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Ein Rücktritt mit Wehmut

Marco Chiudinelli beschliesst an den Swiss Indoors seine Karriere. Dem Basler gelang im Schatten seines Freundes Roger Federer eine schöne Karriere, auch wenn einiges schieflief.

Marco Chiudinelli hat eine lange Karriere hinter sich, die an eine Achterbahn erinnert.Foto: Christian Aeberhard (13 Photo)

Als er klein war und von der Gross­mutter einen beleuchteten Globus erhielt, war Marco Chiudinellis Faszination erwacht. Stundenlang studierte er die Kontinente und Länder, wollte alles wissen, alle kennen, die Hauptstädte, die Flaggen. Inzwischen, mit 36 Jahren, hat er 58 Länder selber bereist, die meisten mehrmals. Weitere dürften aber so schnell nicht dazukommen. Schweren Herzens hat sich der Davis-Cup-Spieler dazu durchgerungen, seine Karriere abzubrechen. Die Swiss Indoors nächste Woche werden sein letztes Turnier sein.

«Es war ein Prozess, der zu diesem Entscheid führte», erzählt Chiudinelli an einem strahlend schönen Herbsttag auf einer Restaurantterrasse in Basel. In Doha, zum Jahresauftakt, blockierte sein Rücken. Dann kam eine Knieverletzung, er pausierte zwei Monate, verpasste seine Lieblingsturniere in Dubai, Indian Wells und Miami. Im Sommer, als der Rücktritt langsam zum Thema wurde, spielte er dann, obwohl er angeschlagen war, etwa in Newport und Gstaad. Das sei deprimierend gewesen.

«Ich höre nicht auf, weil ich genug habe. Sondern weil ich genug habe von einem Jahr wie diesem, wo du jeden Morgen schauen musst, ob ein Training überhaupt möglich ist», sagt der Basler. Noch einmal schöpfte er Hoffnung, als er im Davis-Cup gegen Weissrussland in Biel die Schweiz mit zwei Siegen in der Weltgruppe halten konnte. In China und Taiwan lief darauf wieder alles schief. Erst wurde er krank, dann erlitt er eine Zerrung im Gesäss.

Roger Federer und Severin Lüthi, der Davis-Cup-Captain, ­waren die Ersten, denen er den Entschluss zum Rücktritt verriet, bei einem Zwischenstopp in Shanghai. Dass er seine Karriere dank einer Wildcard in Basel beenden kann, betrachtet er als Glücksfall. «Das bietet mir die Möglichkeit für einen wunderschönen Abschluss.» Sein Gegner wird heute im Basler Rathaus ermittelt.

Der Höhepunkt gegen Federer

Die Swiss Indoors sind für «MC», wie er oft genannt wird, wie ein Museum voller Erinnerungen. Hier war er einst Balljunge, mit Federer. Dass sich die Jugendfreunde im Jahr 2009 dann im Halbfinal duellieren konnten, gehört zu den schönsten Geschichten, die das Schweizer Tennis schrieb. «Das war bestimmt mein speziellstes Turnier», sagt Chiudinelli, der in Basel aufwuchs und zur Schule ging, ins mathematisch-natur­wissenschaftliche Gymnasium, zwischen Bahnhof und Aeschenplatz. Später lebte er kurz in Münchenstein, bevor er ins Leistungszentrum nach Biel ging.

Dank jenem Halbfinal gegen Federer, den er 6:7 (7:9), 3:6 verlor, kletterte er in der Weltrangliste 2010 bis auf Rang 52, seine Bestmarke. Doch Chiudinellis Karriere erinnerte schon vorher an eine Achterbahn, und so ging sie weiter, hinauf und hinunter. Für Zäsuren sorgten immer wieder Verletzungen. 2005 war es die rechte Schulter, die operiert werden musste und was ihn aus den Top 150 bis auf Rang 796 abstürzen liess. Zwei Jahre später, als er sich eben wieder zurück­gekämpft hatte, folgte eine Operation am linken Knie, nach der er sogar ganz aus der Weltrangliste fiel. «Die erste Operation war ein Segen. Sie machte mich zu einem besseren Spieler, weil ich das Tennis danach aus einem anderen Blickwinkel sah», sagt er. «Aber die zweite hätte ich nicht gebraucht, die kostete mich insgesamt 18 Monate.»

