Der Umjubelte und der Eiserne

Roger Federer spielt sich leicht und locker in den Viertelfinal. Und Stan Wawrinka zeigt sein bestes Tennis. Nun kommt es zum Schweizer Duell.

Federer ist locker durch: Im Achtelfinal schlägt er Leonardo Mayer in drei Sätzen. Video: SRF

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Der UmjubelteRoger Federer

Es ist früh am Nachmittag; die Sonne steht noch nahe am Zenit, weshalb noch keine Schatten auf den Court Philippe Chatrier fallen. Roger Federer serviert durch die Mitte und schlägt den Ball anschliessend mit der Vorhand unerreichbar für Leonardo Mayer in die rechte Ecke. Das Verwandeln des Matchballs führt zu keinem emotionalen Ausbruch; einzig ein kleiner Hüpfer und ein Lächeln deuten auf die Freude über den Viertelfinaleinzug hin. Nach dem Handschlag mit dem Verlierer nimmt Federer die Huldigungen des Publikums entgegen. So wie immer, wenn er dieser Tage irgendwo im Stade Roland Garros auftaucht.

Besser hätte er es sich kaum erträumen können. Bis jetzt verläuft das French Open für den Baselbieter genau so, wie er sich das insgeheim erhofft hat: Die Franzosen behandeln ihn wie einen verlorenen Sohn, die potenziell gefährlichsten Gegner sind ihm bisher aus dem Weg geräumt worden, und er hat sich viermal ohne Satzverlust durchgesetzt. Selbst die gut 30 Grad Celsius haben ihm nichts anhaben können. «Wenn es Wind hat, fühlt es sich an, als blase eine Klimaanlage. Ich musste nicht einmal das Trikot wechseln», erzählt er nach dem 6:2, 6:3, 6:3-Erfolg über den angeschlagenen Mayer, für den er nur 102 Minuten benötigt hat. Der zum Teil böige Wind hat die Sache freilich nicht nur erleichtert. «Hast du ihn im Rücken, ist es, als ob du von einem Berg runter servierst. Bist du auf der anderen Seite, hast du das Gefühl, aufwärts aufschlagen zu müssen.»

Topfit in die zweite Woche

Federer ist in Paris weder der Mangel an Matchpraxis auf Sand (2017 und 2018 spielte er auf dieser Unterlage nicht) noch sein Alter anzumerken. Der 37-Jährige bewegt sich leichtfüssig wie eh und je, mit dem Aufschlag bereitet er viele Punktgewinne vor, bei den Breakbällen agiert er äusserst effizient. «Ich bin rundum zufrieden», bilanziert der Baselbieter. Vor allem in der ersten Runde seien die Erwartungen riesig gewesen. «Wichtig ist für mich, im Viertelfinal zu stehen und topfit zu sein. Viele kommen angeschlagen in die zweite Woche. Wenn du zu viel Energie verloren hast oder zu lange leicht verletzt gespielt hast, sucht dich das manchmal später heim.» Federer spricht nicht nur vom French Open, er bezieht seine Aussage auf die ganze Saison. Schliesslich will er möglichst frisch in die Rasensaison steigen. In Wimbledon wird er in vier Wochen als ambitionierter Favorit aufschlagen, in Paris tritt er hingegen als entspannter Aussenseiter an.

Das gilt nicht unbedingt für den Viertelfinal gegen Stan Wawrinka, obwohl sich der Romand 2015 gleichenorts 6:4, 6:3, 7:6 durchsetzte. «Es war sehr windig, und er konnte grausam draufhauen. Ich wäre damals bereit gewesen für grosse Taten, aber Stan war einfach besser. Es war schön, zog er das dann durch und spielte im Final gegen Djokovic überragend», sagt Federer rückblickend. Er freut sich darüber, hat Wawrinka nach seinen gravierenden Knieproblemen «eine Art zweites Leben auf der Tour erhalten». Dann fügt er noch an: «Aber ich hoffe, er befindet sich nicht auf dem Niveau von 2015.»

