Die meisten Tennisspieler legen drauf

Die Preisgelder an den Topevents erscheinen astronomisch hoch, doch der Schein trügt. Paolo Lorenzi und Marco Chiudinelli zeigen die Kosten eines Profis auf.

Paolo Lorenzi weiss aus eigener Erfahrung: Wer verletzt ist, hat kein Einkommen.

Paolo Lorenzi weiss aus eigener Erfahrung: Wer verletzt ist, hat kein Einkommen. Bild: Keystone

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Novak Djokovics Triumph in Wimbledon war brutto fast 3 Millionen Franken wert, Roger Federer fliegt zuweilen im Privatjet an einen Turnierort. Ja, das Leben für jene an der Spitze der Tennispyramide ist glamourös. Doch die Mehrheit der Profis muss froh sein, wenn Ende Saison keine Schulden übrig bleiben. Das hat mit den immensen Kosten zu tun, welche dieser Job mit sich bringt.

Und je seriöser einer den Sport betreibt, desto teurer kommt ihn dieser zu stehen. «Wenn du nach vorne kommen willst, gibt es keinen anderen Weg, als in die Betreuung zu investieren», sagt Paolo Lorenzi am Swiss Open Gstaad. Doch der 37-Jährige, einst die Nummer 33, derzeit noch die Nummer 114 der Welt, schränkt gleich selber ein: «Wenn du nicht ein absoluter Topspieler bist, ist es fast unmöglich, einen Coach, einen Fitnesstrainer und einen Physiotherapeuten zu beschäftigen – es ist einfach zu teuer.»

Nicht jeder Coach hat Ansätze wie Ivan Lendl, für den Alexander Zverev gemäss zwei unabhängigen Quellen 5'000 US-Dollar zahlt. Pro Tag, versteht sich. Dazu kommen noch Spesen. Auf der anderen Seite der Skala gibt es Trainer aus Ländern mit tiefen Lebenshaltungskosten, die bereit sind, einen Spieler für 1000 Euro (ca. 1100 Franken) pro Woche an Turniere zu begleiten. Es gibt alle möglichen Entschädigungsmodelle; der Baselbieter Ex-Profi Marco Chiudinelli spricht von «1000 Varianten». Häufig sind Wochenhonorare mit Preisgeldanteil. Lorenzi sagt, in guten Saisons habe er für den Coach insgesamt plus/minus 150'000 Euro ausgeben.

Ein Teufelskreis

Kostenintensiv macht die Betreuung, dass der Spieler nicht nur für den Lohn des Coachs oder des Physiotherapeuten aufkommen muss, sondern auch für dessen Reise, Unterkunft und Verpflegung. Das Reisebudget veranschlagt Lorenzi mit rund 100'000 Euro, obwohl er sich keine Extravaganzen leistet. Der Italiener fliegt nach Australien und Asien in der Businessclass, sonst aber immer in der Holzklasse.

Viele Profis senken die Kosten mit allen Mitteln. Sie teilen sich zum Beispiel mit anderen Spielern einen Trainer oder mit dem Coach das Zimmer. Dabei handeln sie sich Wettbewerbsnachteile ein. Ist ein Coach für drei Spieler verantwortlich, kann er sich zum Beispiel weniger eingehend mit den Gegnern befassen. Und ein Profi, der neben einem schnarchenden Coach geschlafen hat, ist bei den wichtigen Punkten eventuell etwas weniger klar im Kopf als sein Widersacher.

Es ist eine Art Teufelskreis: Wer früh verliert, verdient kein Geld, das er in die Betreuung investieren kann. Und wer weniger Unterstützung geniesst, verliert öfter. Chiudinelli, einst die Nummer 52, teilte nie das Zimmer, aber auch er musste sich einschränken. «Zum Ende meiner Karriere hätte ich sehr gerne stets auch meinen persönlichen Physiotherapeuten mitgenommen, aber das war finanziell nicht möglich.»

Verletzte verdienen nichts

Trotz der Kosten erscheinen die umgerechnet rund 55'000 Franken, die ein Erstrundenverlierer in Wimbledon erhielt, astronomisch hoch. Doch laut Lorenzi täuscht der Eindruck. «Man muss zwei Sachen bedenken: Erstens gibt es nur vier solche Turniere im Jahr, und zweitens profitieren nur gut 100 Spieler.» Wer nicht zu den Top 100 gehört, tritt viel an Challenger-Events an. Dort bringt der Titelgewinn zum Teil weniger als 10'000 Franken ein. «Wer den Halbfinal erreicht, kommt raus. Von den 48 Spielern im Hauptfeld legen 44 drauf», erzählt der Routinier, «daher brauchen wir auf dieser Stufe zwingend mehr Geld.»

Zu berücksichtigen gilt es bei den Preisgelddiskussionen auch die Quellensteuer. Am Swiss Open wird diese den Ausländern direkt abgezogen. Im Kanton Bern ist die Höhe einkommensabhängig, wobei in Gstaad meistens der Höchstsatz von 17 Prozent zur Anwendung kommt. Ein Berner, der im Ausland Preisgeld erspielt, muss dies gemäss der kantonalen Steuerverwaltung als «steuerfreie Einkunft» deklarieren, wenn mit dem betreffenden Land ein Doppelbesteuerungsabkommen besteht. In den USA und in Italien beträgt die Quellensteuer zum Beispiel 30 Prozent, in Frankreich nur deren 15. Chiudinelli schätzt den durchschnittlichen Abzug auf Preisgelder auf knapp 25 Prozent.

2018 verdiente Marcel Granollers als Nummer 100 der Preisgeldrangliste brutto 550'000 Franken. Die Summe erscheint anhand der Ausgaben eines Profis nicht mehr übertrieben. Das gilt ganz besonders aus zwei noch nicht erwähnten Gründen: Erstens schreiben viele Spieler auf dem Weg in die Top 100 jahrelang Verluste. Zweitens verdient nichts, wer ausfällt. «Wenn du verletzt bist, hast du null Einkommen, obwohl du für die Reha Geld brauchst. Das ist eines unserer grössten Probleme», sagt Lorenzi. Solche Sorgen hat Federer nicht. Sein Jahreseinkommen wird von «Forbes» auf 77 Millionen Dollar geschätzt.

Erstellt: 26.07.2019, 07:40 Uhr

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