Der süsse Duft der Vergänglichkeit

Federer vs. Nadal: Dieses epische Ringen der Giganten. Wird heute ein neues oder das letzte Kapitel aufgeschlagen?

Gleich einmalig: Roger Federer und Rafael Nadal beim Laver-Cup. Foto: Clive Brunskill (Getty Images)

Gleich einmalig: Roger Federer und Rafael Nadal beim Laver-Cup. Foto: Clive Brunskill (Getty Images)

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Es muss Spass machen, Roger ­Federer zu sein. Auf Schritt und Tritt wird er verfolgt, alle wollen etwas von ihm, wenn er auftaucht, wird hysterisch gekreischt, und was tut er? Er gibt sich, als führe er das normalste Leben der Welt.

Als er am Donnerstagmittag mit dem Franzosen Corentin Moutet trainiert – einem Linkshänder, natürlich –, ist er so gut gelaunt, dass er alle damit ansteckt. Er vergnügt sich damit, Physiotherapeut Daniel Troxler immer wieder Bälle zuzuspielen, um zu schauen, ob dieser sie ­fangen kann. (Nicht immer.) Und bei seinen Aufschlägen stöhnt Federer wie sein Halbfinalgegner Rafael Nadal.

Welche Freude Federer ausstrahlt, trotz des Drucks, von dem alle reden.

Hätte er nicht so viel Schabernack im Kopf, wäre er nicht so verspielt, er hätte wohl schon längst mit dem Tennis aufgehört. Er führt dieses Spiel, im 19. Jahrhundert lanciert als Zeitvertreib für die englische Oberschicht, zu dessen Ursprüngen zurück.

Natürlich entzückt seine elegante Spielweise, natürlich sind seine unzähligen Rekorde eindrücklich. Doch es ist wohl am meisten die Art, wie er sich gibt in diesem Tenniszirkus, in dem Milliarden umgesetzt werden, die so viele fasziniert. Welche Freude er ausstrahlt, trotz des Drucks, von dem alle reden.

In Paris kam die Ungewissheit dazu, ob dies das letzte Mal sein könnte, dass man ihn hier sieht. Er weiss es selber nicht. Je mehr er darüber nachdenke, wann und wie er zurücktrete, desto näher rücke diese Stunde. Deshalb schiebe er die Gedanken daran lieber so weit von sich weg wie möglich. Diese Vergänglichkeit, die jedem Sportleben anhaftet, ja jedem Leben, sollte man sich öfter vor Augen führen. Um noch mehr zu schätzen, was ist. Weil man ja nie weiss, was sein wird.


Video: Die drei grössten Grand-Slam-Spiele zwischen Federer und Nadal

Die beiden Tennisprofis standen sich bereits 38-mal gegenüber. Bei den Siegen hat Nadal die Nase vorn. Video: Tamedia


Ihr heutiges Duell ist für Federer und Nadal das 39. Erstmals begegneten sie sich vor über 15 Jahren in Miami. Damals war der Spanier 17, und jenes Spiel, in dem er gar nicht recht wusste, wie ihm geschah, war für Federer ein Vorbote dessen, was auf ihn zukommen würde. Doch eine seiner grössten Leistungen ist, dass er sich nie entmutigen liess. Sechs Grand-Slam-Finals verlor er gegen seinen Erzrivalen, und doch machte er immer weiter. Bis er die Lösung fand gegen Nadal.

28 Minuten veränderten alles

Für viele Federer-Fans war sein Finalsieg über den Spanier am Australian Open 2017 sein süssester Triumph überhaupt. Das Spiel schien im fünften Satz aufs ­gewohnte Ende hinzusteuern, ­Federer lag 1:3 zurück, ehe er die letzten fünf Games gewann. Diese 28 Minuten katapultierten ihn in den dritten Frühling seiner Karriere. Und dass es ausgerechnet seine Rückhand war, die Nadal jahrelang so malträtiert hatte, die den Unterschied machte, machte es für ihn umso schöner.

Nun sind wir in Paris wieder an einem ähnlich Punkt wie ­damals im fünften Satz in Melbourne, als Federer scheinbar hoffnungslos zurücklag. Zwar ist noch kein Punkt gespielt im Halbfinal, doch kaum jemand traut dem Schweizer den Sieg zu auf jenem Court, der zugeschnitten ist auf Nadal. Auf dem es erst zwei schafften, ihn zu schlagen.

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Mit der Premiere 2009 räumte Robin Söderling den Weg frei für Federer, der damals nicht wissen konnte, ob er das French Open jemals gewinnen würde. Es wäre ein Makel gewesen in seiner einzigartigen Karriere. In den Tagen nach dem Coup Söderlings war er so nervös, dass sein Händchen zitterte. Federer wusste: Diese Gelegenheit würde vielleicht nie wieder kommen.

Der Schwede Mats Wilander sagte einmal, er wolle zwei Matches sehen: Wie Nadal in Wimbledon gegen Federer gewinne. Und wie Federer in Paris Nadal schlage. Weil er ein Fan des Tennis sei und er dann grossartigen Sport erlebe. Denn der, der den anderen in dessen Reich stürze, müsse unglaublich gut spielen.

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2008 erlebte Wilander, wie Nadal Federer in Wimbledon vom Thron stiess. Jener epische Final gilt bis dato als bestes Tennisspiel überhaupt. Der zweite Wunsch wurde Wilander noch nicht erfüllt. Vielleicht heute? Es dürfte die letzte Chance sein.

Erstellt: 06.06.2019, 22:05 Uhr

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