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«... da sah ich, Rafa begann beim Return zu spekulieren»

Vom 1:3 zum 6:3 – wie schaffte Federer im 5. Satz das Wunder? Die Antwort des Zauberers von Melbourne.

«Ich weiss, dass meine Karriere nicht mehr unendlich weitergeht»: Roger Federer erklärt an der Pressekonferenz seine Aussage zum Australian Open 2018. Foto: Kin Cheung (Keystone)
«Ich weiss, dass meine Karriere nicht mehr unendlich weitergeht»: Roger Federer erklärt an der Pressekonferenz seine Aussage zum Australian Open 2018. Foto: Kin Cheung (Keystone)

Was bedeutet es Ihnen, Ihre Verfolger mit dem 18. Grand-Slam-Titel zurückgebunden zu haben?

Das ist für mich das Unwichtigste. Viel wichtiger ist für mich mein starkes Comeback, dass ich endlich wieder einmal Rafa (Nadal) geschlagen und nach fast fünf Jahren nochmals einen Major-Titel gewonnen habe. Und ich bin dankbar dafür, dass ich das in Australien tun konnte. Mit diesem Land verbinden mich auch zwei meiner früheren Coachs, ­Peter Carter und Tony Roche. Ich spüre auch, wie populär ich hier bin.

Sie gewannen den Matchball erst, nachdem der Videobeweis zeigte, dass Ihr Ball auf der Linie war. Wie erlebten Sie diesen Moment?

Es war komisch, so zu gewinnen, aber ich habe das auch schon erlebt. Meine Emotionen gingen dennoch mit mir durch, ich war unglaublich happy. Als ich sah, dass mein Team ausflippte, wusste ich: Ich habe wirklich gewonnen.

Video – Federer zeigt am Tag danach stolz seinen Pokal:

Sie lagen im Entscheidungssatz 1:3 zurück und gewannen ihn 6:3. Wie kam es zu dieser Wende?

Ich sagte mir: Spiel befreit auf, denn das hatte ich mit Seve (Lüthi) und Ivan (Ljubicic) besprochen. Spiel den Ball, nicht den Gegner. Greife an, das wird auf diesem schnellen Platz belohnt. Ich hatte schon vorher Break-Chancen im fünften Satz, vergab sie aber. Ich glaubte jedoch weiter daran, dass ich würde gewinnen können. Und am Ende spielte ich mein bestes Tennis. Das überraschte mich, weil ich im vierten Satz und zu Beginn des fünften ein Loch hatte.

Was bedeutet es Ihnen, dass dieser Erfolg gegen Nadal zustande kam?

Es ist sehr speziell und süss, dass ich ihn erstmals seit 2007 an einem Major-Turnier schlagen konnte. Mit ihm verbindet mich die längste Rivalität meiner ­Karriere, und dank ihm wurde ich zu einem besseren Spieler. Sein Tennis ist tückisch für mich. Ich habe es schon an der Siegerehrung gesagt: Tennis ist brutal, weil es da kein Unentschieden gibt. Heute hätte ich eines akzeptiert.

Video – ein unglaubliches Comeback im 5. Satz.

So gewann Federer das Finale gegen Nadal. SRF/Tamedia

Was für ein Gefühl ist es, als 18-facher Major-Sieger hier zu sitzen?

Es ist unwirklich, surreal. Ich werde ­einige Zeit brauchen, das wirklich zu realisieren. Dieser Titel ist auch mit keinem anderen zu vergleichen. Höchstens noch mit dem am French Open 2009, weil ich auf jenen Titel auch so lange hatte warten müssen.

Merkten Sie, wie angespannt Ihr Team auf der Tribüne mitfieberte?

Es war ja auch für alle speziell, insbesondere für Ivan (Ljubicic). Es war für ihn sein erster Grand-Slam-Final als Spieler oder Coach, er war schon den ganzen Tag nervös, genau wie Daniel (Troxler). Ich versuchte, sie zu beruhigen. Die Leute in meinem Team sind für mich nicht nur Betreuer, sondern Freunde. Wir hatten 2016 lange miteinander über meine Pause und das Comeback gesprochen. Diesen Titel werden wir feiern wie Rockstars, zusammen mit etwa 20, 30 oder 40 Leuten. Nur schade, dass es schon zwei Uhr morgens ist.

Mit dem AO-Pokal in der Kabine: Federer freut sich wie ein Kind über den 18. Major-Titel.
Mit dem AO-Pokal in der Kabine: Federer freut sich wie ein Kind über den 18. Major-Titel.

Einige kritisierten, dass Sie vor dem fünften Satz eine Verletzungspause nahmen, etwa der frühere Wimbledon-Sieger Pat Cash.

