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Der Federer-Kater

Simon Graf, Journalist des «Tages-Anzeigers», bloggt für Sie vom Australian Open. Heute über das Gefühl nach der bitteren Halbfinalniederlage von Roger Federer.

Frust in Down Under: Nicht alles hat in Melbourne geklappt für die Schweizer Tennis-Gemeinde.
Frust in Down Under: Nicht alles hat in Melbourne geklappt für die Schweizer Tennis-Gemeinde.
Keystone

Der Kollege von der «New York Times» sagte am Donnerstag früh, drei Uhr war schon vorbei, zu uns fleissigen Schweizern: «Ich glaube, wir haben den falschen Beruf gewählt. Wir hätten etwas Anständiges lernen sollen.» Rafael Nadal war ein paar Stunden zuvor ausgeschieden, womit die Tennisgeschichte, die auf den «Rafa Slam» hingesteuert hatte, umgeschrieben werden musste. Tags darauf, als auch Roger Federer gescheitert war und wir einer weiteren Nachtschicht entgegenblickten, mit mässiger Laune, dachte ich: Stimmt, er hat recht.

Es hatte wehgetan, Federer gegen Novak Djokovic zuzusehen, zu erleben, wie er, der Magier, auf dem Court für einmal so unerträglich normal aussah. Okay, Djokovic spielte gut, sehr gut sogar. Aber er hat nicht die Genialität Federers. Und wird sie nie haben. Er ist ein Allrounder, ein Tennisarbeiter auf höchstem Niveau, ein ausgezeichneter Athlet, ein äusserst ambitionierter und darüber hinaus noch sympathischer Profi. Aber er ist keiner, gegen den Federer in drei Sätzen verlieren sollte. Einfach so, ohne Drama.

Eigentlich hatte ich vor dem Halbfinal gedacht, es sei wieder einmal Zeit für einen Federer-Moment. Für einen jener, von denen wir schon viele erlebt haben, vor allem in Wimbledon, wo man über seine Perfektion manchmal nur noch den Kopf schütteln konnte. In der temporären Wohngemeinschaft, die ich in Melbourne mit dem Kollegen vom «Blick» bilde, kam, nachdem wir das Scheitern Federers journalistisch abgehandelt hatten, melancholische Stimmung auf. Wir erinnerten uns an schöne Siege, die wir mit ihm, dank ihm erlebt hatten, diskutierten bei einem «Tooheys Pils», was wohl noch zu erwarten sei. Als wir endlich Schlaf fanden, war es längst wieder hell.

Auch für Federer wird, was das Sportliche betrifft, die Sonne wieder aufgehen. Der kritische australische Kollege, der Lleyton Hewitt in einem scharfen Kommentar geraten hat, aufzuhören, bevor man vergesse, wie gross er als Spieler gewesen sei, traut Federer noch zwei Grand-Slam-Titel zu. Einen dieses Jahr in Wimbledon oder New York, einen später, quasi als Aussenseiter. Pete Sampras schaffte den perfekten Abgang, 2002 mit dem US-Open-Sieg, Monate, nachdem seine Karriere in Wimbledon auf dem «Friedhof der Champions» von George Bastl eigentlich beerdigt worden war.

Es wird interessant zu beobachten sein, wie Federer auf die neuerliche Enttäuschung reagiert. Er ist einer, der sich nach bitteren Niederlagen nicht gerne öffentlich hinterfragt, sehr wohl aber im kleinen Kreis. Hätte er das nicht getan, er hätte nie so lange den Sport dominieren können. Er hat uns, die ganze Schweiz all die Jahre auf eine wunderbare Reise mitgenommen. Nein, den Beruf haben wir nicht verfehlt. Und das letzte Kapitel in der Karriere des grössten Schweizer Sportlers ist noch längst nicht geschrieben.

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