«Die Arbeit mit Federer ist ein Privileg»

Coach Severin Lüthi erklärt, wie Roger Federers Team funktioniert – und was es zu einem 7. Titel am ATP-Finale braucht.

Das Erfolgstrio: Die Coaches Severin Lüthi (links) und Ivan Ljubicic beobachten Federer im Training Anfang Jahr in Melbourne. Foto: Tracey Nearmy (Keystone)

Das Erfolgstrio: Die Coaches Severin Lüthi (links) und Ivan Ljubicic beobachten Federer im Training Anfang Jahr in Melbourne. Foto: Tracey Nearmy (Keystone)

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Wenn Roger Federer spielt, ist Severin Lüthi meist nicht weit. Seit zehn Jahren reist der 41-jährige Thuner mit dem 19-­fachen Grand-Slam-Sieger durch die Welt. Gegenüber einem Grüppchen Schweizer Journalisten schaute der ­Davis-Cup-Captain in London zurück auf das grosse Comebackjahr, in dem er mit Federer in Melbourne und Wimbledon seine Grand-Slam-Titel 6 und 7 feiern konnte. Damit ist er nun dessen erfolgreichster Coach, vor Tony Roche (6).

Warum hatte Roger Federer in London so viel Mühe, den Rhythmus zu finden?
Es stimmt: Manchmal läuft es ihm wie von selber, doch dieses Gefühl hatte man hier noch nicht. Er war nach Shanghai und Basel müde, körperlich und mental. Darum war es das Beste, wieder herunterzufahren, Paris auszulassen und sich für London neu aufzubauen. Immerhin hat er aber alle drei Matches gewonnen, damit sind wir happy.

Er wird ja auch als klarer Favorit eingestuft.
Favorit ist er auch für mich. Aber man darf nicht immer alles als normal betrachten. Cilic stand im Wimbledon­final, Zverev ist die Nummer 3, auch Sock spielt hier stark. Wunderdinge sind auch bei Federer nicht selbstverständlich, obwohl es bei ihm manchmal so aussieht. Hier sieht man: Läuft es ihm nicht perfekt, ist es gegen niemanden einfach.

Ihr Gefühl vor dem Wochenende?
Er muss sich wohl noch steigern, um den Titel zu holen. Aber normalerweise spielt er mit jedem Match besser.

Könnte es ein Nachteil sein, dass er nicht in der O2-Arena trainiert, sondern im Queens’ Club?
In seiner Konstellation ist das ideal. Wir ersparen uns so etwa eineinhalb Stunden Autofahrt, und dort hat es auch keinen Rummel. Manchmal muss man sich fragen, ob sich der ganze Aufwand lohnt, um 30 oder 40 Minuten Bälle zu schlagen. Am Mittwoch trainierte er gar nicht. Ein freier Tag kann für ihn Gold wert sein. Er ist auch keiner, der sich stressen lässt, wenn einmal ein Training ausfällt oder der Belag etwas anders ist. Andere können das nicht, etwa Nadal.

Bedauern Sie, dass er nach dieser starken Saison 2017 nicht mehr die Nummer 1 werden kann?
Die Nummer 1 wäre man immer gerne, noch dazu mit 36 . . . Aber ab einem gewissen Punkt kann man nicht mehr jedes Ziel verfolgen. Früher konnte er das, aber er hat Abstriche machen müssen.

Sollte er London gewinnen, würden ihm nur 150 Punkte fehlen.
So weit ist es noch nicht. Aber in diesem Fall würde man sich schon überlegen, wo er die liegen liess. In Dubai? Aber hätte er dort gewonnen, wäre er vielleicht in Indian Wells und Miami weniger frisch gewesen. Er könnte ja noch ­irgendein Challenger-Turnier spielen . . . (schmunzelt) Aber seit ich mit ihm zusammen bin, haben wir nie gross gerechnet. Und diese Einstellung hat sich auch ausbezahlt.

Montreal hatte er kurzfristig in die Planung aufgenommen – und prompt meldete sich dort der ­Rücken. War das ein Fehler?
Danach ist man immer schlauer. Wenn ich das noch ändern könnte, würde ich es. Das war der Wermutstropfen.

«Melbourne gab ihm Selbstvertrauen für das ganze Jahr. Aber er war auch etwas überwältigt von diesem Titel.»

Warum verlief 2017 so erfolgreich?
Roger war mental und körperlich frisch nach seiner halbjährigen Pause. Und wir wissen inzwischen, dass es für ihn ex­trem wichtig ist, frisch zu sein. Die Frische ist für ihn sogar wichtiger, als viel gespielt zu haben. Manchmal kommt er aus den Ferien zurück und spielt, als ob er drei Wochen durchtrainiert hätte.

Was löste der gute Saisonstart aus?
Er hat ihn befreit. Nach dem Sieg am Australian Open hätte er die Saison abbrechen oder keinen Match mehr gewinnen können, und sie wäre trotzdem ein Erfolg gewesen. Melbourne gab ihm Selbstvertrauen für das ganze Jahr. Aber er war auch etwas überwältigt von diesem Titel, nach dieser Vorgeschichte.

