Ein Fall, der trügt

Nach der Startniederlage am French Open verliert Stan Wawrinka über 200 Ränge. Trotzdem überwiegen beim Rückkehrer die positiven Aspekte.

Auf frühestmöglichem Heimweg ist Stan Wawrinka nach der Fünfsatzniederlage zum Paris-Auftakt gegen Guillermo Garcia-Lopez. Foto: Claude Diderich (Freshfocus)

Auf frühestmöglichem Heimweg ist Stan Wawrinka nach der Fünfsatzniederlage zum Paris-Auftakt gegen Guillermo Garcia-Lopez. Foto: Claude Diderich (Freshfocus)

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Die Weltrangliste lüge nicht, sagte Stan Wawrinka, nachdem er am French Open erstmals seit 2014 sogleich ausgeschieden war – gegen den gleichen Gegner wie damals, den Spanier Guillermo Garcia Lopez. Doch damit lag er nicht richtig. Denn im nächsten Ranking fällt sein Name von Rang 30 auf etwa 250, und damit ist er so klar unterklassiert, wie er während seiner Verletzungsphase überklassiert gewesen war.

Die folgenreiche Niederlage hat ihre Logik, obwohl Wawrinka nahe an den Sieg kam. Beim 2:6, 6:3, 6:4, 6:7, 3:6 lag er im 4. Satz gegen die Nummer 67 bereits mit einem Break voraus und hatte später zwei Chancen zum 5:4. Doch im Spanier traf er auf einen der formstärksten und mit 34 Jahren auch erfahrensten Sandspezialisten; auf einen, der ihn schon schlagen konnte, als er in Topform war.

Wer erwartet hätte, dass der 33-jährige Lausanner in Roland Garros schon wieder weit vorstösst, verkennt die Schwere seiner Verletzung, wie weit sie ihn zurückgeworfen hatte und wie hoch das Niveau auf der Profitour ist. Im Gegensatz zu Roger Federer, der in seiner halbjährigen Pause 2016 fast voll trainieren konnte, ging Wawrinka acht Wochen an Krücken. Er verlor seine ganze körperliche Basis.

Der Paris-Sieger von 2015 und letztjährige Finalist hatte darum auch wenig Mühe, die Niederlage zu akzeptieren. Es gebe trotz der Enttäuschung zu viel Positives, um sich gehen zu lassen, sagt er. Und auch, dass er viel näher an jenem Ort sei, an dem er sein wolle, als noch vor kurzer Zeit.

Müder Körper, träger Geist

Dennoch liess er bereits im vierten Satz nach. In seinem ersten fünften Durchgang seit dem Halbfinal gegen Andy Murray vor zwölf Monaten war er dann klar unterlegen. Das bedeutet nicht, dass er schlecht trainiert hätte. Denn solche Marathonpartien – diese dauerte dreieinhalb Stunden – lassen sich im Training nicht simulieren und fordern die Spieler auch mental. Im Gegensatz zu Phasen, in denen er voll im Turnierrhythmus sei, fehle ihm zurzeit die Fähigkeit, «auf Autopilot zu schalten», sagt Wawrinka. Jeder Ballwechsel benötigt mehr Energie, wenn diese Automatismen fehlen. Der Vaudois sprach denn auch von einer «mentalen Müdigkeit» und dem Wechselspiel zwischen Körper und Geist: Wer körperlich leide, habe es schwerer, psychisch hart zu bleiben.

Dabei bescherte er seinen Anhängern im ersten Satz bange Momente, als er beim Stand von 2:4 medizinische Hilfe beanspruchte – ausgerechnet für sein linkes Knie. Das Intermezzo blieb ohne Folgen. Es habe sich um eine Blockade gehandelt, die gar nichts mit der Operation zu tun habe und rasch verschwunden sei, sagte Wawrinka.

Diese drei Turniere haben ihm zwar nur einen Sieg gebracht, aber dennoch die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein.

Der dreifache Grand-Slam-Sieger schätzt seine Lage realistisch ein und verfällt wegen des Rückfalls nicht in Panik. Er ist schlicht zu stark, um nicht schnell wieder hochzukommen, wie es schon vielen vor ihm gelungen ist nach Verletzungspausen, etwa dem Argentinier Del Potro. Und aus der Sandsaison nimmt Wawrinka viel mehr mit als die Enttäuschung über drei Niederlagen in Folge, gegen Johnson (Rom), Fucsovics (Genf) und nun Garcia Lopez. Diese drei Turniere haben ihm zwar nur einen Sieg gebracht, aber dennoch die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein. Er muss auf diesem nun einfach beharrlich bleiben. Zuversichtlich stimmen darf auch, dass der Schwede Magnus Norman die Absicht und Motivation erkennen lässt, die Zusammenarbeit mit ihm zu verlängern. Die Details sind aber noch nicht geklärt.

Wawrinkas Situation ist denn auch nicht vergleichbar mit jener Anfang Jahr, als er in Australien und an drei Hallenturnieren ein Comeback gab, ohne richtig bereit zu sein. Diese erzwungene Rückkehr war wohl ein Fehler. Möglicherweise sei er etwas zu positiv gewesen, gibt er inzwischen zu.

Eine Unterlassung mit Folgen?

Ein anderer Fehler war in jenen schwierigen Wintertagen wohl auch, dass sich niemand darum bemühte, für ihn ein geschütztes Ranking zu beantragen. Dieses hätte ihm erlaubt, in den ersten neun Monaten nach seiner Rückkehr gewisse Turniere zu bestreiten, für die er gemäss Rangliste nicht qualifiziert wäre. Zum Beispiel das US Open, für das er nun voraussichtlich eine Wildcard benötigt. Vorerst ist er für Queen’s, Wimbledon sowie die Sandturniere in Bastad und Gstaad gemeldet, er dürfte nun erwägen, noch ein Rasenturnier anzufügen.

Das Wichtigste für Wawrinka ist, dass er gesund bleibt. Dann schafft er es auch ohne fremde Hilfe zurück in die Top 10, wo er hingehört.

Erstellt: 28.05.2018, 21:53 Uhr

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