Die Eiskönigin

Maria Scharapowa, die heute ihr Comeback gibt, polarisiert und fasziniert wie keine zweite Sportlerin. Warum?

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«Das Tennis braucht Maria!», rief die WTA im März via Twitter aus. Damit ­bewarb die PR-Abteilung der Frauentour einen Artikel auf ihrer Website über die baldige Rückkehr der Russin. Nichts Besonderes, würde man denken. Klar wird Maria Scharapowa vermisst, schliesslich ist sie eines der Gesichter dieses Sports. Wäre das bei den Männern über Roger Federer oder ­Rafael ­Nadal geschrieben worden, alle hätten nur genickt. Die Begeisterung der WTA über Scharapowas Comeback hingegen sorgte bei Berufskolleginnen für ­wütende Proteste.

«Wie bitte?», twitterte etwa die Französin Alizé Cornet. Die WTA löschte bald darauf ihren Tweet wie auch den Artikel. Doch die Kontroverse war nun erst richtig angeheizt.

Vom Tiefpunkt auf den Gipfel: Wie andere Comebacks nach Dopingsperren verliefen.

Caroline Wozniacki bezeichnete es als «respektlos» anderen Spielerinnen gegenüber, dass Scharapowa eine Wildcard für Stuttgart ­erhalte. «Wenn jemand wegen Dopings gesperrt wurde, sollte er sich von unten wieder hochkämpfen.» Agnieszka Radwanska sagte: «Wildcards sind da für Spielerinnen, deren Ranking wegen Verletzungen, Krankheiten oder Unfällen abgesackt ist. Nicht wegen Dopings.»

Rundumschlag des Managers

Darauf hatte Scharapowas Manager Max Eisenbud genug. Er bezeichnete Wozniacki und Radwanska als «Touristinnen» («journeyman players»), die ihre letzte Chance witterten, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Und da stünde ­ihnen Scharapowa natürlich im Weg. Mit dem verbalen Doppelfehler beleidigte Eisenbud nicht nur die beiden Adressatinnen, die immerhin die Nummer 1 waren oder das Frauenmasters gewannen, sondern fast eine ganze Gilde. Denn der Zirkel der Major-Champions ist ein exklusiver, und alle anderen als Touristinnen zu bezeichnen, ist respektlos.

Nun gut, heute spielt Scharapowa also wieder. Und dem Stuttgarter Turnier ist die Aufmerksamkeit sicher. Ihre Gegnerin Roberta Vinci traute ihren ­Augen kaum, wie gefragt sie vor ihrem Spiel für einmal war. Beim French Open erwägt man, um Kontroversen zu um­gehen, Scharapowa nur eine Wildcard fürs Qualifikationsturnier zu geben.

Nicht einmal ein «Hallo»

Aber wieso löst die Russin solch heftige Reaktionen aus? Allein der Gebrauch von Meldonium, das seit 2016 auf der ­Dopingliste ist, kann es nicht sein. Es ist vielmehr ihr Verhalten den anderen Spielerinnen gegenüber. So erzählte ­Dominika Cibulkova: «Wenn ich neben ihr in der Garderobe sitze, sagt sie nicht einmal Hallo. Sie ist arrogant, eingebildet und kalt.» Die Slowakin steht mit ihrer Meinung nicht ­alleine. Abgesehen von den Russinnen, die sie in Schutz nehmen, erzählen die meisten, dass Scharapowa mit ihnen kein Wort rede.

Als sie liiert war mit dem Bulgaren Grigor Dimitrov, der so ziemlich das Gegenteil ist, führte das zu beklemmenden Situationen. So konnte es sein, wie ein Coach erzählte, dass der Bulgare in der Player’s Lounge mit allen plauderte, doch wenn sie den Raum betrat, stoppte sofort jede Konversation, kühlte die Stimmung merklich ab. Scharapowa machte nie einen Hehl daraus, dass sie nicht Tennis spielt, um Freundschaften zu schliessen. Doch so konsequent wie sie zieht das niemand durch. Selbst ­Serena Williams, die sich auch nicht bei jeder erkundigt, ob ihr Schnupfen nun besser sei, tauscht sich mit einem Kreis von Spielerinnen aus und ist mit Wozniacki sogar befreundet.

