Der obszöne Roger Federer

Mit seiner Südamerika-Tour nimmt das Image des Tennisstars Schaden.

In Mexiko-Stadt spielte Federer in der Stierkampfarena «Plaza de Toros», die für einmal auf Tennis ausgerichtet war. Dies war eines von fünf Showspielen, die Federer in Südamerika absolvieren wollte. Foto: Keystone

In Mexiko-Stadt spielte Federer in der Stierkampfarena «Plaza de Toros», die für einmal auf Tennis ausgerichtet war. Dies war eines von fünf Showspielen, die Federer in Südamerika absolvieren wollte. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Tennisgott, Nationalheld, treusor­gender Ehemann, Bilderbuch-Papi: So möchten die einen Roger Federer sehen. Und die meisten anderen auch. Denn eigentlich gibt es keinen Grund, den Schweizer Tennisspieler nicht zu mögen. So makellos ist seine Karriere, so perfekt scheint sein ganzes Leben dazu zu passen.

Aber halt, das stimmt nicht: Das Teflon-Image von Roger Federer hat Risse. Aktuell wird eine Serie von Schaukämpfen hinterfragt, die der 38-Jährige in Südamerika absolviert. Insgesamt 10 Millionen Franken sollen Federer die fünf Showspiele einbringen, die er innert einer Woche in Chile, Kolumbien, Mexiko, Ecuador und Argentinien absolvieren wollte. Stimmen diese Schätzungen von südamerikanischen Medien, wären das gut 2,5 Millionen mehr, als Federer in einer ganzen Saison an Preisgeldern verdient hat.

10 Millionen Franken in einer Woche – während in vielen lateinamerikanischen Ländern gegen Willkür und soziale Ungerechtigkeiten protestiert wird. Davon musste auch Roger Federer Kenntnis nehmen: Er habe ein «gebrochenes Herz», weil ein Showmatch im kolumbianischen Bogotá «unglücklicherweise» nicht stattfinden konnte, schreibt der Tennisstar auf Instagram.

Für Federer scheint also alles prima zu sein, solange er in Ruhe leben und Tennis spielen kann.

Verhindert wurde das Showspiel zwischen Federer und Alexander Zverev von einer Ausgangssperre: Verhängt wurde sie von der konser­vativen kolumbianischen Regierung, nachdem Hunderttausende gegen geplante Arbeitsmarkt- und Renten­reformen protestiert hatten. Zudem gegen Polizeigewalt, die Aktivisten mit sozialen Anliegen erlitten hatten.

Gewalt gegen Demonstranten mit berechtigten Anliegen – und eine Ausgangssperre, die jeden weiteren Protest verunmöglichen soll. Aber Federer hat ein gebrochenes Herz, weil er nicht Tennis spielen kann.

Es ist nicht das erste Mal, dass Federers Verhalten fragwürdig erscheint: Seit einigen Jahren hat der Schweizer einen Zweitwohnsitz in Dubai. Dort sind die Grundrechte eingeschränkt, Frauen und Homosexuelle werden diskriminiert, Menschenrechtsakti­visten «verschwinden». «Niemand behelligt einen hier. Hier kann ich völlig ungestört sein», lobte Federer seinen Zweitwohnsitz.

Für Federer scheint also alles prima zu sein, solange er in Ruhe leben und Tennis spielen kann. Wie am Dienstag vor einer Woche, als er in Santiago de Chile einen Showmatch gegen Zverev spielte. Zu dieser Zeit kam es auf den Strassen der chilenischen Hauptstadt zu Zusammenstössen zwischen Demonstranten, Polizei und Militär. Amnesty International spricht auch hier von Menschenrechtsverletzungen, von willkürlicher Gewalt, gar Folter seitens der Polizei und Armee.

Federer will Business machen – während andere um ihre Freiheit und ihr Leben kämpfen.

Aber Federer ist doch auch Philanthrop, werden nun einige einwenden. Stimmt, er hat eine Stiftung, in die bereits 50 Millionen Franken oder rund 10 Prozent seines Vermögen geflossen sein sollen; sie unterstützt Projekte in Afrika und der Schweiz. Vor dem Hintergrund der Südamerika-Tournee wirkt die Federer Foun­dation aber nur noch wie ein Vehikel, um Busse zu leisten. Dafür, dass Federer sein Menschenmögliches gerade nicht tun kann und darf.

Etwa sein grosses soziales Kapital und seine Glaubwürdigkeit dafür einzusetzen, um auf Verletzungen von Menschenrechten oder politische Missstände aufmerksam zu machen. Denn dies ist in seiner Vermarktung nicht vorgesehen: Federer will eine Konsensfigur sein, die alle toll finden sollen. Zu Politischem äussert er sich grundsätzlich nicht, denn das könnte geschäftsschädigend sein. Auch in Südamerika, wo Märkte für Federer und seine Sponsoren erschlossen und gepflegt werden sollen.

Federer will also Business machen – während andere um ihre Freiheit und ihr Leben kämpfen. Dabei hätte das der Schweizer finanziell gar nicht nötig. Keine Frage, das ist nicht heldenhaft, sondern nur noch eines: obszön.


Eisbrecher – der Hockey-Podcast von Tamedia

Die Sendung ist zu hören auf Spotify sowie auf Apple Podcast. Oder direkt hier:

Erstellt: 28.11.2019, 21:29 Uhr

Artikel zum Thema

In Lateinamerika wird Federer als «Seine Majestät» gefeiert

Seine Schautournee zeigt, dass der Schweizer auch abseits der grossen Tenniswelt populärer denn je ist. Mehr...

Federer-Manager: «Roger entschädigt die Fans in Bogotà»

Entweder werde die abgesagte Exhibition 2020 nachgeholt. Oder Federer bezahle das Geld für die Tickets, stellt Tony Godsick klar. Mehr...

Federers Rekord in der Stierkampfarena

Massenauflauf in Mexiko-Stadt: Mehr als 42'500 Zuschauer sahen den Schaukampf des Schweizers gegen Alexander Zverev. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...