«Sie ist so nett und hat das schönste Spiel»

Ash Barty litt an einer Depression und wandte sich vom Tennis ab. Nun ist sie die Weltnummer 1 und begeistert auch ihre Gegnerinnen.

Alles stets perfekt machen wollte die 23-jährige Australierin Ashleigh Barty – und bremste sich dadurch lange. Foto: Getty Images

Alles stets perfekt machen wollte die 23-jährige Australierin Ashleigh Barty – und bremste sich dadurch lange. Foto: Getty Images

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Irgendwie passt Ashleigh Barty nicht richtig in die moderne Welt des Spitzensports. In einer Zeit, in der sich zahlreiche Athletinnen und Athleten als Ich-AG verstehen und die Selbstvermarktung Programm ist, spricht die Australierin nicht von «ich», sondern konsequent von «wir». So hat sie in Wimbledon etwa ­gesagt: «Wir spüren, dass wir den Ball gut schlagen, und fühlen uns wohl mit Gras unter den Füssen.» Obwohl sie als Nummer 1 aktuell die Tenniskönigin ist, verwendet die 23-Jährige nicht etwa den Pluralis Majestatis, sie betont vielmehr den Team­gedanken.

Für Barty sind die Menschen im engen Umfeld beinahe überlebenswichtig, nicht wegen deren beruflichen Qualitäten, sondern wegen der Nestwärme, ohne die es Barty auf der WTA-Tour kaum lange aushalten würde. Letzte Woche wurde sie im «Guardian» so zitiert: «Ich wäre gern jede einzelne Minute jedes einzelnen Tages daheim.» Daheim in Ipswich bei Brisbane, über 16'000 Kilometer von Wimbledon entfernt. Das Heimweh hatte die hochbegabte Tennisspielerin früher noch stärker geplagt. Als sie 2011 in Wimbledon den Titel bei den Juniorinnen gewonnen hatte, wollte sie nur noch nach Hause – nicht einmal den Pokal nahm sie mit.

Heilsame Auszeit

Nach dem US Open 2014 verkündete die damals an einer Depression leidende Barty, sie nehme eine Auszeit. 2015 spielte sie, ohne Wettkampferfahrung zu besitzen, in einer regionalen ­Cricket-Liga und überzeugte dermassen, dass sie schon bald das Trikot der Brisbane Heat trug und so in der höchsten Frauenliga Australiens mitmischte. Doch das Tennisvirus blieb. Im Februar 2016 bestritt Barty wieder Turniere. Sie sei sich fast ­sicher, dass sie ohne die Pause heute nicht mehr Tennis spielen würde, erzählte sie kürzlich in einem Interview mit CNN, «aber zurückzukehren war die beste Entscheidung, die ich je getroffen habe».

In Wimbledon ist Bartys Entourage noch grösser als sonst, ist doch Freund Garry Kissick nach Europa gereist. Dabei sind zudem Coach Craig Tyzzer, Konditionstrainer Mark Taylor, zwei Physiotherapeuten sowie Agentin Nikki Craig mit ihrem Gatten und deren Kleinkind, mit dem die Weltnummer 1 viel Zeit verbringt. Für den sportlichen Erfolg vielleicht am wichtigsten ist aber wohl Ben Crowe, der seit einem Jahr im Hintergrund wirkt. Ein australischer Tennisjournalist bezeichnet ihn als «Lebenslehrer für Barty». Sie sei schon fast krankhaft strukturiert; ihr ausgeprägter Perfektionismus sei ihr im Weg gestanden.

Fehler sind erlaubt

In einem Radiointerview sagte Crowe kürzlich: «Athleten verfangen sich zuweilen in Perfektionsmythen und fühlen sich daher nicht gut genug, nicht stark genug, nicht fit genug.» Barty habe diese Rüstung ausgezogen und lasse nun die echte, unvollkommene, verletzliche Ash Barty zum Vorschein kommen. Solche Authentizität erlaube es ihr, Fehler zu machen, hinzufallen, aber wieder aufzustehen und daraus zu lernen, erklärte er.

Mit dieser Einstellung fällt es ihr auch leichter, mit dem Druck umzugehen. Sowohl in ihrem ersten Grand-Slam-Final, in Paris gegen Marketa Vondrousova, als auch im Endspiel in Birmingham, als gegen Julia Görges die Nummer-1-Position auf dem Spiel stand, zeigte sie brillante Leistungen. «Ich bürde mir einzig den Druck auf, im Vorfeld alles korrekt zu machen und mich so gut wie möglich vorzubereiten. Dann kann ich versuchen, einen guten Tennismatch zu spielen und ihn zu geniessen. Gelingt mir das, kann ich den Platz unabhängig vom Resultat mit einem Lächeln verlassen», sagt sie selber.

Nicht in die moderne Welt des Spitzensports passt auch, dass Bartys Erfolg keinen Neid auslöst. Görges sagte nach dem verlorenen Final, sie sei glücklich, sei Barty die Nummer 1 geworden. Und Serena Williams spricht «vom süssesten Girl auf der Tour. Sie ist so nett und hat das schönste Spiel.» Bei so viel Zuneigung lässt sich das Heimweh deutlich besser ertragen.

Erstellt: 06.07.2019, 10:39 Uhr

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