Dass Scharapowa so abweisend ist, erklärt sich auch aus ihrer Geschichte. Mit sieben an einer Talentschau in ­Moskau entdeckt, zog sie mit Vater Juri nach Florida in die Bollettieri-Akademie. Die beiden hatten nur 700 Dollar im Gepäck, Mutter Jelena konnte erst zwei Jahre später nachreisen. Die scheue, dünne Maria sprach anfangs kein Wort Englisch und wurde von ihren US-Kolleginnen gehänselt. Nick Bollettieri erinnert sich, dass sie sich schon da nicht mit anderen Spielerinnen angefreundet habe, weil sie sie primär als ihre Konkurrentinnen sah.

300 Millionen schwer

Ihre Konsequenz hat sie weit gebracht: Wimbledon-Sieg mit 17, fünf ­Major-Titel, verteilt auf alle vier Grand Slams, und haufenweise gut dotierte Verträge. Von 2005 bis 2015 war sie stets die am besten verdienende Sportlerin der Welt, gemäss «Forbes» steht sie total bei über 300 Millionen Dollar Vermögen. Erst vergangenes Jahr wurde sie von ­Serena Williams als Topverdienerin abgelöst. Weil ihr wegen ihrer Dopingsperre das Preisgeld fehlte.

Mit ihren Werbeverträgen spielte sie aber auch 2016 noch rund 20 Millionen Dollar ein. Der Sturm der Entrüstung nach ihrem Dopinggeständnis im März legte sich rasch – Nike, Porsche oder Evian sind weiter ihre Partner, Head spielte richtiggehend Cheerleader, nur die Uhrenmarke Tag Heuer verzichtete (vorerst) darauf, ihren ausgelaufenen Vertrag zu erneuern.

Was bei aller Kritik an Scharapowa nicht vergessen werden darf, ist, was ­Timea Bacsinszky kürzlich sagte: Von der Aufmerksamkeit, die Scharapowa dem Sport verschaffe, würden auch die anderen finanziell profitieren. Denn so umstritten die Russin bei ihren Gegnerinnen ist, sie fasziniert die Massen. Hätte Nike sie fallen gelassen, die Konkurrenten hätten sofort zugepackt.

Bewiesen, was alles möglich ist

Aber was macht die Faszination der Eis­königin des Tennis aus? Wollte man die Klischees bedienen, könnte man spekulieren: für Männer, weil sie gross, blond, hübsch und unnahbar ist – eine Diva. Für Frauen, weil sie bewies, was alles möglich ist, wenn man sich durchbeisst.

Natürlich half ihr, dass sie bereits als Teenager ein Star war und stets vorne mitspielte. Und man kann auch ihr kompromissloses Spiel mögen, ihre Art, auf jeden Ball einzudreschen, als wäre es der letzte. Ob ihr Meldonium dabei half, stundenlang diese Intensität aufrecht­zuerhalten, dürfte sich nach ihrer Rückkehr zeigen. Das Herzmittel, das sie 2006 einnahm, soll ja die Durchblutung und die Ausdauer fördern.

Reuig hat sich die überführte Russin jedenfalls nicht gezeigt. Schuld sind alle anderen. Und man darf davon ausgehen, dass sie alles daransetzen wird, nochmals grosse Siege zu feiern. Denn der ­Titel ihrer Autobiografie, die am 12. September erscheint und schon fleissig vorbestellt wurde, ist auch ihr Lebensmotto: Unstoppable.

Erstellt: 26.04.2017, 00:04 Uhr

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