Der Mann, der für Federer die Fäden zieht

Ron Yu hat schon über 7000 Rackets bespannt für den Maestro – dabei macht es ihm gar keinen Spass.

Roger Federer qualifiziert sich in Wimbledon souverän für den Achtelfinal. Video: SRF

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Wenn Roger Federer noch tief schläft, beginnt der Arbeitstag von Ron Yu. Es ist vier Uhr morgens und draussen noch dunkel, wenn er in seiner Mietwohnung in Wimbledon das Licht anmacht, Musik einstellt und sich an seine Bespannungsmaschine setzt.

Neun Rackets gilt es am Match­tag für den Schweizer zu bespannen, zwanzig Minuten dauert das pro Schläger. Dann werden sie in eine durchsichtige Plastikfolie verpackt und angeschrieben nach Bespannungshärte: hoch, mittel, tief. ­«Roger will fünf mit mittlerer Härte, zwei ­drüber und zwei drunter. Damit er nach Gefühl wechseln kann, wenn es kühler oder wärmer geworden ist.»

Bei Federer geht es schon automatisch

Am Abend vorher kommt jeweils das SMS Federers mit seinen Wünschen. Bevor er sich ins Bett legt, präpariert Yu die Schläger so, dass er frühmorgens gleich mit dem Bespannen beginnen kann. Er entfernt die Saiten, wickelt ein neues Band um den Griff, überprüft das Racket auf Risse. An feuchtfröhliche Nächte in Wimbledon Village, wo sich ausgeschiedene Spieler und deren Freunde, Coaches und Agenten im Pub Dog & Fox treffen, ist für den Amerikaner mit südkoreanischen Wurzeln nicht zu denken. Er muss fit sein, wenn wieder früh Tagwache ist. Wobei er sagt: «Ich habe für ­Roger schon so viele Rackets bespannt, dass ich nicht mehr nachdenken muss. Das geht automatisch.»

Weil ihn schon viele gefragt haben, hat Yu kürzlich ausgerechnet, wie viele Rackets er für Federer bespannt hat. «Es sind über 7000», sagt er. Das heisst, würde er rund um die Uhr bespannen, wäre er hundert Tage damit beschäftigt gewesen. In der Summe hat er über 70 000 Schläger bespannt. Es muss ihm also Spass machen, oder? «Na ja, der Akt des Bespannens ist nicht spannend», sagt der 51-Jährige. «Es ist etwa so, wie wenn man fünf Stunden T-Shirts zusammenlegt. Würde mein Job nur darin bestehen, in einem Kämmerchen ­Rackets zu bespannen, würde ich ihn nicht tun. Das Spannende sind die Beziehungen zu den Klienten, das Tennis, die Reisen.»


Roger Federer bei seinem ersten Auftritt mit Uniqlo:


«Ich unterstütze diese Menschen dabei, ihren Traum zu leben»

Yu hat fürs Gespräch eine Bank bei den Trainingsplätzen im ­Aorangi-Park vorgeschlagen, da er Milos Raonic noch bespannte Schläger geben muss. «Hi ­Milos, wie viele möchtest du?», fragt ihn Yu, als dieser vorbeikommt. «Nur eines», sagt Raonic. Yu zückt ein Racket aus einer Schlägertasche und reicht es ihm. Raonic nimmt es und läuft davon zum Warm-up für sein Spiel – er ist schon ganz in seiner Welt.

«Das Schönste an meinem Job ist, dass ich anderen helfe, ihre Kindheitsträume zu verwirklichen», fährt Yu fort. «Es ist ­selten, dass jemand im Leben wirklich das tut, wovon er als Kind geträumt hat. Und auch wenn mein Anteil klein sein mag, ich unterstütze diese Menschen dabei, ihren Traum zu leben.»

