit über 30 Jahren fünf Majortitel gewonnen hat – es wäre schon sein vierter nach dem 35. Geburtstag. Als härteste Rivalen zeichnen sich dabei einmal mehr seine langjährigen Weggefährten ab, Nadal und Djokovic, auf die er im Halbfinal respektive Final treffen könnte.

Dieses Trio hat die letzten zehn Grand-Slam-Titel unter sich aufgeteilt und sein Total auf 53 geschraubt (Federer 20, Nadal 18, Djokovic 15). Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Serie verlängert wird, scheint grösser als jene, dass das Männertennis erstmals seit fast fünf Jahren und Marin Cilic (US Open 2014) wieder einen neuen Majorchampion erhält.

An jedem wichtigen Ort einzeln verabschieden

Derweil scheint sich der Rest der Tenniswelt stärker mit dem Szenario von Federers Rücktritt zu beschäftigen als er selber. Der Amerikaner Andy Roddick, den er allein in drei Wimbledon-Finals besiegt hatte, äusserte gegenüber CNN die Hoffnung, dass es zu keinem abrupten Ende kommen werde. Die Tennis- und Sportwelt verdiene es, sich von Federer an jedem seiner wichtigsten Orte einzeln verabschieden zu können.



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Erstellt: 29.06.2019, 23:27 Uhr

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