«Der Ball in die Mitte ist wunder­bar gegen Nadal»

Showdown in Paris: Tennis-Analyst Craig O’Shannessy sagt, wie Roger Federer dem Sandkönig das Leben schwer macht.

Servieren und dann ans Netz stürmen: Das könnte für Roger Federer morgen im Halbfinal der Schlüssel sein. Foto: Clive Mason (Getty Images)

Servieren und dann ans Netz stürmen: Das könnte für Roger Federer morgen im Halbfinal der Schlüssel sein. Foto: Clive Mason (Getty Images)

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Roger Federer stürmte gegen Stan Wawrinka 60-mal ans Netz. Sie müssen sehr ­zufrieden sein mit ihm, da Sie ja das Angriffsspiel propagieren?
Absolut. Was mir bei Federer ­gefällt: Er verändert den Court mit seiner Spielweise, mit seiner Position auf dem Platz, seiner angriffigen Einstellung. Er zeigt: Auch auf Sand kann man offensiv spielen, kann man ans Netz kommen, Aufschlag-Volley spielen. Gleichzeitig respektiert er die Eigenheiten des Sandplatzes.

Inwiefern?
Gegen Wawrinka sah man, wie er den Ball auf der Rückhand oft mit viel Spin versah. Er konnte gut umgehen mit den hohen ­Bällen auf seine Rückhand und brachte sie ebenfalls mit viel Drall zurück. Dominic Thiem sagte ja, nachdem er Nadal in Barcelona geschlagen hatte, die einhändige Rückhand sei für ihn von Vorteil gewesen, weil er ­damit die Bälle mit viel Spin schlagen konnte. Die Stereo­typen übers Sandplatztennis treffen ohnehin nicht mehr zu.

Wie meinen Sie das?
Wenn man die Daten analysiert, sieht man: In den letzten drei Jahren gab es in Roland Garros mehr kurze Ballwechsel von ein bis drei Schlägen als am US Open. 68,8 Prozent gegenüber 68 Prozent. Klar, der Unterschied ist minim. Aber das zeigt, dass Sandplatztennis heute gar nicht mehr so anders ist.

«Der Ball in die Mitte ist ein wunderbarer Ball gegen Nadal. Denn Nadal liebt Winkel.»

Als Federer 2017 Wimbledon gewann, nachdem er die Sandsaison ausgelassen hatte, sagten Sie, das sei die beste Entscheidung gewesen. So habe er sein Angriffsspiel nicht verwässern lassen. ­Hat er nun einen klaren Kopf auf Sand?
Was ich damals sagte, traf zu. Aber die Dinge verändern sich. Ich finde, er weiss derzeit sehr genau, was er tun will auf Sand: eben genau kein traditionelles Sandplatztennis spielen. Sondern so oft wie möglich vari­ieren und angreifen. Dass das klappt, zeigt bei den Frauen ­momentan auch Johanna Konta.

Ist für ihn der Schlüssel gegen Nadal, diesem keinen Rhythmus zu geben?
Man kann nicht komplett verhindern, Nadal Rhythmus zu geben. Aber man kann versuchen, weniger Muster zuzulassen, in denen er sich wohlfühlt. Sand hilft ­Nadal, weil er hier mehr Zeit für seine Schläge hat und der Ball höher abspringt. Natürlich muss Federer sehr smart spielen. Aber Robin Söderling zeigte 2009, wie es geht. Auf diesen Courts kann man durchaus Druck ausüben, aggressiv spielen. Und ­Federer macht mir einen sehr entspannten und gleichzeitig konzentrierten Eindruck. Es geht um den Mix. Wann gehe ich ans Netz? Wann bleibe ich hinten? Wann spiele ich mit viel Spin, wann flach? Wann spiele ich ­crosscourt, wann longline? Das hat er bisher sehr gut gemacht.

Wann ist Nadal in der Komfortzone? Wenn er mit seiner Linkshänder-Vorhand die Federer-Rückhand findet?
Ja. Er wird auf jeden Fall versuchen, mit seiner Vorhand die Rückhand Federers anzuspielen. Immer und immer wieder. Und so hoch wie möglich. Nicht 20-mal. Sondern 100-mal. Oder ­öfter. Federer kann das nicht immer verhindern. Aber wenn sich die Ballwechsel nur noch nach diesem Muster abspielen, ist das nicht gut für ihn. Wawrinka versuchte auch, mit seiner starken Rückhand jene von Federer anzupeilen. Aber der konnte diese Duelle oft entschärfen. Indem er entweder die Linie entlangspielte, mal einen Slice einstreute oder den Ball in die Mitte des Courts spielte. Der Ball in die Mitte ist übrigens ein wunder­barer Ball gegen Nadal. Denn ­Nadal liebt Winkel.

