Beten und hoffen, dass alles besser wird

Der Auftaktsieg in Madrid gegen Nishikori hat sich als Strohfeuer entpuppt. Novak Djokovic rätselt weiter, die Lust ist ihm aber noch nicht vergangen.

Ein inzwischen gewohntes Bild: Novak Djokovic verlässt auch Madrid als Verlierer.

Ein inzwischen gewohntes Bild: Novak Djokovic verlässt auch Madrid als Verlierer. Bild: Mariscal/EPA

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In einem früheren Leben entfernte er sich mit riesigen Schritten von der Konkurrenz. Entrückt in seinen eigenen Orbit, blickte der Entschwebte auf seine Gegner herunter, die anerkennen mussten: Novak Djokovic ist quasi unschlagbar.

Im Kreis dreht sich der Serbe nach wie vor, allerdings nicht mehr in überirdischen Sphären. Vielmehr gelangt er immer wieder an jenen Punkt zurück, an dem er feststellen muss, dass er den Ausweg aus der Misere noch nicht gefunden hat.

Das jüngste Kapitel in dieser Geschichte des Suchenden schrieb der zwölffache Major-Champion nun in Madrid. Nach dem Auftaktsieg gegen den einstigen US-Open-Finalisten Kei Nishikori (ATP 20) wähnte er sich auf einem guten Weg, doch am Mittwoch erlitt er den nächsten Rückschlag. Der Weltranglistenzwölfte scheiterte in der 2. Runde in drei Sätzen am Briten Kyle Edmund (ATP 22). «Es gibt einige offensichtliche Dinge in meinem Spiel, die nicht funktionieren. Ich muss daran arbeiten und beten und hoffen, dass es besser wird», sagte er danach. Und auch: «Natürlich enttäuscht mich die Niederlage. Aber ich kann glücklich sein mit den Fortschritten, die ich zuletzt gemacht habe.» 6:6 lautet seine Bilanz 2018.

Gipfelsturm und Schocktherapie

In seinen besten Jahren verliess Djokovic den Platz in einer ganzen Saison nur sechsmal als Verlierer. Aber da war er noch ein anderer Spieler. Eine alles zermürbende Gummiwand, ausgestattet mit einer eindrucksvollen mentalen Härte. Die aussergewöhnliche Verfassung, auch die körperliche, war das Resultat einer langen Askese. Djokovic hatten sämtliche Aspekte seines Lebens derart optimiert, dass er zum Dominator aufstieg. Die ersehnte Krönung folgte 2016 in Roland Garros, als er seine Grand-Slam-Sammlung komplettierte und als erster Spieler seit Rod Laver 1969 alle vier Major-Titel gleichzeitig hielt. Es war der Anfang vom Niedergang.

Auf dem Gipfel angekommen, fühlte er sich satt. Er verlor die Motivation und liess sich treiben. Er durchlebte eine Ehekrise, sein Tennis litt. Er begab sich in die Hände von Pepe Imaz, der zwar ehemaliger Profi, vor allem aber ein Freund ausgiebiger spiritueller Sitzungen ist. Weil der Guru an Einfluss gewann, verlor Boris Becker, mit dem Djokovic sechs Grand-Slam-Turniere gewonnen hatte, die Lust, es kam zum Bruch. Als im Frühjahr 2017 die Erfolgserlebnisse weiterhin ausblieben, entschied sich Djokovic zu einem drastischen Schnitt: Er trennte sich von seinem langjährigen Trainer Marian Vajda, von Fitnesstrainer und Ernährungsberater Gebhard Gritsch und von Physiotherapeut Miljan Amanovic. «Schocktherapie» nannte er es.

Die Probleme wurden nicht weniger. Djokovic verpflichtete Andre Agassi als Coach, doch die neue Inspirationsquelle blieb wirkungslos. Stattdessen zwangen ihn anhaltende Ellbogenprobleme zum Saisonabbruch nach Wimbledon. Ende November holte er mit Radek Stepanek einen weiteren früheren Profi ins Betreuerteam. Er veränderte seine Aufschlagbewegung und wechselte das Racket. Vier Monate später – das Comeback hatte sich alles andere als gut angelassen, dazu hatte er sich nach dem Australian Open in Muttenz am Handgelenk operieren lassen – beendete er die Zusammenarbeit mit Agassi und Stepanek.

Auf und Ab mit alten Weggefährten

Die Suche nach Lösungen für seine Misere führte den 30-Jährigen zurück zu Vertrauten. Kaum hatte er den Amerikaner und den Tschechen aussortiert, reaktivierte er Vajda und schliesslich auch Gritsch, vorerst für die Sandsaison. Der erste gemeinsame Auftritt begann, wenn man den Massstab der vergangenen Monate anlegt, vielversprechend. Djokovic feierte zwei Siege in Monte Carlo, ehe er an Dominic Thiem scheiterte. Er meldete sich kurzfristig in Barcelona an, scheiterte dort aber in der Startrunde an Qualifikant Martin Klizan, gegen den er zuvor nie Mühe gehabt hatte.

Weil er sich nun auch in Madrid früh verabschiedete, droht der tiefe Fall im Ranking. Kommende Woche muss Djokovic in Rom als Vorjahresfinalist fast einen Drittel seiner verbliebenen Punkte verteidigen. Im schlimmsten Fall fliegt er aus den Top 30 und aus der Setzliste fürs French Open. So wäre ein Erstrundenduell mit Rafael Nadal möglich.

Solche Szenarien lassen Djokovic kalt. Er hat andere Sorgen als die Weltrangliste. Und er weiss, dass er sich automatisch schnell verbessern wird, sollte er dereinst zu alter Stärke finden. Ob ihm das gelingt, wird sich weisen, die Lust ist ihm jedenfalls noch nicht vergangen. Wie sagte er doch nach dem Out in Madrid: «Niemand zwingt mich, diese Sportart auszuüben. Ich tue es, weil ich Spass daran habe. Solange ich das Tennis liebe, werde ich weiterspielen.» (kai)

Erstellt: 10.05.2018, 19:42 Uhr

Artikel zum Thema

Djokovic leidet und fällt weiter

Der Serbe erleidet am Masters-1000-Turnier in Madrid den nächsten Tiefschlag. Er unterliegt in der 2. Runde dem Briten Kyle Edmund (ATP 22) 3:6, 6:2, 3:6. Mehr...

Das Hin und Her von Djokovic

Der Serbe ist erstmals seit zwei Jahren wieder schmerzfrei und setzt seine Hoffnung in eine Person. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Warum Hafer (fast) so wirksam ist wie Medizin

Geldblog Der Crash wird über kurz oder lang kommen

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...