Er lebt mit Rüpel und Bruchpilot

Günther Steiner hat als Chef des Formel-1-Teams Haas einen schweren Stand. Das Auto ist unberechenbar – genau wie seine Fahrer.

2018 WM-Fünfter, nun Vorletzter: Die Situation des Haas-Teams setzt Chef Günther Steiner zu, Mitschuld tragen die Fahrer Grosjean (links) und Magnussen. Foto: LAT Images

2018 WM-Fünfter, nun Vorletzter: Die Situation des Haas-Teams setzt Chef Günther Steiner zu, Mitschuld tragen die Fahrer Grosjean (links) und Magnussen. Foto: LAT Images

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Irgendwann reisst der Geduldsfaden des Chefs. «Es reicht jetzt», ruft er in den Funk. Kevin Magnussen am Steuer fragt, was das denn heissen soll? Es kommt zurück: «Für uns ist das auch keine schöne Erfahrung. Es reicht jetzt. Genug ist genug.»

Willkommen im Leben von Günther Steiner, Teamchef bei Haas. Eingreifen, Wogen glätten, weiteren Schaden verhindern, das sind derzeit seine Hauptaufgaben beim angeschlagenen Rennstall aus den USA.

Es war der Grand Prix von Kanada – Magnussen, ein Haudrauf auf der Strecke, beschwerte sich über sein Fahrzeug. So etwas Schlechtes habe er noch gar nie gefahren – in keiner Rennserie. Es war ein Schlag ins Gesicht für die Mechaniker, die die ganze Nacht durchgeackert hatten, um den ­ Boliden wieder fahrfähig zu machen, nachdem ihn der Däne im Qualifying in die Begrenzungsmauer gesetzt hatte.

Dann greift er ein

Steiner sitzt in seinem provisorischen Büro im oberen Stock des Motorhomes von Haas. Er lehnt über den Tisch, sagt: «Er hat nicht verstanden, dass er zu weit ging. Er hat das Auto zerlegt, die Jungs haben gearbeitet wie wild, und dann sagt er ihnen so etwas. Da griff ich ein.»

Mit solchen Dingen also hat sich der Südtiroler auseinanderzusetzen in dieser Pleiten-Pech-und-Pannen-Saison. Das Wunderjahr 2018 mit WM-Rang 5 könnte weiter weg nicht sein. Neunter ist Haas, nur das serbelnde Williams-Team fährt noch erfolgloser. «Wir hatten bislang noch kein einziges normales Rennwochenende, keines ohne irgendwelche Dramen», sagt Steiner. In Monza starten sie den nächsten Versuch.

Romain Grosjean (l.) und Kevin Magnussen machen Günther Steiner das Leben nicht immer einfach. (Bild: Keystone)

Das Auto macht ihm das Leben schwer, seine Piloten tun es ebenso. In Barcelona haben sich Magnussen und Romain Grosjean auf der Strecke berührt, in Silverstone haben sie sich gegenseitig abgeschossen. «Ich dachte nach Barcelona, ich hätte ihnen gesagt, wo es langgeht. Aber offensichtlich haben sie es nicht verstanden. Nach dem Rennen in Silverstone war ich richtig böse. Dort haben wir Punkte weggeschmissen», sagt Steiner.

«Vielleicht bin ich nicht der beste Ziehvater für die Jungs»

Er polterte an diesem 14. Juli: «Das Beste, was unsere Piloten zur Schlacht beitragen, ist eine Schaufel, um das Loch, in dem wir stecken, noch tiefer zu graben.» Steiner ist kein Mann der Diplomatie, er ist geradeheraus. «Vielleicht», sagt er, «bin ich deshalb nicht der beste Ziehvater für die Jungs.» Einen ­solchen hätten Magnussen und Grosjean offenbar nötig. In Hockenheim, es war das Rennen nach Silverstone, berührten sich ihre Autos erneut. «So etwas kann ja keiner mitmachen.» Steiner schüttelt den Kopf.

