«Drogen fallen weg, Sex streng genommen nicht»

Andrea Petkovic gibt als Kolumnistin schonungslose Einblicke in ihren einsamen Alltag als Tennisprofi.

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Tennis spielen muss schwierig sein, wenn sich im Kopf eine «Horrorshow» abspielt, wenn «20 000 Gedankenstränge das Hirn bombardieren», wenn sich bei jedem wichtigen Punkt das Bewusstsein meldet, wie viel nun gerade wieder auf dem Spiel steht. «Es ist kein Geheimnis, dass bei mir im oberen Stockwerk viele Gedanken abgehen, und manchmal sind diese hinderlich», sagt Andrea Petkovic und lacht.

Die 30-jährige Deutsche, die am French Open in der 2. Runde steht, gilt als intellektuellste Tennisspielerin. Sie kokettiert auch ein wenig damit, etwa, wenn sie in diversen Sprachen gescheite Sätze sagt und dabei öfter auch mal auf Literaten wie Philip Roth oder James Joyce oder Figuren aus Dostojewski-­Romanen Bezug nimmt.

Die Leere in Kettenhotels

Inzwischen hat sich die ehemalige Top-10-Spielerin, die im bosnischen Tuzla zur Welt kam und während ein paar Jahren in Bern lebte, selber auf das literarische Parkett begeben. Mit bemerkenswert offenen, teilweise tiefsinnigen und intimste Bereiche betreffenden Kolumnen, die wöchentlich im Magazin der «Süddeutschen Zeitung» erscheinen.

Darin schreibt sie etwa über die Einsamkeit, die sie in Kettenhotels befällt, wenn sie nach Niederlagen ins leere Zimmer kommt. Über die Fluchtstrategien, die sie dagegen entwickelt hat. Das sei gar nicht so einfach, denn: «Drogen fallen weg wegen der strengen Dopingregularien. Alkohol, weil es die Erholung des Körpers verlangsamt.» Sex falle streng genommen nicht weg, «aber entweder bin ich zu unfähig oder zu widerwillig, denn ich finde es gar nicht so einfach, an Sex ranzukommen».

Übrig geblieben sind auf ihrer Liste drei Dinge: Literatur, Musik und die Filmwelt. Dabei sei Lesen oft zu anstrengend, und «Musik fiel relativ schnell weg, weil sie meinen Gedanken zu viel Platz lässt für Selbstzweifel und Selbsthass». Diese tauchten unweigerlich auf, weil sie sich letztlich für jede Niederlage alleine verantwortlich fühle. Übrig blieben Filme, ihre Leidenschaft.

Der Druck der sozialen Medien

Petkovic schreibt auch über ihre Komplexe, die erst mit zunehmendem Erfolg und dem Aufkommen der unbarmherzigen sozialen Medien aufgetaucht seien. Die hätten dafür gesorgt, dass viele Sportler eine Schutzwand um sich herum aufbauen. «War ich eigentlich hübsch genug? Dünn genug? Gross genug?», fragte sie sich plötzlich. Die 1,80 m grosse Athletin vermeidet es selber, Actionfotos von sich zu posten, «wenn alle Muskeln bis zum Zerreissen gespannt sind, das Gesicht hässlich verzerrt vor Anstrengung».

Das Bild, das sie von ihrem Berufsalltag zeichnet, lässt die Frage offen, warum sie sich dieses Leben überhaupt noch antut. Während elf Monaten unterwegs von Land zu Land, habe sie schon im Mai jeweils vergessen, wie die Mutter aussehe.

Turniere stellt sie nicht als attraktive Herausforderungen dar, sondern als tückische Aufgaben: «Stellen Sie sich vor, Sie sollen einen Test schreiben, der darüber entscheidet, ob Sie Ihre nächsten Rechnungen bezahlen können. Sie sind super vorbereitet, haben wochenlang gelernt, Nachhilfe genommen und Akupunktur und Hypnose versucht. Dann kommen Sie in den Prüfungssaal, und die Sonne scheint Ihnen direkt ins Auge, der Wind bläst Ihnen ständig den Zettel mit den Testfragen unter den Händen weg, und Ihr nervigster Mitschüler schlägt Ihnen jedes Mal auf die Finger, wenn Sie dabei sind, eine Antwort niederzuschreiben.»

