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Ist das der neue «Friedhof der Champions»?

Die 600 Millionen Dollar teure Renovation der Turnieranlage ist abgeschlossen. Eine Arena, gemacht für Tennis-Dramen.

Einst das Hauptstadion am US Open, dann verkleinert, abgerissen und nun neu mit Dach: Das Louis-Armstrong-Stadion gefällt. Foto: Julian Finney (Getty Images)
Einst das Hauptstadion am US Open, dann verkleinert, abgerissen und nun neu mit Dach: Das Louis-Armstrong-Stadion gefällt. Foto: Julian Finney (Getty Images)

Es ist bald zwei Uhr morgens, doch die verbliebenen Tennisfans, es sind vielleicht noch 3000, sind hellwach. «Alex, Alex»-Sprechchöre hallen durch die Arena. Sie gelten dem flinken Alex de Minaur, der sich mit dem Mute der Verzweiflung gegen das Ausscheiden stemmt. Der 19-jährige Australier, den man als «Speedy Gonzalez mit Schläger» bezeichnen könnte, liegt im fünften Satz 2:5 zurück. In der Folge wehrt er sieben Matchbälle ab und holt auf 5:5 auf.

Die Zuschauer sitzen alle im unteren Ring, obwohl dieser im neuen Louis-Armstrong-Stadion eigentlich jenen vorbehalten ist, die ein spezielles Ticket gekauft haben. Doch wen interessiert das um diese Zeit? Um 2.22 Uhr reisst dann doch Marin Cilic die Arme in die Höhe. Im Interview dankt der Kroate den Leuten fürs Ausharren und die fantastische Stimmung – obwohl die meisten seinen Gegner unterstützt haben.

In diesem Match siegte der Favorit, doch die brandneue Arena forderte schon einige prominente Opfer: Simona Halep (WTA 1), Caroline Wozniacki (2), Angelique Kerber (4), Petra Kvitova (5), Alexander Zverev (ATP 4), Kevin Anderson (5), um nur die Bestklassierten aufzuzählen.

Ein neuer «Friedhof»?

«In Wimbledon gab es einst den ‹Friedhof der Champions›», sagte Wozniacki nach dem Ausscheiden. «Vielleicht haben wir bald einen neuen Friedhof, aber jetzt ist es noch etwas früh, den Court so zu bezeichnen.» Offiziell ist das Stadion nach dem berühmten Jazzmusiker benannt, der einst unweit der heutigen Anlage im Stadtteil Queens lebte.

Mit der Wiedereröffnung des mit 14’069 Sitzplätzen ausgestatteten Armstrong-Stadions ist das 5-Jahres-Renovationsprojekt abgeschlossen. Nachdem das Turnier von 2008 bis 2012 aufgrund des Wetters nie am geplanten Schlusstag hatte beendet werden können, war der amerikanische Tennisverband (USTA) zum Handeln gezwungen. Die vielen Spielverschiebungen sowie die veraltete Infrastruktur hatten bei Spielern und Fernsehstationen zunehmend für Unzufriedenheit gesorgt. Insgesamt 600 Millionen Dollar liess sich die USTA die Investitionen ins Billie Jean King Tennis Center kosten.

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Video: Übereifriger Schiedsrichter sorgt für Aufregung

Der Unparteiische motivierte in der zweiten Runde Nick Kyrgios. Video: Tamedia

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Ab 2014 konnten die Besucher den Stars sitzend beim Training zuschauen. 2016 wurde das Arthur-Ashe-Stadion, mit einem Fassungsvermögen von 23’771 Personen das grösste Tennisstadion der Welt, mit einem 800 Tonnen schweren mobilen Dach ausgestattet, und der neue Grandstand (8125) wurde gebaut. Jetzt umfasst die Anlage 17 Wettkampfcourts und 5 der total 17 Trainingsplätze.

Das Armstrong-Stadion ist ein Schmuckstück. Das Dach lässt sich in viereinhalb Minuten schliessen, doch selbst wenn die Arena in eine Halle verwandelt ist, strömt noch genügend Frischluft ins Innere. Und weil sie keine Sponsorenboxen hat, sitzen die Fans nahe am Geschehen. Die im benachbarten La-Guardia-Flughafen startenden und landenden Jets sind gut hörbar, daher sind die Atmosphäre und der Charme aus dem 2016 abgerissenen Vorgängerstadion, das bis 1997 der Centre Court des Turniers war, erhalten geblieben.

«Es ist wirklich lärmig, aber das ist keine grosse Sache, weil es auf der ganzen Anlage laut ist», erzählt Dominic Thiem. Laut dem Österreicher ähnelt die Arena der «Zauberkiste» in Madrid. Es fühle sich fast an wie in der Halle, «du schaust nach oben und siehst nur ein kleines Loch. Es ist ein toller Ort, um Tennis zu spielen.»

«Wie in einem Kolosseum»

Auch Kevin Anderson, der gegen Denis Shapovalov dreieinhalb Sätze mit geschlossenem Dach absolvierte, schwärmt vom Neubau. «Es war unglaublich aufregend und eine der besten Stimmungen, die ich bisher erlebt habe», sagte der Südafrikaner. «Es war ein Gefühl, als spielten wir in einem Kolosseum.» Auch Anderson erwähnte den Lärm auf dem Platz. «Aber der Pegel ist konstant hoch und weniger störend als einzelne Geräusche in ruhiger Umgebung.»

Das Renovationsprojekt war für die USTA auch wirtschaftlich wichtig. Die Anlage vermag nun rund 10’000 Menschen mehr aufzunehmen. Das US Open ist berühmt-berüchtigt für dramatische Night Sessions in prickelnder ­Atmosphäre; nun werden diese sogar in zwei Stadien durchgeführt. Dadurch können jeden Abend ein paar Tausend Tickets mehr verkauft werden.

Schon dreimal wurde heuer ein Tageszuschauerrekord aufgestellt, er steht nun bei 71’902 Besuchern. Die 700’000er-Grenze wird 2018 übertroffen, ob auch der Zuschauerrekord von 2009 (721’059) fällt, hängt nicht zuletzt von den Leistungen der Stars Williams, Federer und Nadal ab. So oder so zeigen diese Zahlen, weshalb die USTA mit 53 Millionen Dollar das höchste Preisgeld im Tennis ausschütten kann. Der Veranstalter ist für die Zukunft gerüstet. Dass es jetzt, da zweischliessbare Courts zur Verfügung stehen, erst einmal etwas geregnet hat und die Wetterprognosen gut sind, ist dabei nur eine Laune des Schicksals.

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