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Der neue Novak Djokovic in alter Stärke

Nach seinem überraschenden Wimbledon-Sieg stürmt der Serbe weiterhin zurück Richtung Spitze.

Teil eines rasanten Comebacks: Novak Djokovic schlägt Roger Federer im Final von Cincinnati. <i>(Video: SRF)</i>

Die Rückhand entlang der Linie schlägt er mit chirurgischer Präzision. Nach einem wichtigen Punktgewinn wird die animalische Gestik mit weit aufgerissenen Augen verstärkt. Nach einem Sieg verbeugt er sich auf alle vier Seiten der Tribüne. Die äusseren Zeichen deuten darauf hin, dass Novak Djokovic (ATP 6) wieder der Alte ist: Ein von extremem Ehrgeiz getriebener Topathlet, der nicht nur über aussergewöhnliche spielerische Fähigkeiten, sondern auch über die im kriegerisch geprägten Sportjargon als «Killerinstinkt» bezeichnete Eigenschaft verfügt, die Schwächen des Gegners gnadenlos auszunutzen.

Der Serbe selber hält hingegen fest: «Ich bin in vielerlei Hinsicht eine andere Person.» In einem langen Gespräch mit einem ESPN-Reporter sagt Djokovic, er sei zuallererst Vater zweier Kinder. «Ich liebe Tennis immer noch von ganzem Herzen und bin dankbar für die Möglichkeit, mich auf höchstem Niveau zu messen. Aber ich sehe mich anders. Am meisten interessiert mich, die Möglichkeiten zu entdecken, die mir meine Existenz auf diesem Planeten gibt – nicht nur als Tennisspieler, sondern auch als menschliches Wesen.» Viele seiner Aussagen hatten schon immer einen philosophischen Touch, doch nun bewegt er sich verbal vorwiegend auf dieser Ebene. «Pokale kann man nicht ins Grab nehmen», ist ein Satz aus besagtem ESPN-Interview, am US Open erzählt er Sachen wie: «Es ist nicht mehr, wie es einmal war. Als ich damit gesegnet wurde, Vater zu werden, änderten sich die Dinge. Die Vaterschaft fügte meinem Leben mehr Sinn und mehr Zweck hinzu, auch mehr Verantwortung.» Deswegen bestimmten die Resultate auch nicht mehr, ob er glücklich sei oder nicht.

Die Sinnkrise überwunden

Wer dem Serben zuhört, erhält den Eindruck, die Selbstfindungsphase sei noch nicht abgeschlossen, aber die Sinnkrise überwunden. Deshalb ist er wieder in der Lage, an der Grund­linie Topleistungen abzurufen. Nachdem er sich 2016 in Paris mit dem Triumph am French Open seinen letzten Kindheitstraum erfüllt hatte, war das nicht mehr der Fall. Er sei emotional gegen eine Wand gefahren, erklärt er, bestreitet aber, den Sport vernachlässigt zu haben. Er habe sogar noch härter trainiert als zuvor. Mittlerweile sieht Djokovic in seiner Ellbogenverletzung, die letztlich gar eine Operation nötig machte, etwas Positives. «Sie gab mir die Zeit, mein Leben neu zu organisieren. Ich bin dankbar für diese Möglichkeit.»

In den letzten anderthalb Jahren hat sich in der Tat einiges geändert: Sohn Stefan hat eine Schwester namens Tara bekommen. Djokovic spielt nicht mehr in Uniqlo-Kleidern und Adidas-Schuhen, er wird nun von Lacoste und Asics ausgerüstet. Er vertraut auf einen etwas leichteren Schläger und wird wieder von Marian Vajda gecoacht, nachdem er sich von Andre Agassi und Radek Stepanek getrennt hat. Auch Pepe Imaz, Akademiebetreiber mit spiritueller Ader, gehört nicht mehr zum Team. Es dürfte mehr als Zufall sein, dass es mit dem 31-jährigen Belgrader steil nach oben geht, seit Vajda wieder an seiner Seite ist. Vajda ist für Djokovic «ein wichtiger Mensch in meinem Leben. Ich vertraue ihm als Person und als Coach.» Der Plan sei gewesen, am US Open in Topform zu sein, verrät der Gewinner von 13 Grand-Slam-Titeln. Der Triumph in Wimbledon war für ihn ein unerwartetes, aber nicht minder schönes Geschenk.

Oben ohne auf der Bank

Es erstaunte nicht, käme in New York die Major-Trophäe Nummer 14 hinzu. Gegen Federer-Bezwinger John Millman jedenfalls war Djokovic ungefährdet; er machte im Viertelfinal den Eindruck, als könnte er bei Bedarf jederzeit das Tempo erhöhen. Er konnte sich sogar leisten, dem Australier zu erlauben, in die Garderobe zu gehen, um das klatschnass geschwitzte Dress zu wechseln. «Mir macht eine kleine Pause nichts aus», sagte er, setzte sich auf seine Bank, zog sein Shirt aus und verschränkte mit nacktem Oberkörper lächelnd die Arme hinter dem Kopf. Die ehemalige Nummer 1 schien die Blicke der über 20000 Zuschauer im grössten Tennisstadion der Welt zu geniessen. Warum auch nicht?

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