«Djokovic hatte leider keine Zeit für mich»

Roger Federer äussert sich in Indian Wells erstmals über den Abgang von ATP-Chef Chris Kermode. Und verrät Erstaunliches.

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Nach seinem Startsieg in Indian Wells gegen den Deutschen Peter Gojowczyk (6:1, 7:5) nahm Roger Federer gegenüber einer kleinen Gruppe Schweizer Journalisten erstmals Stellung zur Tatsache, dass ATP-Präsident Chris Kermode Ende Jahr gehen muss – trotz hervorragender Arbeit und weit verbreiteter Popularität.

Seine Aussagen, die er in Schweizerdeutsch und sehr vorsichtig formulierte, werfen ein zwiespältiges Licht auf Novak Djokovic, der als Präsident des ATP-Spielerrats eine zentrale Rolle spielt in diesem Entscheid, der auf weit verbreitetes Unverständnis stiess. Umso mehr, als unklar ist, wer Kermode überhaupt ersetzen soll und kann.

Roger Federer, Sie haben sich bisher noch nicht geäussert über den Entscheid, Kermodes Vertrag nicht zu erneuern. Wie beurteilen Sie diesen Fall?
(Zögert) Es ist schwer für mich, eine klare Meinung zu äussern, weil ich politisch nicht mehr engagiert bin. Eigentlich möchte ich, dass die Leute, die jetzt am Ruder sind, das erledigen. Für mich ist einfach wichtig, dass ich weiss, aus welchem Grund das geschehen ist, und was nun passieren soll, was auf der Agenda steht. Ich möchte wissen, was das Motiv war, was Kermode anscheinend nicht gut gemacht hat. Ich wäre tendenziell eher für ihn gewesen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Situationen, in denen man sagen musste: Der oder der muss einfach weg, so geht das nicht mehr. So war das bei Kermode aber nicht.

Haben Sie mit Djokovic inzwischen gesprochen?
Ich habe versucht, Novak zu treffen am Stichtag (vor der entscheidenden Sitzung der vergangenen Woche, Red). Da hatte er leider keine Zeit. Das ist für mich… schwer verständlich. Aber es ist okay. Er hatte sicher viel am Hut mit der ganzen Geschichte. Ich fragte ihn, ob er Zeit habe, mich zu treffen, es sei ja so viel los. Er schlug vor, wir könnten uns am Tag danach sehen – aber da war ja schon alles entschieden. Nun haben wir uns bisher noch nicht getroffen, und inzwischen hat ja das Turnier begonnen.

Wie sehr beschäftigt Sie dieser Fall? Sie waren ja selber jahrelang Präsident des ATP-Spielerrats.
Es interessiert mich schon, was dahinter steckt, warum es so gekommen ist. Ich muss überlegen, ob ich mich in Zukunft wieder mehr engagieren sollte, zum Wohl der Tour, oder ob ich mich nur ein wenig einbringen soll, ohne gleich Politik zu machen. Ich will nicht die ganze Zeit reinfunken, aber ich kann auch nicht nur wegschauen und sagen, es interessiert mich nicht. Ich muss mich informieren, und das habe ich in den letzten Tagen gemacht. Ich habe auch mit Rafa (Nadal) gesprochen. Wir sind auf dem gleichen Nenner, das ist wichtig für ihn und mich.

«Die Stimmung ist – man kann nicht gerade sagen explosiv, aber es ist schon eine gewisse Unsicherheit da.»

Wissen Sie nun, was zu dieser Situation führte, oder haben Sie noch Fragen?
Ich habe sicher noch Fragen. Ich weiss so halbwegs, was passiert ist. Aber ich würde sicher noch gerne mit dem Spielerrat sprechen.

In Englisch sagten Sie, es komme viel Arbeit auf die Männertour zu. Wo sehen Sie die grössten Baustellen?
Es ist wichtig zu wissen, wo diese Tour hingehen will, mit wem und wie. Da sind viele Fragen offen. Vielleicht können sie beantwortet werden, und dann beruhigt sich mein Gemüt wieder, und auch das anderer Spieler. Denn viele standen hinter Kermode. Es haben auch nicht alle die gleichen Prioritäten. Manche denken vornehmlich ans Geld, andere an den Turnierkalender, wieder anderen geht es vor allem um die Macht, das ist auch immer eine grosse Geschichte.

Momentan sind viele beunruhigt im Männertennis, auf verschiedensten Ebenen. Machen Sie sich auch ein wenig Sorgen?
Wahrscheinlich haben Sie das richtig gesagt – ein wenig Sorgen. Wie viele davon real sind, weiss ich nicht. Ich habe trotzdem das Gefühl: Die Tour läuft gut, wir haben super Matches, das Preisgeld stieg, die Stadien sind voll. Die ITF (der internationale Tennisverband) versucht innovativ zu sein, die ATP auch, der Laver-Cup läuft gut. Die Profitouren sind auch nicht gross am Klagen. Nur die Politik ist im Aufruhr. Gewisse Spieler sind nicht gleicher Meinung, die Turniere und die Spieler sind nicht gleicher Meinung, und dadurch ist die Stimmung – man kann nicht gerade sagen explosiv, aber es ist schon eine gewisse Unsicherheit da. Das kann gewisse Leute schon besorgen, während andere sagen: Das ist nur eine Momentaufnahme. Wir werden sehen, was in den nächsten Monaten geschieht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.03.2019, 04:06 Uhr

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