Djokovics bitterste Niederlage hat ihre Logik

Das erneute olympische Scheitern der Nummer 1 geht nicht nur auf das Konto des starken Gegners.

Der Matchball und die ergreifenden Szenen am Netz. Video: SRF

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Die noch nie gesehene Art, wie Novak Djokovic in dieser brasilianischen Nacht vom Court stürmte, weinend wie ein kleiner Junge, dem man das Lieblingsspielzeug genommen hat, und immer wieder den Kopf schüttelnd, illustriert die Tragweite seiner Niederlage am besten: Dieses 6:7, 6:7 gegen Juan Martin Del Potro in der olympischen Startrunde ist für ihn eine der brutalsten seiner Karriere. Sie beraubt ihn der Chance, seinen Palmarès in seinem bisher besten Jahr mit dem letzten grossen Titel abzurunden, der ihm noch fehlt.

Und keiner weiss, was in vier Jahren sein wird. Dann wird er 33 sein. «Das ist zweifellos eine der härtesten Niederlagen meines Lebens, meiner Karriere», sagte Djokovic kurz nach Verlassen des Courts. Damit umzugehen, sei schwierig, vor allem so kurz nach dem Spiel, wenn die Wunden noch frisch seien. «Aber ich muss damit klarkommen.» Dass es sich um Olympia handle, mache alles nur noch viel schlimmer.

Del Potros Extrakräfte

Von einer Sensation zu sprechen, ist aber voreilig. Zwar ist Del Potro nur die Nummer 141, nach seiner jahrelangen Verletzungsmisere (mit mehreren Operationen am Handgelenk) krass unterklassiert. Seit Wimbledon, wo er Stan Wawrinka eliminierte, spielt er aber fast wieder auf jenem Niveau, das ihn 2009 zum US-Open-Sieger werden liess. Und der «Turm von Tandil» ist einer, bei dem Olympia Extrakräfte freilegt. Das hatte er schon 2012 gezeigt, als er in London im Halbfinal den längsten Dreisatzkampf des Tennis gegen Roger Federer verlor, danach aber im Kampf um Bronze ebenfalls Djokovic schlug, während der ermattete Federer gegen Andy Murray klar verlor.

Zudem spielte «Delpo», wie er genannt wird, in Rio nahe der argentinischen Heimat und vor einem Publikum, das ihn frenetisch unterstützte. Wie trocken er mit seiner Vorhand Winner um Winner schlug, liess selbst weitgereiste Experten sich die Augen reiben. Hätte er auch noch eine oder zwei seiner sieben Breakchancen genutzt, wäre das Resultat gar ziemlich klar ausgefallen und hätte dem Spielverlauf auch besser entsprochen.

Der falsche Gegner zur falschen Zeit

Djokovic muss sich nichts vorwerfen. Er hatte einfach das Pech, zum falschen Zeitpunkt auf den falschen Gegner zu treffen. Wäre Del Potro dort klassiert, wo er hingehörte, hätten die beiden erst spät im Turnier aufeinandertreffen können. Dies wäre für den Weltranglistenersten von Vorteil gewesen, da er dann eingespielt gewesen wäre. Was aber nicht heisst, dass er auch gewonnen hätte.

Hätte, wäre ... Rio bedeutet für Djokovic die zweite markante Niederlage in drei Turnieren, zusammen mit der Drittrundenniederlage gegen Sam Querrey in Wimbledon. Diese hatte ihn der Chance beraubt, auch das dritte Grand-Slam-Turnier des Jahres zu gewinnen und darauf im September als erster Mann seit 1969 den Grand Slam zu vollenden. Viele hatten ihm zugetraut, dass er dies tun und dazwischen auch noch Olympiagold holen würde. Dieser «Golden Slam» ist bisher erst Steffi Graf 1988 geglückt.

Murray kann profitieren

Boris Becker, Djokovics Coach, erlebte die Niederlage mit zusammengekniffenem Mund und rotem Kopf mit und dürfte innerlich entsetzt gewesen sein. Nach dem Wimbledon-Aus hatte er seinen Spieler kritisiert, ihm vorgeworfen, er habe seine Motivation nach seinem ersten Triumph in Paris etwas verloren, sich etwas gehen lassen. Möglich, dass er recht hat. Sehr wahrscheinlich ist, dass Del Potro den Sieg in dieser hoch emotionalen Olympianacht mehr anstrebte als sein Gegner. Der 27-jährige Zweimetermann weinte schon beim Shakehands.

Das Resultat wird von der Konkurrenz zweifellos als Signal dafür aufgefasst, dass Djokovics zuletzt erdrückende Dominanz ihren Zenit überschritten hat. Ob das tatsächlich so ist, wird sich auch am US-Open zeigen. Konkret profitieren kann von dieser Baisse Andy Murray, der Wimbledonsieger. Stan Wawrinka und Roger Federer, der heute seinen 35. Geburtstag feiert, sind zwar noch die Nummern 3 und 4, den Kampf um die Weltranglistenspitze kann aber nur der Schotte wieder spannend machen. Er liegt in der Jahreswertung aber immer noch knapp 2000 Punkte hinter dem Serben – das entspricht dem Gegenwert eines Grand-Slam-Titels. Und da in Rio keine Punkte verteilt werden, wird sich daran selbst dann nichts ändern, wenn der Schotte erneut Olympiasieger werden sollte.

Erstellt: 08.08.2016, 16:09 Uhr

Djokovic muss sich nichts vorwerfen: Tränen auf dem Court. Foto: Toby Melville (Reuters)

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