Er berichtet von Depressionen und Magersucht im Profitennis

In seinem Blog «Behind the Racquet» wirft Tennisspieler Noah Rubin einen Blick hinter die Kulissen der Glamourwelt.

Tennisprofi und Jungunternehmer: Noah Rubin (23) im Park bei Flushing Meadows.

Tennisprofi und Jungunternehmer: Noah Rubin (23) im Park bei Flushing Meadows. Bild: Jürgen Hasenkopf

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Gerade vom Australian Open 2019 zurückgekehrt, war die innere Uhr von Noah Rubin noch durcheinander. Er fand keinen Schlaf, schaute um drei Uhr morgens zu Hause auf Long Island Netflix und surfte ein bisschen. Als er bei «Humans of New York» angelangt war, einem seiner Lieblingsblogs, der die ­Geschichten von Menschen erzählt, die auf der Strasse angesprochen werden, fragte er sich: Wieso haben wir das nicht? Wieso erzählt niemand, was in uns Tennis­cracks alles vorgeht? Geboren war sein Projekt «Behind the Racquet».

Innert 24 Stunden habe er den Namen gehabt, ein erstes Logo gezeichnet, den Instagram-Account dafür eröffnet und den ersten Eintrag geschrieben– über sich selber. «Ich hatte keine ­Ahnung, wie es sich entwickeln würde. Ob andere Tennisspieler mitmachen würden», sagt er beim Gespräch im Spielergarten vor dem Eingang zum Arthur Ashe ­Stadium. Den Mac hat er nebenan auf den Tisch gestellt, er ist gerade am Hochladen eines Interviews, das ESPN mit ihm in Wimbledon geführt hat.

«Ich wusste immer, dass ich etwas bewegen möchte im Tennis, den Sport auf eine gewisse Weise verändern. Aber ich wusste nicht wie.» Noah Rubin

Rubin ist 23, wirkt wie ein smarter Jungunternehmer mit seiner Gucci-Brille, die er fürs Foto abnimmt, spricht schnell und druckreif. Man hat das Gefühl, er sei es gewohnt, dass man ihm zuhört. Und er hat auch einiges zu erzählen.

2014 wurde er Junioren-Wimbledonsieger im Einzel, wie einst Roger Federer, die Tenniswelt schien ihm offenzustehen. Sportlich hat sich nicht alles wie gewünscht entwickelt. Aktuell ist er die Nummer 195 der Welt, am US Open scheiterte er im Einzel in der Qualifikation und im Doppel in der ersten Runde. Er sagt: «Ich wusste immer, dass ich ­etwas bewegen möchte im Tennis, den Sport auf eine gewisse Weise verändern. Aber ich wusste nicht wie.»

«Behind the Racquet»hat sich in den sieben Monaten prächtig entwickelt. Die Spieler erzählen darin von den Kämpfen, die sie auszutragen haben, was sie beschäftigt und schmerzt, wie sie damit umgegangen sind. Den Anfang machte Rubins Landsmann Ernesto Escobedo, der über sein Stottern sprach.

Ernesto Escobedo war der Erste

«Ich stotterte seit meiner Kindheit», ­erzählt der Kalifornier. «Ich habe alles getan, um es loszuwerden. Ich arbeite immer noch täglich daran. Wegen meines Stotterns rede ich nicht so viel. In der kompetitiven Tenniswelt macht sich schnell jemand über dich lustig. Deshalb gehe ich nur auf jene zu, mit denen ich mich wohl fühle.»

Ernesto Escobedo gewährte als Erster Einblick hinter dem Racket. (Bild: Instagram/behindtheracquet)

Er sei Escobedo für seine Offenheit unendlich dankbar, sagt Rubin. «Er war der Erste, der sich mir anvertraute. Und damit öffnete er die Türe für andere, die zögerten. Es war wie ein Domino-Effekt.»

Rubin geht wie ein Journalist vor, interviewt die Spieler, schreibt alles nieder und kürzt und redigiert die Texte. Wobei er inzwischen, weil er daneben ja noch Tennisprofi ist, einen Service beansprucht, um seine Interviews zu transkribieren. Und von jedem Gesprächspartner schiesst er ein Foto, wie er oder sie sich das Racket vors Gesicht hält. Dann publiziert er die Story mit Bild auf Instagram, wo er inzwischen über 22 000 Abonnenten hat.

«Ich liebe die sozialen Medien», wirft er lachend ein. Bald geht auch seine eigene Website online, wo er alles bündeln kann, was er macht: Portraits, Podcasts, seine eigene Merchandising-Linie für ­«Behind the Racquet», die er jüngst ­lanciert hat. Das T-Shirt trägt er gerade.