Für 2009 wurde Chiudinelli von der ATP als Comebackspieler des Jahres ausgezeichnet. Doch im Jahr danach folgte die nächste grosse Ernüchterung: In Tokio führte er gegen Radek Stepanek klar und hätte mit einem Sieg die Halbfinals erreicht, als sein Rücken blockierte. «Statt als Nummer 80 und fit begann ich die nächste Saison verletzt und als Nummer 120.» Die dritte Operation, diesmal am Ellbogen, folgte 2014. Der nächste Absturz in der Weltrangliste, das nächste Comeback. Ende 2016 war er wieder die Nummer 120, doch seither ist er auf Rang 353 abgerutscht.

«In der Zukunft bin ich vielleicht einmal froh, dass in diesem Jahr so vieles schlecht lief», sagt der frühere Fussballer, der beim FC Basel Libero spielte, bis er 13 war. So falle es ihm etwas leichter, einen Strich zu ziehen. «Man muss sich zwingen, einen Schnitt zu machen. Sonst bereust du es. Ich sehe viele Coachs, die sind 50, 55 und müssen weitermachen, bis sie nicht mehr laufen können. Irgendwann findest du den Ausstieg nicht mehr, hast kein Leben zu Hause, machst einfach weiter.»

Und, was nun? Der Gewinner von sieben Future- und drei Challengerturnieren weiss es selber nicht. «Ich ging ­immer gerne zur Schule, habe aber leider die Matura nicht abgeschlossen. Vielleicht hole ich sie nach.» Er könnte sich aber auch vorstellen, etwas ganz anderes zu versuchen, weg vom Sport, vielleicht ein Praktikum in einer Firma. In den 18 Jahren auf der Tour habe er sich viele Kompetenzen angeeignet, etwa in der Kommunikation, in der ­Organisation oder im Motivations-­Management, sagt er. «Im Gegensatz zu Stars wie Roger machte ich alles alleine. Ich kümmerte mich um die ­Finanzen, die Coachs, die Hotels, die Flüge, das Buchen vom Plätzen . . .» Gelegentlich schreibt er auch Zeitungskolumnen.

Chiudinelli hat keinen fixen Plan. Solange er gespielt habe, habe er sich voll auf das Tennis konzentrieren wollen, sagt er. Klar ist für ihn, dass er sesshaft werden will, eine Wohnung beziehen will, zusammen mit seiner Freundin, die aus der Slowakei stammt, wo er zuletzt oft trainierte. Irgendwann will er auch eine Familie, Kinder, doch dafür bleibt Zeit. Vorerst sucht er «eine neue Herausforderung, die mich packt».

Er hatte sich selber unterschätzt

Chiudinelli ist keiner, der den Standardsatz verwendet, er bereue nichts. Er weiss, dass für ihn mehr möglich gewesen wäre, dass einiges nicht optimal lief. «Es gibt Dinge, die ich bedaure», gibt er zu. «Zum Beispiel, dass ich die ersten Jahre nicht geschnallt habe, dass ich das Ganze professioneller angehen muss.» Er war schon 23, als ihm Jan de Witt, sein Coach, die Augen öffnete, an ihn glaubte und ihm aufzeigte, was er zu tun hatte und was alles möglich war. Fehler passierten jedoch auch später. Gelegentlich war er schlecht beraten, habe zu viel gespielt und zu wenig pausiert, bekennt er. Mit bösen Folgen.

Aber hätte er nicht in Federer das ideale Vorbild gehabt, was Planung und Hingabe betrifft? Er verneint: «Das war kein realistischer Vergleich. Roger wäre auch ein guter Spieler geworden, wenn er nicht so hart gearbeitet hätte.» Seine Nähe zum Weltstar war übrigens nicht immer ein Segen. Chiudinelli wurde so oft zu Federer befragt, dass er einst beschloss, keine solchen Interviews mehr zu geben. Das sei ihm dann wiederum als Arroganz ausgelegt worden.

Das Tennis hat ihn viel gelehrt. Etwa, zu verlieren. «Das konnte ich als Kind nie. Ich weinte stets, selbst beim Kartenspielen.» Im Tennis müsse man lernen, Niederlagen zu akzeptieren. «Früher oder später verlierst du ja meistens.» Darauf wird er gut verzichten können.

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