Seit 30 Jahren reist Yu als ­Bespanner um die Welt, seit 2001 spannt er mit dem Berufskollegen Nate Ferguson zusammen, der die Firma Priority One gegründet hat. 2004 am Turnier in Hamburg durften sie erstmals für ­Federer bespannen, in Wimbledon verteidigte dieser mit ihren Diensten kurz danach den Titel. «Wir wohnten damals praktisch Tür an Tür», erzählt Yu. «An jenem Abend kamen Roger und Mirka auf dem Weg zum Champions Dinner bei uns vorbei. Er sagte: ‹Lasst uns zusammen weiter­machen.›»

40 000 Dollar pro Jahr für den «goldenen Service»

23-mal hat Yu schon das Racket eines Grand-Slam-Siegers bespannt: 15-mal für Federer, 3-mal für Andre Agassi, 2-mal für Stan Wawrinka und je 1-mal für Lleyton Hewitt, Gustavo Kuerten und Lindsay Davenport. Aktuell haben Yu und Ferguson acht Kunden, die den «goldenen Service» gebucht haben, der einem den persönlichen Bespanner an allen grösseren Turnieren garantiert – für 40 000 Dollar pro Saison: Federer, Wawrinka, Djokovic, Murray, Raonic, Isner, Sock und Baghdatis.

Das Geld sei gut investiert, ­findet SRF-Kommentator Heinz Günthardt: «Wenn du immer den gleichen Bespanner hast, der auf der gleichen Maschine arbeitet, weisst du, was du hast.» Man sagt, Federer merke nur schon hundert Gramm Unterschied in der Bespannungshärte. Bei ihm kommt dazu, dass er eine Kombination von Darmsaiten (längs) und Polyestersaiten (quer) benutzt – was etwas komplizierter ist. Stan Wawrinka beispielsweise spielt nur mit Polyestersaiten, dafür mit einer ­höheren Bespannungshärte.

Das Thema Saiten ist ein kontroverses. «Nichts hat das Spiel so verändert wie sie», sagte Federer nun in Wimbledon. «Mit den Polyestersaiten hast du viel mehr Kontrolle. Selbst mit einer schlechten Technik kannst du voll draufschlagen, und der Ball landet im Feld.» Yu erinnert sich: «Als die Polyestersaiten aufkamen, sagte man, sie fühlten sich tot an. Heute reden alle von Kontrolle. Das zeigt, dass sie sich durchgesetzt haben.» Mit Poly­ester­saiten braucht man ­weniger Gefühl, aber mehr ­Power als mit Naturdarmsaiten. Diese werden in einem aufwendigen Verfahren aus Tierdärmen hergestellt, sind elastischer und werden auch für ­Musikinstrumente gebraucht. ­Federer setzt bei den Längs­saiten, die das Gespür für den Ball prägen, weiter auf Darm. Quer sorgen Polyestersaiten für Stabilität.

Die Polyestersaiten sorgen für mehr Verletzungen

«Richtig populär wurden Polyester­saiten, nachdem Kuerten damit 1997 das French Open gewonnen hatte», sagt Yu. Doch die Hüftprobleme, die der Brasilianer später bekam, offenbaren auch ihre Nachteile. Weil die ­Saiten kaum mehr mitschwingen, muss man härter schlagen – und so ­wirken grössere Kräfte auf den Körper. Die Folgen können Hand­gelenk-, aber auch Hüftprobleme sein. Siehe ­Nadal oder Murray. Ein Gegner der Kunststoffsaiten ist Guy Forget, der Pariser Turnierdirektor. Auch, weil das Spiel durch sie viel monotoner geworden sei.

Doch zurück zu Yu. Wenn ihn an Federer etwas fasziniere, dann, wie relaxt dieser stets sei. «Das ist wohl das Rezept für seine Lang­lebigkeit. Und seit er eine Familie hat, ist er noch entspannter.»

Nur selten schaut sich Yu Matchs im Stadion an, obschon ihm ­Federer Tickets besorgen würde. «Aber nachdem ich stundenlang bespannt habe, will ich meistens nur relaxen. Da schaue ich lieber am Fernsehen und trinke ein Bier.»

Einen Bonus gibts für ihn nicht bei Grand-Slam-Titeln, aber die Freude sei für ihn Bonus genug, sagt er. 2012 durfte er mit Federer ans Champion’s Dinner: «Ich war zwar müde, aber eine ­solche Einladung kann man nicht ausschlagen. Es war nett, wir ­waren eine lustige Gruppe. Es gab Reden, ein gutes Essen, dann kehrte ich zurück in die Wohnung, ­packte meine Maschine ein und fuhr direkt mit dem Taxi zum Flughafen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.07.2018, 09:02 Uhr

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