Ein Embryo siegt, ein Onkel geht

Das spektakuläre Tennisjahr 2017 in 17 Episoden – Roger Federer lässt seine Fans träumen, Bernard Tomic langweilt sich, und Sloane Stephens hat 3,7 Millionen Gründe, hungrig zu sein.

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Eine halbe Stunde reicht für zwei Kaffeepausen. Oder man kann in ­dieser Zeit die Tenniswelt auf den Kopf stellen. Wie Roger Federer im Australian-Open-Final gegen Rafael Nadal, als er im 5. Satz ein 1:3 in ein 6:3 verwandelte. Damit schöpfte er Vertrauen für sein Traumjahr und kehrte die Dynamik im Duell mit seinem Erzrivalen um. Als der in Wimbledon gefragt wurde, ob auch er auf einen Traumfinal gegen ­Federer hoffe, sagte er offen: «Wenn ich in den Final komme, hätte ich ­gerne einen anderen Gegner.»

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Jelena Ostapenko mag nicht den Glamourfaktor Maria Scharapowas mitbringen, aber in vielem erinnert die Paris-Siegerin an die Russin. Was die kompromisslose Spielweise betrifft, aber auch punkto Beliebtheit bei den Konkurrentinnen. Keine einzige gratulierte der 20-Jährigen nach ihrer Major-Premiere auf Twitter. Sie gilt als schroff. In ihrer Heimat ist sie aber populär, wurde sie von der lettischen Post auf einer Briefmarke verewigt.

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Amazon Prime sicherte sich im Herbst 2016 die Rechte, die damalige Nummer 1 Novak Djokovic während der Saison 2017 mit einem Filmteam zu begleiten. Die zwölfteilige Doku soll im nächsten Jahr ausgestrahlt werden. Es ist keine Erfolgsstory, aber vielleicht gerade deshalb interessant.

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Pressekonferenzen sind für manche Tenniscracks eine lästige Pflicht. Aber die meisten geben sich Mühe, sie mit Anstand zu erledigen. Nicht so Venus Williams am WTA-Finale in Singapur nach ihrem Sieg über Jelena Ostapenko. Hier das Transkript:

Frage: Was gibt Ihnen mehr Befriedigung: sich so zurückzukämpfen oder ­locker zu gewinnen?
Antwort: Ein Sieg ist ein Sieg. Das ist ­alles, was ich dazu sagen kann.
Frage: Wie schafften Sie es diesmal noch? Was machte den Unterschied?
Antwort: Ich bin mir nicht sicher. Ich hatte vielleicht ein wenig Glück. Wer weiss. Nun wartet der nächste Match.
Frage: Was dachten Sie vor dem letzten Matchball?
Antwort: Dass ich den Punkt gewinnen will.

Noch Fragen?

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Bernard Tomic trug die Aussage, er habe sich in Wimbledon auf dem Court gelangweilt, viel Kritik ein. Die australische Polizei nahm sie als Steilpass auf, um für sich zu werben. Mit den Worten: «Gelangweilt in Ihrem Job? Bei uns wird es Ihnen nie langweilig.»

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Ist Grigor Dimitrov der nächste ­David Nalbandian oder Nikolai Dawidenko? Die beiden gewannen 2005 und 09 überraschend das ATP-Finale, ohne den Triumph mit einem Major-Titel zu bestätigen. Jedenfalls weiss man beim Bulgaren nie, was als Nächstes folgt. 2017 begann er brillant am Australian Open (epischer Halbfinal gegen Nadal) und schloss er in Höchstform ab. Dazwischen nahm er eine schöpferische Pause. Mit kühnen Prognosen für 2018 sollte man sich also zurückhalten.

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Das können nicht viele von sich ­behaupten: Die Tochter von Serena Williams ist als Grand-Slam-Champion geboren – sie war beim Titel in Melbourne als Embryo in ihrem Bauch. Kaum auf der Welt, musste sie auch schon Federer-Matches am Fernsehen schauen, wie ihre Mutter via soziale Medien mit Fotos dokumentierte. Dass sie mit ihr Grosses vorhat, zeigt auch ihr zweiter Vorname: Alexis Olympia.