Sie sprechen seine Auszeit an.
Man hat stets das Gefühl, die Top­spieler könnten zurückkommen, auf den Knopf drücken und gleich zwei, drei Grand Slams gewinnen. Aber das kann keiner, auch Djokovic oder Nadal nicht. Melbourne nahm Roger den Druck. Er sagte sich: Jetzt weiss jeder, dass er es gegen mich nicht einfach hat. Und zu verlieren habe ich fast nichts mehr, weil ich ja schon ein grosses Turnier ­gewonnen habe. Er hat diesen Erfolg auch mehr ausgekostet als frühere Grand-Slam-Siege. Ich hatte das Gefühl, dass er deshalb in Dubai noch nicht ­bereit war.

War der Wimbledon-Sieg, den er sogar ohne Satzverlust holte, auch ein Bonus von Melbourne?
Das hat ihm sicher geholfen. Weil er wusste: Ich kann noch Majorturniere gewinnen. Diese Sicherheit hat keiner, ­weder Novak, noch Rafa, noch Roger.

Federer musste auch viereinhalb Jahre warten, bis es wieder klappte.
Er hatte ein paarmal Pech, indem ihm einer vor der Sonne stand, der sehr gut spielte. Das war diesmal anders. Früher passte bei anderen sehr viel zusammen, diesmal bei ihm. Er und Nadal haben aber auch davon profitiert, dass andere ausgefallen sind. Ohne ihnen etwas wegnehmen zu wollen: Es ist schon komplizierter, ein Turnier zu gewinnen, wenn sie auch noch Murray und Djokovic zu schlagen hätten. Aber Ausfälle gehören dazu, und es war auch nicht normal, dass diese Spieler all die Jahre präsent waren auf diesem Topniveau.

«Wir wissen, dass es für ihn extrem wichtig ist, frisch zu sein – sogar wichtiger, als viel gespielt zu haben.»

Müsste man nach diesem Jahr nicht sagen: Federer sollte die Sandplatzsaison künftig stets auslassen?
Wichtig ist die Mischung. Er braucht genügend Pausen, genügend Zeit für den Aufbau und genügend Turniere. Es muss nicht jedes Jahr gleich sein. Allerdings werden 2018 schon zwei Jahre vergangen sein, seit er letztmals auf Sand spielte. Das ist eher ein Faktor. Er gehörte zwar auch auf Sand zu den Besten. Auf diesem Belag gibt es aber viele, die ihm Probleme bereiten können.

2017 war die erste volle Saison, seit Ivan Ljubicic zum Team stiess. Wie unterscheidet sich die Arbeit mit ihm zu der mit seinen Vorgängern, etwa Annacone oder Edberg?
Ivan ist im Innern noch viel mehr ein Spieler, das merkt man. Gegen viele ist er selber noch angetreten. Roger hat schon immer gerne mit anderen über Gegner diskutiert. Du kannst von allen etwas lernen, und Roger ist auch im Lernen extrem stark. Auch ich kann von Ivan lernen – und er von mir.

Wie verlaufen die Diskussionen mit Ihnen, Federer und Ljubicic?
Wir besprechen uns meist gemeinsam. Mit Annacone hatten wir uns darauf geeinigt, dass er und ich uns vorher zusammensetzen und Roger nur eine Meinung durchgeben, um ihn nicht zu verwirren. Aber er ist so gut darin, mit Informationen umzugehen, dass wir das jetzt sein lassen. Wichtig ist, dass er klar weiss, was er tun will. Wir müssen auch nicht stets einer Meinung sein, wir sind ja nicht der Bundesrat.

Federer sagte in London, Sie ­erhielten zu wenig Anerkennung als Coach. Sehen Sie das auch so?
Das kann ich schwer beurteilen. Ich könnte bestimmt mehr Interviews geben, mich in den Vordergrund stellen, mich verkaufen. Aber wichtiger ist mir, dass Roger gut spielt. Und dabei hilft es nichts, wenn ich Interviews gebe.

Sie sind seit Juli verheiratet. Ändert sich für Sie damit beruflich etwas?
Eigentlich nicht. Es würde sich wohl ­etwas ändern, wenn wir Kinder hätten. Wir sind uns diese Situation seit vielen Jahren gewöhnt. Die Arbeit mit Federer ist ja auch ein Privileg. Und du weisst, es geht nicht mehr fünf Jahre so weiter.

Wie sieht die Planung im Dezember aus, die Saisonvorbereitung?
Klassisch. Nach den Ferien steht in ­Dubai der körperliche Aufbau mit Pierre (Paganini) an, dann kommt das Tennis dazu. Ich werde bis am 18. Dezember mit Roger sein und danach auch am Australian Open. Ivan stösst am 15. Dezember zu uns und geht dann mit an den Hopman Cup in Perth.

Erstellt: 17.11.2017, 21:44 Uhr

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