«Ein Racket muss man von Herzen zertrümmern»

Stan Wawrinka gibt Tipps. Nachdem er einen virtuell zerstört hat. Unser Redaktor wagte den Selbstversuch.

Sehen Sie selbst, wie Martin Sturzenegger gegen den virtuellen Stan Wawrinka untergeht. Video: Lea Blum


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Der grosse Auftritt: ich gegen Stan. Die Bühne: der Zürcher Hauptbahnhof. Lange hatte ich mich auf das Ereignis vorbereitet, mir gewisse Chancen ausgerechnet. Und dann: Fünf Minuten reichten, um meine Niederlage zu besiegeln. Stan 2. Ich 0. Wie konnte es bloss so weit gekommen?

Zum Duell Sturzenegger - Wawrinka am Samstag kam es so: Mein Vorgesetzter nahm mich vor ein paar Wochen zur Seite: «Lust auf ein Tennisspiel gegen Stan the Man?» Ich war skeptisch, misstrauisch. Da will mich wohl jemand auf den Arm nehmen. Ich, ein Interclubspieler auf Regionalniveau, soll mich mit dem Grand-Slam-Sieger Stanislas Wawrinka messen? Bloss virtuell, schob der Kollege nach. Dies machte die Sache glaubwürdiger. Ein Sponsoringevent, an dem zwanzig ausgeloste Spieler in einem Computerspiel gegen den Profi antreten können. Der Sieger gewinnt einen Flug zu den US-Open in New York Ende August. Ich nehme als Testspieler teil – und bin irgendwie optimistisch: Auf dem Bildschirm würde mich der Profi sicher nicht ganz so erbärmlich aussehen lassen, wie er es auf Sand täte.

Eine Fehlannahme, wie sich zeigen sollte. Die ausgefeilte Computertechnik der Nintendo-Konsole überfordert mich. Keine Dynamik im Spiel, sondern bloss verkrampfte Hektik. Mehrfach reisse ich mir versehentlich die 3-D-Brille vom Kopf. Aus den Gesichtern der Organisatoren lese ich: «Hoffentlich demoliert dieser übermotivierte Hobbyspieler nicht die Installation.» Es kommt, wie es kommen musste. Stan 2. Ich 0.

Zur Überraschung der Spieler und Zuschauer betritt plötzlich der reale Wawrinka die HB-Halle. Gelegenheit für ein kurzes Gespräch mit dem Idol.

Wawrinka überrascht einen Teilnehmer des virtuellen Tennisspiels, das am Samstag im Zürcher HB stattfand und vom Getränkehersteller Evian organisiert wurde. Foto: Doris Fanconi

Stan Wawrinka, ich war chancenlos gegen Sie. Wie würden Sie an ­meiner Stelle die Niederlage ­verarbeiten?
Ich versuche jeweils an etwas zu denken, das nichts mit Tennis zu tun hat. Das geht nicht immer: vor allem, wenn ich nach dem Spiel Pressetermine wahrnehmen muss – das kann nerven.

Was für den Profi lästig ist, sehe ich als Chance. Ich nutze das Gespräch, um mir Tipps für mein eigenes Spiel zu holen. Meine Tennislaufbahn steckt in der Sackgasse. Seit Jahren dümple ich mit meiner Interclubmannschaft in der zweiten Liga rum. Mit 35 Jahren habe ich das Gefühl, mich technisch nicht mehr weiterzuentwickeln. Die Hoffnung lautet: mentale Kriegsführung. Meine Gegner möchte ich künftig mit psychologischen Tricks statt ausgefeilter Technik vom Platz fegen. Das Buch, das ich gerade lese, heisst «Winning Ugly».

Ich habe beschlossen, mich auf mentale Tricks zu konzentrieren. Was halten Sie von dieser Idee?
Da befinden Sie sich auf dem Holzweg. Wenn Sie nur noch auf mentale Kriegsführung setzen, zeigt mir das, dass Sie ihr Tennis gar nicht verbessern wollen. Man kann immer besser werden – unabhängig von seinem Alter. Es braucht einfach Übung, Wille und Disziplin.

Aber Sie kennen doch bestimmt ein paar ­psychologische Tricks?
Mentale Stärke heisst, sein bestes Tennis abzurufen. Gerade dann, wenn die Nervosität am grössten ist. Wer sich zu fest auf den Gegner konzentriert, vergisst die eigenen Stärken. Der andere Spieler lässt sich nur durch dein Spiel beeindrucken. Schmutzige Tricks, wie etwa Dirty Talk im Fussball, werden im Tennis kaum angewendet. Ich führe den mentalen Krieg nur mit mir selbst.

Im Anschluss an das Spiel verrät Wawrinka dem Autor Spieltipps. Foto: Doris Fanconi.

Was glauben Sie: Ist es besser ­Emotionen zu zeigen oder sie zu kontrollieren?
Gefühle können sich motivierend oder destruktiv auswirken. Es ist auch abhängig von der Persönlichkeit. Das Wichtigste ist, die Emotionen positiv zu kanalisieren, den Gegner die Selbstzweifel nicht spüren zu lassen.

Sie zertrümmern auch mal ein Racket. Fühlt sich das befreiend an?
Manchmal spiele ich danach besser, ja. Es ist eine Art Psychohygiene für mich. Ich lasse die negativen Emotionen raus und kann den Match unbelastet fortsetzen. So was lässt sich nicht planen. Ein Racket muss spontan und von Herzen zertrümmert werden.

Roger Federer ist 36, Sie 32. Ältere Spieler sind zurzeit sehr erfolgreich. Das macht mir Mut.
Heute lässt es sich generell im Sport länger erfolgreich sein. Dazu tragen das bessere Training und die bessere Ernährung bei. Die Gesellschaft wird allgemein immer älter, was uns zugute- kommt. Es ist die Evolution, die für uns ältere Spieler spricht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2017, 21:41 Uhr

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