Djokovic sucht das Kind in sich

Wie der frühere Tennis-Dominator den Weg zurück an die Spitze sucht.

«Das Leben ist grossartig», sagt Novak Djokovic und joggt am French Open mit Ballmädchen und -jungen. Foto: Benoit Tessier (Reuters)

«Das Leben ist grossartig», sagt Novak Djokovic und joggt am French Open mit Ballmädchen und -jungen. Foto: Benoit Tessier (Reuters)

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Genau zwei Jahre ist es her, dass Novak Djokovic in Roland Garros seine Sammlung der Grand-Slam-Trophäen vervollständigte. Sechs davon hatte er innerhalb von nur zwei Jahren erobert, er war der unbestrittene König der Tenniswelt und schien auf Kurs, bald auch Rafael Nadal und Roger Federer zu bedrängen und ein Kandidat für den Titel «bester Spieler der Geschichte» zu werden. Davon spricht heute keiner mehr. Der 31-jährige Serbe ist zurückgefallen und ringt um den Anschluss. Er steht immer noch bei 12 Majortiteln – während Nadal auf 16 und Federer auf 20 wegzogen.

Auf der Suche nach vergangener Stärke hat er sich im Niemandsland verloren und nun wieder die Taktik geändert. Nachdem er sein ganzes Team ausgewechselt und mit Andre Agassi und Radek Stepanek zwei neue Trainer an Bord geholt hatte, geht er nun vorwärts in die Vergangenheit. Die Neuen wurden ausgemustert, seit Rom wird er – vorläufig bis nach dem French Open – wie früher von Coach Marian Vajda und Fitnesstrainer Gebhart Gritsch begleitet.

Zudem ist er, wie er sagt, «auf der Suche nach dem Kind in mir». Was er meint: Er versucht die Inspiration und die Motivation wiederzufinden, die ihn einst zum Tennis gebracht hatten und etwas verloren gingen. «Der Sport ist heute zu sehr zum Geschäft geworden», sagt er. Und will die Zeit zurückdrehen. «Was ich von meinem jüngeren Ich erhalte, sind ein Lächeln und die Erinnerung, warum ich überhaupt zu spielen begann», sagt er geschwollen.

«Nicht mehr die gleiche Person»

Der Serbe erweckt den Eindruck eines Mannes, der genug davon hat, Probleme zu wälzen, und Läuterung sucht. Als ihn ein Journalist in Paris nach seinen schwierigen Monaten des letzten Jahres befragt, wird er grundsätzlich: «Ich habe in meinem Leben sehr viel erreicht und bin dankbar dafür. Ich mag es nicht, darüber zu sprechen, was hart ist und was nicht. Das Leben ist grossartig.» Alles sei eine Frage der Perspektive. Er könne nicht dasitzen und klagen, während anderswo Leute verhungerten.

Unbestritten ist, dass sich durch die Geburt seiner Kinder («für mich der wichtigste Teil in meinem Leben») seine Prioritäten verschoben haben. «Ich will nicht mehr die gleiche Person und der gleiche Spieler sein, der ich vor drei, vier Jahren war», sagt er. «Ich habe ein anderes Leben, als zweifacher Vater geht es nicht mehr nur ums Tennis.» Unbestritten ist auch, dass er Fehler gemacht hat – und zwar mehrere. In seinen überstürzten Personalentscheiden. In der Therapie seines Ellbogens, den er erst monatelang konservativ heilen liess. Dass die Schmerzen beim Comeback in Australien sofort wieder zurückkamen, war schlecht für die Moral und veranlasste ihn zu einer Operation. Der Eingriff wurde im Februar in Basel vorgenommen.

Auch in seiner Planung irrte sich der 68-fache Turniersieger. Bereits in Indian Wells und Miami wieder anzutreten, war ein Fehler. Die Dienstreise brachte ihm zwei Startniederlagen, die zusätzlich auf das Selbstvertrauen schlugen. «Das war ein Schock für mich. Auch die Art, wie ich spielte», sagt er heute. Aber er erkannte in den USA auch, dass er geduldiger sein musste, mehr Zeit brauchte. In Rom zeigte der Patient endlich Besserung, mit dem Vorstoss in die Halbfinals und einer starken Leistung gegen Nadal. «Das war mein qualitativ stärkstes Turnier seit einem Jahr.»

Das Feuer brennt noch

In Paris knüpft er an diese Vorstellungen an. Mit Roberto Bautista Agut, der vor dem Turnier seine Mutter verlor, schlug er am regnerischen Freitag die Nummer 13. Dank dem 6:4, 6:7, 7:6, 6:2 erreichte er nach fast vier Stunden zum 43. Mal die Achtelfinals eines Majorturniers (wobei er während der Partie frustriert ein Racket zerstörte). Er schloss damit zu Connors auf, in der Profiära liegt nur noch Federer (60) vor ihm.

Als Nummer 20 ist Djokovic in Roland Garros so tief gesetzt wie letztmals 2006 in New York. Dennoch gilt er dank seiner Erfahrung als einer der wenigen ernst zu nehmenden Rivalen des grossen Favoriten Rafael Nadal, gegen den er eine knapp positive Bilanz aufweist (26:25). Zumindest vorerst sind seine Aussichten gut. Am Sonntag trifft er auf einen anderen altbekannten Gegner, den Spanier Fernando Verdasco, gegen den er 10:4 führt. «Aber zuerst mache ich einen Tag Pause, zusammen mit der Familie.» Das sei für ihn die beste Erholung, erklärte er den Zuschauern, ehe er sich direkt an diese wandte: «Je vous aime.»

Der asketische Osteuropäer ist ein Beispiel dafür, wie wenig es braucht, dass ein Champion ins Mittelmass zurückfallen kann – und wie schwierig es danach sein kann, den Weg zurück zu finden. «Wenn du beginnst, während einer Partie zu viel nachzudenken, ist das nicht gut», sagte er zur Zeitung «L’Equipe». Das habe er getan, aber dafür bleibe auf diesem Niveau keine Zeit, «da musst du reagieren und spielen». Trotz allem beteuert er, das Tennis weiterhin zu lieben, «das Feuer in mir ist noch am ­Brennen». Wäre das nicht der Fall, würde er schon morgen aufhören, kein Problem, au revoir.

Erstellt: 01.06.2018, 23:44 Uhr

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