Der EiserneStan Wawrinka

Als sich nach 19 Uhr der Schatten wie eine Bettdecke über den Court Suzanne Lenglen legte, schrie ein vorlauter Fan: «Beeilt euch! Wir wollen noch Benoît sehen!» Richtig, das Spiel des Franzosen Benoît Paire gegen Kei Nishikori stand ja noch an in der zweitgrössten Arena. Stan Wawrinka schmunzelte auf seinem Stuhl, es stand im fünften Satz 7:6 für ihn nach einem bereits über fünfstündigen Kampf.

Und als ob sich sein Widersacher Stefanos Tsitsipas der Meinung des Volkes beugen würde, beging er daraufhin einige Fehler mehr als zuvor und ermöglichte Wawrinka zwei Matchbälle. Den zweiten nutzte dieser, mit einem Rückhand-Passierball mit Slice, der sich noch auf die Linie drehte.

Ein Kraftakt: Wawrinkas finaler Punkt ist so knapp wie das Spiel selbst. Video: SRF

Wawrinka deutete sich mit dem Mittelfinger an die Schläfe, umarmte Tsitsipas am Netz innig und klopfte sich mehrmals auf die Brust. Er hatte in der Tat viel Nervenstärke und Courage gebraucht, um den 1,93-Meter-Hünen niederzuringen. Jener gewann sogar einen Punkt mehr, 195 zu 194, doch in den entscheidenden Momenten blieb Wawrinka eisern. Im fünften Satz wehrte er alle acht Breakbälle ab, insgesamt 22 von 27.

Roland Garros ist für ihn der Kraftort, an dem er zu seiner alten Stärke zurückgefunden hat. Vor zwei Jahren spielte sich der Lausanner an der Porte dAuteuil noch in den Final gegen Rafael Nadal, dann begann seine Leidenszeit mit zwei Knieoperationen und dem langen Weg zurück. Wenn es noch Zweifel gegeben hatte, ob sein Körper den höchsten Belastungen wieder standhält, wischte er sie mit seinem Marathonsieg über Tsitsipas weg. Der gestand nach der epischen Partie, dass er in der Kabine geweint habe – was ihm schon lange nicht mehr passiert sei.

Das Lob Mouratoglous

«Es ist eine jener Erfahrungen, die ihn weiterbringen wird», sagte dessen Coach Patrick Mouratoglou in den Katakomben des Court Suzanne Lenglen. Tsitsipas ist erst 20, er wird noch viele Gelegenheiten erhalten, es besser zu machen. Wawrinka ist 34, er muss seine Chancen nutzen, wenn sie sich ihm bieten. Auf die Frage, ob ihn die mentale Stabilität des Schweizers beeindruckt habe, zog Mouratoglou seine Augenbraue hoch und sagte: «Beeindruckt? Nein. Ich weiss genau, wozu Stan fähig ist. Er hat schon so viele solcher Matchs gezeigt. Er ist einfach ein unglaublicher Kämpfer.»

Aber auch Kämpfer brauchen einmal eine Pause. Die bekommt Wawrinka heute, nachdem er drei Tage hat durchspielen müssen, weil seine Partie gegen Grigor Dimitrov wegen Dunkelheit in zwei Teilen stattfand. Am Dienstag erwartet ihn im Viertelfinal ein frischer Roger Federer. Wawrinka hat zwar nur drei Sätze mehr gespielt, musste aber schon über fünf Stunden länger auf dem Court ausharren – 12 Stunden und 27 Minuten.

«Ich werde immer älter», stellte Wawrinka fest. «Das hilft nicht, um mich bis Dienstag zu erholen.» 22 von 25 Duellen mit Federer hat er verloren. Aber dafür sei sein Landsmann ja noch viel älter als er, wollte ihn ein Journalist aufmuntern. «Ja, er ist älter, aber er ist auch besser», gab Wawrinka schmunzelnd zurück.

Erstellt: 03.06.2019, 05:55 Uhr

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