Ankämpfen gegen das Machogehabe

Mit seinem Blog hat der New Yorker einen Nerv getroffen. Viele Tennisspieler sind auf sich alleine gestellt und ­permanent unter Druck, Resultate zu liefern, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Und weil man gegen den, dem man in der Garderobe gegenübersitzt, am nächsten Tag schon spielen könnte, ist es verpönt, Schwäche zu zeigen. ­Rubin will dagegen ankämpfen. «Dieses Macho­gehabe ist sehr verbreitet. Aber zu denken, dass jemand, der erzählt hat, dass er geweint hat, dann bei 4:4 im dritten Satz einbricht, ist absurd.»

Er selbst gibt offen zu, dass auch er schon schwierige Momente durchmachte, mit Depressionen kämpfte. Als er letztes Jahr in der Qualifikation für ein Challenger-Turnier in Spanien in der ersten Runde verloren habe, sei er um 23 Uhr auf dem Stuhl am Court sitzen geblieben und habe geweint. «Es brannten nur noch ein paar Lichter, der Club machte bald zu. Ich sass da und dachte darüber nach, wie hart ich gearbeitet hatte. Und wie um alles in der Welt es möglich war, dass ich, nachdem ich das Jahr mit einem Titel begonnen hatte, so tief fallen konnte. Ich realisierte: Der Sport schuldet dir gar nichts. Und er hört nie auf, dich zu testen.»

«Ich realisierte: Der Sport schuldet dir gar nichts. Und er hört nie auf, dich zu testen.»Noah Rubin

Welche Geschichte, die ihm erzählt wurde, berührte ihn am meisten? Er überlegt kurz. «Viele sind mir nahe gegangen. Als Tennys Sandgren über den Tod seines Vaters sprach, umarmten wir uns und weinten. Mir schiessen heute noch ­Tränen in die Augen, wenn ich daran denke. Er hatte zuvor nie darüber geredet. Es macht mich sehr stolz, dass mir all diese Spieler so vertrauen. Und es motiviert mich, weiterzumachen.»

Sandgren ist 28 und etabliert in den Top 100. Acht Jahre ist es her, dass er den schlimmsten Anruf seines Lebens erhielt. Er erzählt im Blog: «Ich war gerade drei Monate Profi und an einem Future-Turnier in Texas, als ich meine dortige Bleibe betrat und mich meine Mutter anrief und sagte, mein Vater sei gestorben. Es war acht oder neun Uhr abends. Jenes Zimmer ist bis heute in meinen Gedanken eingebrannt.» Einige Monate zuvor hatte er an einem Abend mit seinem ­Vater vor dem Haus gesessen und sich bei einem Bier mit ihm unterhalten. Und der hatte ihn gefragt: «Ist das alles, was das Leben bietet?» Er sei 20 gewesen und habe nicht gewusst was antworten.

Es sind so viele Dinge, die die Tennisspieler mit sich herumtragen, von denen die Zuschauer nichts wissen. Ja nicht einmal die anderen Spieler. Und jene, die sich keine Entourage leisten können, sind meist auf sich allein gestellt. Am Anfang sei er auf der Tour verschlossen gewesen, sagt ­Rubin. Dann habe er erkannt: «Natürlich sind unsere Nächsten, die Familie und Freunde, für uns da. Aber jene, die wirklich verstehen, was wir durchmachen, sind die anderen Spieler. Nun habe ich im Tennis eine Gruppe von Freunden aufgebaut. Wir müssen füreinander da sein.»

Inzwischen haben sich Rubin für seinen Blog 60 Spielerinnen oder Spieler anvertraut. Mit ganz unterschiedlichen Storys. Die 23-jährige Amerikanerin Louisa Chirico, bei den Juniorinnen eine Konkurrentin von Belinda Bencic, erzählte, wie sehr sie unter dem Druck gelitten habe, den sie sich selbst auferlegte. 2016 hatte sie sich in die Top 100 gespielt, plötzlich schauten mehr Leute zu, wollte sie es noch besser machen und verlor jegliche Leichtigkeit. Schon nach dem Australian Open, dem zweiten Turnier der Saison, sei sie mental komplett ausgelaugt gewesen.

Madison Keys und die Stimme aus dem TV

Es äussern sich auch Topspieler. Weltnummer 9 Madison Keys spricht darüber, dass sie mit 15 unter Magersucht litt. Zeitweise habe sie pro Tag nur drei Energieriegel gegessen. Sie hatte begonnen, an ihrer Figur zu zweifeln, nachdem ihre Spiele am Fernsehen übertragen wurden und ihr einige sagten, sie schaue da zu dick aus. Um ihre Magersucht zu verstecken, habe sie sich vor ihren Freunden verschlossen, sogar vor ihrer Mutter. Doch bald habe sie kaum mehr Energie gehabt. Irgendwann habe sie realisiert, dass sie daran war, sich zu zerstören. ­Heute habe sie glücklicherweise wieder eine gesunde Beziehung zum Essen.

