Die lange Nacht, bevor Roger kam

Tamedia-Journalist René Stauffer veröffentlicht eine neue Federer-Biografie. Darin: die turbulenten Stunden vor seiner Geburt. Ein Auszug.

Eine Tennisfamilie: Roger mit den Eltern Lynette und Robert Federer 2005 in Wimbledon.

Eine Tennisfamilie: Roger mit den Eltern Lynette und Robert Federer 2005 in Wimbledon. Bild: Keystone

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Der 8. August 1981 ist ein Samstag. In Deutschland und der Schweiz führt die Single «Bette Davis Eyes» von Kim Carnes die Hitparade an, die «Neue Zürcher Zeitung» macht ihre bildlose Frontseite an diesem Tag mit der Schlagzeile «Mangel und Ungeduld in Polen» auf.

Im Sportteil ist zu lesen, dass die deutsche Hochspringerin und frühere Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth in Rhede im ersten Anlauf die Landesrekordhöhe von 1,96 Metern übersprungen hat und der Spanier José Higueras beim Tennisturnier in Indianapolis ausgeschieden ist.

Robert Federer hat am Tag zuvor ein Tennisturnier auf der Kunsteisbahn begonnen, das Bosco-Turnier, an dem er im Doppel mit seinem Partner Heini Baumgartner ins Endspiel vorstösst. Am Abend tuckert er mit seinem kleinen Motorrad beschwingt nach Hause in Birsfelden, um zu schauen, wie es seiner hochschwangeren Frau Lynette geht. «Es ist noch nichts passiert», sagt sie ihm. Er gehe dann noch schnell nach Rheinfelden, antwortet er. Dort findet gerade ein anderes Turnier statt, wo er viele Leute kennt, das Satus-Turnier.

«Robert, you better come home»

Es ist ein schöner Freitagabend. Im Clubhaus ist die Stimmung gut und wird immer noch besser, je weiter der Abend voranschreitet. Als um zwei Uhr morgens das Telefon im Clubhaus schrillt – Handys gibt es noch keine –, nimmt einer der Gäste ab, versteht aber nicht, worum es geht, und hängt wieder auf.

Robert Federer beobachtet die Szene, und plötzlich wird er stutzig: «Ich dachte: Gopferteggel, war das Lynette?» Als das Telefon kurz danach wieder klingelt, geht er selbst ran. «Es war tatsächlich Lynette. Sie sagte: ‹You better come home.›»

Auf den Namen Roger haben sich die Eltern geeinigt, weil er sich auch problemlos auf Englisch aussprechen lässt: Rotscher.

Das tut er, erschrocken, fährt mit dem Mofa nach Hause und von dort mit seiner Frau ins Kantonsspital Basel. Dort erwägt er einen Moment, einige Jasspartner zu suchen, um mit Kartenspielen das Warten zu überbrücken. Doch dann geht es plötzlich schnell. Um 8:30 Uhr bringt Lynette ihr zweites Kind zur Welt: ein Junge, 3710 Gramm schwer, 54 Zentimeter gross.

«Er hatte Riesenfüsse», erinnert sie sich. Auf den Namen Roger haben sich die Eltern geeinigt, weil er sich auch problemlos auf Englisch aussprechen lässt: Rotscher. Federer wird denn auch die englische Sprechweise seines Namens der französischen vorziehen. «Ich heisse Rotscher», stellt er schon als Siebzehnjähriger klar, «Roschée tönt so schrecklich süss, einfach furchtbar.»

Was Mutter und Sohn gemeinsam haben

Die Geburt hält den Vater nicht davon ab, am Nachmittag den Doppelfinal des Bosco-Turniers zu bestreiten, und er gewinnt mit seinem Partner sogar. Er und seine Frau hätten damals viele Turniere gespielt, erinnert er sich. «Wir führten ein Tennisleben. Vor allem, als wir noch keine Kinder hatten. Wir waren beim Bosco-Turnier, beim Birsegg-Turnier, bei den Basler Meisterschaften, immer auf Turnieren.»