In Roland Garros sieht ihre Welt dieser Tage allerdings schöner aus. In der ersten Runde schlug sie mit der Französin Kristina Mladenovic eine Gesetzte, genau wie schon am Australian Open, wo sie Petra Kvitova eliminiert hatte. «Das Schreiben hilft mir sehr», erklärt sie danach im kleinen Interviewraum, der gut gefüllt ist. «Denn es zwingt mich, meine Gedanken besser zu strukturieren, die Konfusion in meinem Kopf zu verkleinern.» Geschrieben habe sie zwar schon immer – aber so wirr, dass sie heute selber nicht mehr verstehe, was sie sagen wollte. Die «Horrorshow», die von ihrer Begleitband im Kopf abgezogen werde, sei durch das Schreiben nun erträglicher geworden.

Veganerin, Vegetarierin, Pescetarierin

Der Stil, mit dem sich Petkovic ausdrückt, lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Da stehen auch so schöne Sätze wie: «Seit ich ein besserer Mensch bin, spiele ich schlechter Tennis.» Ihren Körper bezeichnet sie als «Werkzeug, mit dem ich den Lebensunterhalt verdiene» und den sie deshalb einer «obsessiven Selbstoptimierung» aussetze. «Ich war bereits glutenfrei, laktosefrei, zuckerfrei, Veganerin, Vegetarierin, Pescetarierin und ganz viele unterschiedliche Kombinationen daraus.»

Ihr erster Artikel wurde vor einem Jahr im New Yorker Magazin «Racquet» publiziert. «Darauf fragten mich alle, ob ich etwas schreiben würde.» Für die «Süddeutsche» waren vorerst 10 Kolumnen abgemacht, eben wurde ihr Vertrag verlängert. «Aber wenn ich beginnen muss, Sachen aus dem Himmel zu fischen, sollte ich aufhören», sagt sie.

Ihre Ansprüche sind hoch und orientieren sich am Stoff, den sie selber am liebsten liest. Sie mag, wenn Leute Schwächen und Verletzlichkeiten beschreiben und aufzeigen, wie sie sich weiterentwickeln konnten. «Das versuche ich auch mit meinen Kolumnen zu erreichen, so gut es geht.» Dabei ist sie sich bewusst, dass es für Spitzensportler nachteilig sein kann, Schwächen zu offenbaren. «Aber wenn ich meine Verletzlichkeiten nicht zeige, bringt das Ganze ja gar nichts.»

«Wie eine kritische Immobilie»

Und so lässt die 6-fache Turniersiegerin und Weltnummer 107, die eine Weile von Heinz Günthardt betreut wurde, kaum ein Thema aus. Sie schreibt über ihr schlechtes Gewissen, wegen der vielen Reisen mitverantwortlich für den Klimawandel zu sein. Über den Egoismus, den ein Einzelsport wie Tennis erfordert und der für das Umfeld belastend werden kann.

Über den Jetlag, einen treuen Begleiter in ihrem Globetrotter-Leben, und über ihre Sympathie für den Film «Lost in Translation», den sie bis zehnmal jährlich anschaue und der sie in eine Traumwelt versetze: «Ich stelle mir vor, mein Leben wäre ein Film und Einsamkeit ein Teil meiner mysteriösen Ausstrahlung.» Und sie schreibt, wie es ist, seit sechs Jahren single zu sein: «Langsam fühle ich mich wie eine kritische Immobilie, die zu lange auf dem Markt ist und bei der sich jeder irgendwann fragt, wo eigentlich der Haken ist.»

Im Schreiben findet Petkovic Halt, und sieht darin auch eine Perspektive für ihr späteres Leben. Ihre Manuskripte poliere sie intensiv und schreibe sie bis zu 15-mal um, gibt sie zu. Dabei hat sie einen grossen Vorteil gegenüber ihrem jetzigen Beruf, in dem es schwierig ist, wieder herauszufinden, «wenn man einmal in den Wirbelsturm der Emotionen hineinkommt», wie sie sagt: Schlechte Passagen können gelöscht werden, jeder Fehler lässt sich rückgängig machen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2018, 11:16 Uhr

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