Video: Die drei grössten Grand-Slam-Spiele zwischen Federer und Nadal

Die beiden Tennisprofis standen sich bereits 38 Mal gegenüber. Bei den Siegen hat Nadal die Nase vorn. Video: Tamedia

Nadal steht beim Return sehr weit hinten. Hilft das Federer dabei, Aufschlag-­Volley zu spielen?
Ja. Vor allem beim zweiten Aufschlag, den Federer mit viel Kick spielt. Der Ball ist da länger in der Luft, und Federer kann sich so besser am Netz installieren. Wenn der Gegner beim Return so weit hinten steht wie Nadal, kann man also gut auch Aufschlag-Volley nach dem zweiten Service spielen. Das hat Federer gegen ­Wawrinka auch immer wieder ­getan. Natürlich retourniert ­Nadal exzellent, und man muss sich damit abfinden, dass man immer mal wieder von ihm passiert wird. Aber Federer muss sich von der Denkweise lösen, dass es mehr wehtut, einen Punkt am Netz zu verlieren als von der Grundlinie.

«Federer sollte im Bett liegen, Room Service bestellen und die letzten fünf Matchs schauen.»

Wie gefällt Ihnen Federers neuster Schlag, sein Return-Stoppball?
(klatscht) Wunderbar! Ich sah schon, wie er ihn in Madrid und Rom spielte. Das ist eine phänomenale Taktik! Manchmal rückt Federer danach auch gleich ans Netz vor. Mit diesem Ball bringt er sich in eine Position, in der er sich sehr wohlfühlt. Er sollte diesen Ball noch öfter spielen, einmal pro Returngame. Entscheidend ist nicht, dass er damit ­jeden Punkt gewinnt. Sondern, dass er seinen Gegner aus der ­Balance bringt. Mit solch überraschenden ­Bällen kann er Nadals Rhythmus brechen, ihn in seiner Spielweise stören. Er muss ­Nadal zum Denken bringen. Dafür ­sorgen, dass er auf ihn reagieren muss, statt agieren zu können.

Federers neuer Schlag, der Return-Stoppball, ist für Experte Craig O’Shannessy eine phänomenale Taktik. Foto: Keystone

Federer hat die letzten fünf Duelle gegen Nadal gewonnen, aber keines davon auf Sand. Kann er trotzdem daraus etwas ziehen?
Absolut! Er sollte sich diese Matchs nochmals zu Gemüte führen. Im Bett liegen, Room Service bestellen und sich anschauen, wie er da die Punkte aufbaute. Damit sich diese Muster in seinem Kopf festsetzen. Er will ja ohnehin Hartplatztennis spielen. Deshalb sollte er sich diese Matchs anschauen. Damit er sich erinnert, was er in welcher Situation getan hat. In Indian Wells, Miami oder Melbourne.

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Wie ist Ihr Eindruck von Nadal bisher in Paris?
Gut. Er hat alles getan, was er tun musste. Er hatte eine günstige Auslosung. Aber das ist nicht sein Fehler. Gegen Goffin verlor er einen Satz, okay. Aber das war es dann auch schon. Was mir besonders gefällt und was auch Carlos Moya gefallen dürfte: Er geht in den Sätzen meist früh in Vorsprung, und das erlaubt ihm, lockerer aufzuspielen, ein bisschen zu experimentieren.

«Nadal hatte eine günstige Auslosung», sagt der Experte. Foto: Keystone

Wie erklären Sie sich, dass er bis Rom keine gute Sandplatzsaison hatte?
Es ist eine Frage des Selbstvertrauens. Das fehlte ihm anfangs. Aber in Rom spielte er dann exzellent. Monte Carlo, Barcelona und Madrid sind für ihn nur noch eine ferne Erinnerung. Was da war, spielt für ihn keine Rolle mehr. Jetzt ist er wieder voll da.

Was macht den Court Philippe Chatrier so gut für ihn? Die Dimensionen?
Ja. Sein Traum wäre wohl, wenn er sogar noch mehr Platz hätte, um sich zu verteidigen. Und der Court ist sehr hart, der Ball springt hier sehr hoch ab, nimmt viel Spin an. Er passt perfekt zu seinem Spiel. Man könnte aber auch sagen, er habe sein Spiel auf diesen Court ausgerichtet.

Wen hätten Sie als Strategie-Coach von Novak Djokovic lieber als Gegner im Final: Federer oder Nadal?
(lacht) So weit bin ich noch nicht mit meinen Gedanken. Djokovic hat noch viel Arbeit vor sich, um in den Final zu kommen. Zverev und dann wohl Thiem, das sind harte Aufgaben. Aber klar: Man müsste verrückt sein, sich Nadal als Gegner zu wünschen im ­Final des French Open. Federer wäre die logische Wahl. Aber ich finde, er kann hier mit seinem Angriffstennis ziemlichen Schaden anrichten. Lasst uns doch einfach das Spiel zwischen diesen beiden Ikonen dieses Sports ­geniessen! Ich kann es jedenfalls kaum erwarten.

Erstellt: 05.06.2019, 23:03 Uhr

Craig O’Shannessy, Tennis-Analyst (Bild: Adrian Ruch)

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