Die ersten 13 Rennen zehrten an den Kräften des 54-Jährigen. «Am Sonntagabend bin ich jeweils nur noch müde, total erschöpft, ich will nur nach Hause – obwohl ich dank meiner Erfahrung mit Stress eigentlich gut zurechtkomme.»

Seit über 30 Jahren ist er im Motorsport tätig, erst als Mechaniker, später als technischer Manager, Projektmanager, Leiter der Ingenieure bei Jaguar in der Formel 1, dann bei Red Bull, seit fünf Jahren ist er Teamchef des damals von US-Unternehmer Gene Haas gegründeten Rennstalls. «Wäre ich ein Neuling, hätte ich nach vier Rennen aufgegeben.»

Es sind nicht immer ­offensichtliche Fehler, die zu den schlechten Ergebnissen führen. Im Qualifying halten Magnussen und Grosjean oft mit, im Rennen folgt der Absturz. «Dann gehts in 10 Runden von Platz 5 auf 15», sagt Steiner, «das geht an die Substanz.»

Wie viele Teams kämpft auch Haas damit, seine Autos im Reifenfenster zu halten, die Pneus auf die optimale Temperatur zu bringen. «Man kann sich nicht an dieses Fenster lehnen. Entweder man ist im Haus drin oder fällt runter.» Steiner lacht schallend nach seinem Bildnis. Er hat den Humor nicht verloren, oft ist es auch Galgenhumor.

Die Stirn liegt beim Teamchef von Haas des öfteren in Sorgenfalten. (Bild: Getty Images)

Was bleibt ihm auch sonst? Mit diesem Auto? Mit diesen Fahrern? Mit Magnussen, Rüpel geschimpft wegen seiner ungestümen Art auf der Piste? Mit Grosjean, dem Bruchpiloten?

Steiner findet die Ausdrücke nicht gerechtfertigt, die seinen Fahrern anhaften. «Kevin hat ein Image, das nicht zutreffend ist. Er ist nicht nur der Aggressive und Böse. Er ist auch ruhig, überlegt. Er äussert zwar Kritik, für gewöhnlich aber anständig.» In Kanada hat sich der 26-Jährige im Ton vergriffen, sich dafür aber gleich entschuldigt. «Er ist gewachsen und reifer geworden», glaubt sein Chef. Es hört sich an, als würde er gerne weitermachen mit dem Mann mit tätowiertem rechtem Unterarm und dem Ruf eines Badboys. Magnussen fährt seine dritte Saison für das kleinste Team der Formel 1.

«Romain ist wie unser Auto. Er hat Höhen und Tiefen»

Bleibt Grosjean. Die Position des 33-jährigen Frankoschweizers ist gefährdet wie nie. Nico Hülkenberg ist auf dem Markt, weil er seinen Platz bei Renault für Esteban Ocon räumen muss. «Wir sind uns nicht sicher, was das Beste ist für uns», sagt Steiner, «uns ist auch aufgefallen, was Nico geleistet hat.»

Wenn er über Grosjean redet, seinen derzeitigen Angestellten, klingt es nicht, als hätte er besonderes Interesse, ihn noch ein fünftes Jahr zu behalten. «Romain ist wie unser Auto. Er hat Höhen und Tiefen. An einem guten Wochenende ist er einer der Besten, an einem schlechten einer der Schlechtesten.»

Steiner lehnt sich zurück, atmet tief durch, er sagt: «Ich könnte es einfacher haben mit den Fahrern.» Und dann noch das: «Ich lasse meinen Leuten viele Freiheiten. Jeder muss für sich entscheiden, was er damit anfängt. Auch ich habe viele Freiheiten, und wenn ich Fehler mache, muss ich mit den Konsequenzen leben.» Es klingt wie eine Drohung.

Heute haben Magnussen und Grosjean ihre nächste Chance, Werbung in eigener Sache zu machen. Es wäre an der Zeit, dass sie diese nutzen.



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Erstellt: 08.09.2019, 10:30 Uhr

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