«Es ist nicht nur wichtig, die wenig glamouröse Seite des Tennis jenseits der Top 100 zu erzählen», sagt Rubin. «Sondern auch, zu erfahren, wie Topspieler mit sehr schwierigen Phasen in ihrem Leben umgegangen sind. Auch sie sind Menschen. Selbst Federer, obschon er nicht schwitzt, ist ein Mensch.» Ein Blog darüber, wie der Schweizer die Tage nach dem verlorenen Wimbledon-Final wirklich erlebte, was ihm alles durch den Kopf schoss, im Wohnmobil mit der Familie, das wäre interessant. ­Rubin hat ihn noch nicht gefragt.

Auch die Tennisprofi Madison Keys gewährt auf dem Blog ungeahnte Einblicke und spricht über Magersucht in der Pubertät. (Bild: Instagram/behindtheracquet)

Apropos Federer: Am Australian Open 2017, als der gerade sein erfolgreiches Comeback startete, forderte ihn Qualifikant Rubin in der zweiten Runde und verlor in drei umkämpften Sätzen. Ein Spiel, an das er sich gerne erinnert. «Da sah ich: Wenn ich in Form bin, mental bereit und schmerzfrei, kann ich mit jedem mithalten. Aber ich muss die Konstanz finden.»

Wie erklärt er sich, wie Federer, ­Nadal oder Djokovic seit Jahren auf höchstem Niveau spielen, fast ohne Baisse? Rubin verdreht die Augen. «Ich habe keine Ahnung. Ich kann nur zwei Dinge sagen: Erstens haben sie ein Team hinter sich. Zweitens macht es Spass, zu gewinnen. Und sie gewinnen oft. Wenn du 80, 90 Prozent der Matches gewinnst, hilft das.»

Sein Projekt «Behind the Racquet» habe seiner Motivation fürs Tennis mehr geholfen als geschadet, sagt er. «Man muss daneben Dinge finden, die einem Freude machen. Jeder sollte seine Freizeit nutzen. Wer nur Fortnite spielt und Netflix schaut, tut sich keinen Gefallen. Okay, für Netflix habe ich noch Zeit. Aber es müssen ja nicht acht Stunden sein. Drei genügen, und die anderen fünf Stunden kann ich sinnvoller einsetzen.»

Gerne würde Rubin auch dazu beitragen, die Tour zu verändern. «Zuerst einmal muss die Saison kürzer werden», sagt er. «Wir brauchen eine zweimonatige Pause. Ich bin 23, aber manchmal wache ich auf und fühle mich wie 70. Das ist ein Problem. Natürlich habe ich ein aufwändiges Spiel, laufe ich viel, aber trotzdem: Wir brauchen Oktober und November frei, ganz ohne Tennis.»

Zwei Monate ganz ohne Tennis, das ist Pflicht

Auch in den nordamerikanischen Profiligen wie NBA oder NHL sei die Saison intensiv, «aber danach haben die Spieler genügend Zeit, um wieder aufzutanken. Die fehlt bei uns. Wenn ich nach Weihnachten unterwegs bin nach Australien, fühlt es sich an, als hätte ich gar keine Pause gehabt.»

Zudem plädiert er für mehr Team-Wettbewerbe, von denen auch das «Tennis-Fussvolk» profitieren kann. «Momentan werden zwar neue Wettbewerbe etabliert wie der Laver-Cup oder der ATP Cup. Aber da spielen nur die Top 45 der Welt. Das hilft uns anderen nicht.»

Im Juli spielte er mit bei «World Team Tennis», der US-Liga im Sommer, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut bei Spielern von der Profitour. «Es tut gut, ein Salär zu haben und nicht ständig unter Druck zu sein, um sein Preisgeld und Punkte spielen zu müssen», sagt er. Er kenne viele, die auf der Tour weiterspielten, obwohl sie verletzt seien –weil sie die Punkte brauchen. «Es ist ein ständiger Kampf. Du kannst nie durchatmen. Du bewegst dich ständig am Rande des Scheiterns. Und wenn du dich verletzt, verdienst du nichts.»

Rubin ermöglicht mit seinem Blog Einblicke hinter die Kulissen, wo nicht alles so glamourös ist. «Natürlich hilft es, dass ich selber spiele, damit sich die anderen mir öffnen», ist er überzeugt. «Sie verstehen, dass ich es verstehe. Ich war zwar noch nicht in den Top 20, aber ich habe trotzdem eine gute Idee davon, was es braucht.»

Wenn er inzwischen bekannter sei für seinen Blog als für seine Tennismatches, sei das für ihn okay, sagt Rubin: «Hey, ich habe kein Problem damit, ein Pionier zu sein.»



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Erstellt: 02.09.2019, 17:07 Uhr

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