Mein Bein schmerzte schon seit der zweiten Runde, und ich bin froh, dass ich diesen Schmerz bewältigen konnte. Im Final merkte ich im zweiten Satz, wie der Oberschenkel wehtat, und im dritten Satz meldeten sich auch die Adduktoren wieder. Ich sagte mir: Die Regeln sind da, ich kann sie auch nutzen. Ich finde auch, dass wir sie nicht missbrauchen sollten. Und ich habe 20 Jahre lang den Weg gezeigt. Dies nun zu kritisieren, ist übertrieben.

Wie meinten Sie das, als Sie an der Siegerehrung sagten: «Falls ich nächstes Jahr zurückkomme»?

Genau so. Ich weiss, dass meine Karriere nicht mehr unendlich weitergeht. Und sollte ich mich wieder verletzen, weiss ich nicht, was geschieht. In dieser Phase der Laufbahn weiss man nie, ob man noch weitere Grand-Slam-Turniere ­spielen kann. Hinter mir liegt eine schwierige Saison, und die drei Fünf­sätzer hier helfen mir auch nicht. Aber es gibt keinen Plan, dass dies mein letztes Australian Open war. Ich hoffe schon, dass ich zurückkommen werde.

Fotostrecke – Federers Meisterwerk in Bildern:

Nummer 20, Australian Open 2018: Roger Federer ringt Marin Cilic mit 6:2, 6:7, 6:3, 3:6, 6:1 nieder.
Nummer 20, Australian Open 2018: Roger Federer ringt Marin Cilic mit 6:2, 6:7, 6:3, 3:6, 6:1 nieder.
Keystone
Switzerland's Roger Federer celebrates beating Croatia's Marin Cilic in their men's singles final match on day 14 of the Australian Open tennis tournament in Melbourne on January 28, 2018. / AFP PHOTO / SAEED KHAN / -- IMAGE RESTRICTED TO EDITORIAL USE - STRICTLY NO COMMERCIAL USE --
Switzerland's Roger Federer celebrates beating Croatia's Marin Cilic in their men's singles final match on day 14 of the Australian Open tennis tournament in Melbourne on January 28, 2018. / AFP PHOTO / SAEED KHAN / -- IMAGE RESTRICTED TO EDITORIAL USE - STRICTLY NO COMMERCIAL USE --
AFP
Nummer 19, Wimbledon 2017: Federer lässt Cilic beim 6:3, 6:1, 6:4 keine Chance.
Nummer 19, Wimbledon 2017: Federer lässt Cilic beim 6:3, 6:1, 6:4 keine Chance.
Keystone
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Zurück zur Partie gegen Nadal: Wie erlebten Sie die Endphase?

Als ich mit 2:1 Sätzen führte, dachte ich erstmals, dass es tatsächlich möglich sein könnte. Und als ich im fünften das Rebreak schaffte und meinen Aufschlag hielt, sagte ich mir, dass er wahrscheinlich auch müde ist. Er liess einige Bälle einfach durch, begann beim Return zu spekulieren. Das gab mir Luft und den Elan weiterzukämpfen. Ich fühlte mich auch noch gut, konnte forcieren. Und plötzlich – zack – war der Match fertig.

«Ich nahm diese Partie an mit ihrer ganzen Bedeutung.»

Wie sehr half es Ihnen, dass Sie zwei Ruhetage hatten?

Es half mir, die richtige Einstellung zu finden. Ich nahm diese Partie an mit ihrer ganzen Bedeutung und hatte enorm Lust, gegen ihn zu spielen. Ich wusste, was der Match bedeutet – für ihn, für mich, für das Tennis. Diese Frische hat mir geholfen. Ich wollte auch nicht verlieren, indem ich nur den Ball zurückspiele. Also begann ich, wieder zu forcieren, und es zahlte sich aus.

Worauf sind Sie am meisten stolz, wenn Sie diesen Titel etwas aus der Distanz betrachten?

Dass ich nach fast fünf Jahren wieder einen Grand-Slam-Titel gewinnen konnte und dass ich mich durch meine Rückschläge nicht habe aus der Bahn werfen lassen. Zum Beispiel durch die Rückenprobleme 2013 und 2016, oder die Knieprobleme des vergangenen Jahres. Es wird aber schon noch etwas dauern, bis ich fassen werde, was für ein unglaublicher Match dies für meine Karriere war, was für ein unglaubliches Comeback ich geschafft habe. Es ist wirklich wie in einem Märchen, was da alles zusammengekommen ist.

Könnte es sein, dass zwischen Ihrem Comeback und diesem Titel ein Zusammenhang besteht?

Gut möglich. Dies war das erste Jahr, vor dem ich nicht glaubte, dass ich einen Grand-Slam-Titel gewinnen würde. Ich sagte mir: Es ist eigentlich egal, ob ich verliere. Oder redete es mir zumindest ein. Das half mir, eine Winner-Mentalität zu finden. Und im Final gelang mir dies besonders gut.

Aufgezeichnet von René Stauffer, Melbourne

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