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Am ATP-Finale in London sass Toni Nadal letztmals in der Box seines Neffen Rafael, künftig ist er die treibende Kraft bei dessen Akademie in Manacor. In der Zeitung «El País» widmete er ihm einen offenen Brief, in dem er sich für all die schönen ­Momente bedankte. Er habe Rafael das Leben aber immer schwer gemacht, um dessen Charakter zu formen, sich dabei an den Worten des spanischen Barock-Schriftstellers Francisco de Quevedo orientiert: «Wer erwartet, dass alles im Leben nach ­seinen Wünschen läuft, wird oft enttäuscht werden.»

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Für die fairste Geste sorgte Juan Martin Del Potro in Paris. Als sein ­Gegner Nicolas Almagro wegen einer Knieverletzung aufgeben musste und ­hemmungslos weinte, versuchte er ihn ­minutenlang zu trösten. Später verriet er, was er Almagro gesagt hatte: ­«Tennis ist wichtig, aber nicht alles. Denk an deine Familie, an dein Baby.»

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102016 war das Jahr der Angelique Kerber, mit den Titeln in Melbourne und New York, dem Wimbledon-Final und der Nummer 1. 2017 fiel sie aus den Top 20. Verrückt, was (fehlendes) Selbstvertrauen alles auslösen kann.

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Das Erstaunlichste bei Alexander Zverev ist nicht, dass er das Jahr als Nummer 4 abschloss. Sondern, dass der 20-jährige Wunderknabe so weit nach vorne kam, ohne an den Grand Slams zu reüssieren. Sein bestes Resultat war der Achtelfinal in Wimbledon. Nur sieben Prozent seiner Punkte sammelte er an Majors, bei Rafael Nadal war es mehr als die Hälfte.

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Wo ist Eugenie Bouchard geblieben? Zuletzt wurde sie in einem Baywatch-Badeanzug auf Instagram gesichtet. Mit 20 spielte die Kanadierin in Wimbledon den ersten Grand-Slam-­Final und verlor, mit 23 ist sie in sportlicher Bedeutungslosigkeit versunken.

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Schön, konnte Martina Hingis ihre dritte (und wohl letzte) Karriere nach ihren eigenen Bedingungen abschliessen. Nicht wie 2007, als sie nach ihrem Comeback wegen einer positiven ­Dopingprobe (Kokain) abtreten musste. Mit Sania Mirza, Leander Paes, ­Jamie Murray und Latisha Chan gewann sie in Doppel und Mixed ihre Grand-Slam-Titel 17 bis 25. Und mit ihrem Spielwitz entzückte sie immer noch überall die Zuschauer. Mit 37 möchte sie nun eine Familie gründen.

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Nebst Hingis traten 2017 auch ­Daniela Hantuchova (34), Nadja Petrowa (35) und Kimiko Date (47) zurück, bei den Männern Julien Benneteau (35), Marco Chiudinelli (36), Radek Stepanek (38) und Tommy Haas (39). Der kroatische Hüne Ivo Karlovic, mit bald 39 der älteste Spieler in den Top 100, denkt noch lange nicht daran.

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Was ist übrig geblieben von den Plänen des internationalen Verbands, den Davis-Cup zu revolutionieren? Nicht viel. Vorerst nur, dass die Finalisten im Folgejahr in der ersten Runde Heimrecht geniessen. Der Traditionssport bewegt sich nur langsam.

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Es gibt einen Silberstreifen am Horizont, dass nach Federer und Wawrina bei den Männern doch noch weitere Schweizer folgen: Die U-14 mit ­Jérôme Kym, Yarin Aebi und Till Brunner wurde im August Team-Weltmeister. Treibende Kraft war Kym, der alle sechs Einzel gewann. Der Aargauer, der einen Kopf grösser ist als seine ­Altersgenossen, figuriert als Jüngster bereits im A-Kader von Swiss Tennis.

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Der Spruch des Jahres? Der kam von Sloane Stephens. Als die Überraschungssiegerin des US Open gefragt wurde, ob sie den Hunger habe, weitere Grand Slams zu gewinnen, verdrehte sie die Augen und sagte: «Natürlich. Haben Sie den Siegercheck gesehen, der mir die Lady gegeben hat? Wenn dir das keinen Mumm gibt, Tennis zu spielen, was dann?» 3,7 Millionen Dollar trug ihr der Coup im Big Apple ein. Die restlichen sechs Spiele der Saison verlor sie dann aber alle.

Erstellt: 21.11.2017, 18:40 Uhr

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