Robert und Lynette sind regional starke Spieler. Er erreicht in der Swiss-Tennis-Klassierung die Stufe R3, Lynette gehört lange zur Kategorie R2. «Wir spielten beide relativ offensiv und waren keine, die an der Grundlinie herumlümmeln», sagt Robert, den seine Freunde Robbie nennen. «Lynette hatte einen starken Slice auf der Rückhand wie später Roger.» Mit zwei kleinen Kindern – Diana ist zwei Jahre früher zur Welt gekommen – muss ihr Hobby aber dann etwas in den Hintergrund treten.

Kennen gelernt haben sich die beiden 1970 im südafrikanischen Kempton Park bei Johannesburg. Robert Federer stammt aus Berneck im St. Galler Rheintal, im äussersten Nordosten der Schweiz, unweit des Bodensees und der Grenze zu Österreich. Der ausgebildete Laborant arbeitet danach in der Schweizer Chemie-Hauptstadt Basel, ehe es ihn in die weite Welt hinauszieht.

Lynette spielte Feldhockey. Zusammen mit Robert entdeckte sie dann Tennis, im Schweizer Club von Johannesburg.

Es ist ein Zufall, dass er mit 24 nach Südafrika kommt. Und auch, dass er dort erneut bei seinem früheren Arbeitgeber, der in Kempton Park eine Niederlassung hat, einen Job findet.

Robert lernt die sechs Jahre jüngere Lynette Durand in der Firmenkantine kennen. Sie ist die Tochter eines Fabrik-Vorarbeiters, der im Zweiten Weltkrieg in Europa gedient hat, seine Familie neben Afrikaans auch Englisch sprechen lässt und seine vier Kinder in eine englischsprachige Schule schickt. Lynette ist in dieser Gegend aufgewachsen, hat eine Handelsschule absolviert, arbeitet nun als kaufmännische Angestellte und spart Geld, um eines Tages Europa zu besuchen.

Lynette ist eine talentierte und engagierte Sportlerin. Im Feldhockey gehört sie zu einer Regionalauswahl, gibt diesen Sport aber auf, weil sie durch die vielen Schläge Probleme mit den Beinen bekommen hat. Zusammen mit Robert entdeckt sie dann Tennis, im Schweizer Club von Johannesburg.

Der folgenreiche Umzug in die Schweiz

1973 zieht das junge Paar aus einer Laune heraus in die Schweiz, wo es in Basel eine Dreizimmerwohnung bezieht. Es tut sich zu Beginn schwer im engen und kalten Land und sehnt sich nach Südafrika zurück. Im Dezember wird geheiratet, beide arbeiten erneut bei der Ciba-Geigy. Und beide spielen nun immer intensiver Tennis, im TC Ciba, dem firmeneigenen Verein in Allschwil.

Als sie sich eine bessere Wohnung leisten können, ziehen sie an die Peripherie der Stadt, zuerst nach Birsfelden, dann nach Riehen und von dort nach Münchenstein, wo die Kinder hauptsächlich aufwachsen werden.

Lynette feiert als Tennisspielerin ihren schönsten Erfolg 1995, als sie mit einem Team des TC Old Boys den Schweizer-Meister-Titel der Jungseniorinnen holt. Tennis bleibt ihre Leidenschaft, auch als zweifache Mutter. Sie wird Juniorentrainerin beim TC Ciba und hilft über zehn Jahre hinweg beim Weltklasseturnier in Basel mit, den Swiss Indoors, in der nur zwei Kilometer entfernten St.-Jakobs-Halle.

Erstellt: 31.03.2019, 14:33 Uhr

352 Seiten hautnah auf Federers Spuren

«Roger Federer, die Biografie» beginnt mit seinem traumhaften Comeback 2017 in Melbourne und leuchtet das ganze Spektrum seiner Karriere und seines Lebens aus. Autor René Stauffer schreibt seit 1981 über Tennis und verfolgt Federers Karriere seit 1996 intensiv für das Medienhaus Tamedia, das auch die SonntagsZeitung herausgibt. Es ist sein zweites Buch über Federer nach «Das Tennisgenie», das 2006 erschien und in über zehn Sprachen übersetzt wurde. Roger Federer, die Biografie. Von René Stauffer. Piper-Verlag, München. 352 Seiten, mit 22 Bildern. Erscheinungstermin 2. April. Richtpreis 35.90 Fr.

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