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Die Magie ist verflogen

Das US Open war für Roger Federer ein Krampf mit einem bitteren Ende. Das Gute daran: Er weiss genau, was falsch gelaufen ist.

Fehlerhaft und verunsichert zum 5:7, 6:3, 6:7, 4:6 – Roger Federer ist nach dem Viertelfinal-Out müde. Foto: Clive Brunskill (Getty Images)
Fehlerhaft und verunsichert zum 5:7, 6:3, 6:7, 4:6 – Roger Federer ist nach dem Viertelfinal-Out müde. Foto: Clive Brunskill (Getty Images)

Roger Federer nahm uns in diesem Jahr auf eine wunderbare Reise in die Vergangenheit mit. Nach seiner sechsmonatigen Pause erfrischt in Körper und Geist, spielte er, als wäre er zehn Jahre jünger. Sein Australian-Open-Sieg, bei dem er nebenbei noch die Genugtuung erhielt, Rafael Nadal in einem epischen Final zu schlagen, war ein Märchen. Sein achter Titel in Wimbledon nach dem Verzicht auf die Sandsaison das Resultat von perfekter Planung und Ausführung. Auch von Nike, das gleich das T-Shirt bereit hatte mit dem Schriftzug «Ro8er».

Lange Zeit schien es, als könne er nichts falsch machen. Bis er vielleicht etwas übermütig wurde und sich bereits in Montreal zurück ins Turniergeschehen stürzte. Statt weiter zu trainieren, spiele er lieber ein paar Matches, sagte er damals. Natürlich, es gibt keine Garantien. Aber im Nachhinein betrachtet, wäre es für ihn schlauer gewesen, sich eine Woche länger dem Training zu widmen und dann in Cincinnati wieder einzusteigen. An einem seiner Lieblingsturniere, das er schon siebenmal gewonnen hat. Doch es lockte auch die Nummer 1.

Die Tücke der kleineren Turniere ist, dass ihr Programm gedrängter ist als an den Grand Slams. Und so meldete sich bei Federer im fünften Spiel in fünf Tagen der Rücken wieder. Trotzdem spielte er den Final gegen Alexander Zverev fertig – schliesslich hat er in über 1350 Matches nie aufgegeben. Doch jene Verletzung erwies sich fürs US Open als fatal. Beinahe wäre er nicht angetreten, verriet er nach seinem Ausscheiden. So wurde für ihn das vierte Grand-Slam-Turnier vom Anfang bis zum bitteren Ende ein Kampf und Krampf.

Es tat weh, ihn beim 5:7, 6:3, 6:7, 4:6 gegen Juan Martin Del Potro so fehlerhaft und verunsichert spielen zu sehen. Seine Magie war verflogen. Wer gehofft hatte, er würde wie am Australian Open nach einem harzigen Einstieg zu einem Steigerungslauf ansetzen, wurde enttäuscht. Auch vier Siege reichten nicht, damit er Rhythmus und Vertrauen wieder fand.

Seine Statistik war im Viertelfinal mit 60 Winnern, davon 17 Assen, bei 41 unerzwungenen Fehlern zwar recht ansehnlich. Doch für einmal erzählt sie die Geschichte nicht. Federer fühlte sich auf dem Court nie wohl, war beim Aufschlag permanent unter Druck und agierte in den entscheidenden Phasen fast verzweifelt. So stürmte er immer wieder schlecht vorbereitet ans Netz – auch im Tiebreak des dritten Durchgangs, als er vier Satzbälle vergab.

So gegen Nadal chancenlos

Wäre Federer mit 2:1 Sätzen in Führung gegangen, die Aussichten wären gut gewesen, dass Del Potro nach seinem Fünfsätzer von der Runde zuvor ein­gebrochen wäre. Und dann wäre das grosse New Yorker Duell zwischen Federer und Nadal endlich Tatsache geworden. Doch der Schweizer stellte nüchtern fest, dass er gegen seinen Rivalen in dieser Verfassung keine Chance gehabt hätte.

Man weiss nie, wie sich Matches entwicklen, und der Spanier überzeugt seit dem French Open nicht mehr wirklich. Doch bestimmt hätte Nadal immer und immer wieder Federers Rückhand angespielt, bei der dieser das Timinig einfach nicht fand. In Melbourne war dieser Schlag der Schlüssel zum Triumph gewesen, in New York tat er sich damit schwer.

Es war bemerkenswert, wie messerscharf Federer sein Scheitern und das Turnier analysierte, kaum hatte er den Court verlassen. Er spreche inzwischen wie ein TV-Analyst, bemerkte der Reporter der «New York Times». Mit dem Unterschied, dass es seine eigenen Matches sind, er emotional beteiligt ist.

So realistisch er war, seine Enttäuschung war gross. Er hatte viel Kraft investiert, um sich nach seinen ­Rückenproblemen trotzdem eine Chance auf den Turniersieg zu verschaffen. Doch es reichte nicht. Die zwei Wochen nach Montreal waren zu wenig, um vollständig zu genesen und das Vertrauen in seinen Körper und sein Spiel wieder zu finden. Und weil er wohl anders belastete als sonst, zwickte es ihn dann plötzlich auch am Hintern.

Aufgrund seiner Erfahrungen in den letzten Jahren weiss er, wie wichtig es ist, dass er die Warnsignale seines Körpers ernst nimmt. Die Rückeroberung der Nummer 1 kann für ihn keine Priorität haben. Er liegt aktuell 680 Punkte hinter Nadal, und sollte der das US Open gewinnen, wären es 1960. Fast der Gegenwert eines Major-­Titels. Dieser Rückstand wäre in ­diesem Jahr ohnehin nicht mehr wettzumachen.

Wichtig ist für Federer nun, vollständig zu genesen. Er sei müde, körperlich und mental, sagte er. Weshalb er während des Turniers neue Wege gesucht hatte, um fürs Training an spielfreien Tagen (etwa im Central Park, in der McEnroe-Akademie) weniger Energie zu verpuffen.

Das Handicap Laver Cup

Doch das Problem ist, dass der Kalender keine längere Pause vorsieht. In zwei Wochen beginnt der Laver Cup in Prag, es folgen Shanghai (8. bis 15. Oktober), Basel (23. bis 29.), Paris-Bercy (30. Oktober bis 5. November) und das ATP-Finale (12. bis 19.) in London. Vor allem der Laver Cup, bei dem Federer Mitbegründer ist, liegt denkbar ungünstig. Sonst könnte er nun zwei Wochen Pause machen und dann wieder langsam aufbauen. Ein Team-Wettbewerb zwischen Europa und dem Rest der Welt ist eine nette Idee. Die Frage ist, ob er angesichts der immensen Pensen der Cracks einen Platz findet.

Federer reist enttäuscht aus New York ab, aber auch mit einem klaren Bild, was falsch gelaufen ist und wieso. Es bleibt für ihn eine grossartige Saison, und er weiss auch, wie er spielen muss, um zum Erfolg zurückzukehren. Dafür braucht er einfach die körperlichen Voraussetzungen. Sein 20. Major-Titel wurde im Big Apple aufgeschoben. Aber er ist nicht aufgehoben.

Big Apple und Resultate, Seite 27

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