«Er schlägt sich oft selber»

Coach Magnus Norman traut Stan Wawrinka am French Open auch dieses Jahr Grosses zu. Aber er müsse mental stabiler werden, sagt der Schwede.

Beim Geneva Open soll er ein gutes Gefühl für Paris finden: Stan Wawrinka. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

Beim Geneva Open soll er ein gutes Gefühl für Paris finden: Stan Wawrinka. Foto: Laurent Gilliéron (Keystone)

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In der hintersten Ecke des lauschigen Tennisclub de Genève im Parc des Eaux-Vives trainiert Stan Wawrinka an diesem für ihn spielfreien Mittwoch. Er wirkt vor den glänzenden Augen Dutzender Jugendlicher und Kinder verspielt und locker. Als der French-Open-Champion den Platz verlässt, bildet sich rasch eine Menschentraube um ihn. Nun hat ­Magnus Norman, sein Coach, den Court für sich. Der 39-jährige Schwede, seit gut drei Jahren Wawrinkas Coach und einst selber Finalist in Roland Garros, zeigt mit einem Trainingspartner, dass er das Tennis auch selber noch immer gut ­beherrscht – und fast noch gleich fit ist wie zu seinen Zeiten als Spieler.

Wo steht Stan Wawrinka wenige Tage vor dem French Open?
Er hat einige harte Wochen hinter sich, das haben alle gesehen. Dabei hatte ich ein ­gutes Gefühl vor Rom. Wir hatten gut trainiert, zuerst in Lausanne und dann auch in Rom, wo er im Training einige gut klassierte Spieler bezwang. Ich dachte, das habe ihm Vertrauen gegeben. Er spielte dann okay gegen Paire, aber der Match gegen Juan Monaco war wieder enttäuschend. Dennoch habe ich das Gefühl, dass er weiter Fortschritte macht, das stimmt mich zuversichtlich. Die Richtung stimmt.

«Er muss versuchen, seine Frustrationen nicht zu zeigen»: Magnus Norman (r.) über Stan Wawrinka (hier während des Trainings in Wimbledon, 27. Juni 2015). Foto: Peter Klaunzer (Keystone)

Er sagt, er habe das Gefühl, dass er sogar besser spiele als vor einem Jahr. Warum zeigt sich das nicht in seinen Resultaten? Auf Sand hat er bisher erst vier Gegner besiegt.
In den Trainings ist er wirklich gut. Aber während Partien hat er auch seine Tiefs, da ist er mental sehr verletzlich. Sobald er etwas schlechter spielt, beklagt er sich gleich und wirkt fragil. Das hat mit dem Vertrauen zu tun. Er schlägt sich oft selber, so auch in den vergangenen ­Wochen. Für einen Coach ist es etwas traurig, das zu sehen. Dennoch hat er 2016 schon zwei Titel gewonnen und stand in Monte Carlo im Viertelfinal. Er muss nun einfach einige Partien hintereinander gewinnen, und deshalb war es wichtig, dass er in Genf so gut startete. Jeder Sieg beruhigt ihn und baut ihn auf.

Also ist Genf für ihn wichtig?
Ja. Es ist gut, dass er hier spielen kann. Vor einem Jahr hatte er in Rom die Halbfinals erreicht und Nadal geschlagen, da hatte er viel Vertrauen und war in seiner Vorbereitung weiter als dieses Jahr.

Könnte ihm das Geneva Open für Paris nicht viele Energien rauben?
Das Turnier ist für ihn nicht so anstrengend, weil er zwischendurch auch ­zu Hause schlafen kann. Hier geht es ­darum, ein gutes Gefühl zu finden. Auch wenn er nicht viele Partien gewonnen hat, haben wir dennoch genug trainiert. Und es ist auch wichtig, nicht zu viel zu trainieren. Das ist manchmal unser Problem – dass wir beinahe zu viel machen.

Was können Sie gegen die angesprochene mentale Verletzlichkeit tun?
Wir sprechen natürlich viel darüber. Er muss versuchen, seine Frustrationen nicht zu zeigen. Denn das zieht ihn ­hinunter und baut den Gegner auf. Als Nummer 4 darfst du dem Gegenüber diesen Vorteil nicht zugestehen. Das heisst nicht, dass er gar nichts mehr ­sagen soll. Er soll Emotionen zeigen – aber auf die richtige Art. Er soll wieder das «Stanimal» sein, wie man ihn kennt.

Trauen Sie ihm die Titelverteidigung in Roland Garros dennoch zu?
Pffff . . . (Pause) Im Team konzentrieren wir uns jetzt ganz auf Genf und hoffen, dass er weiter gewinnt und seine Position verbessern kann (im Viertelfinal trifft Wawrinka heute auf den Spanier Pablo Carreño Busta). Aber wir wissen, wozu er fähig ist, wenn er gut spielt. Es kann in Paris passieren, es kann in ­Wimbledon passieren, es kann am US Open passieren . . . Es bleibt noch sehr viel Tennis zu spielen dieses Jahr, und hoffentlich kann er noch einen guten Grand Slam zeigen. Aber es ist nicht so, dass wir untereinander davon sprechen, den Titel in Paris zu verteidigen. Wir versuchen jetzt einfach, sein Vertrauen aufzubauen, Schritt für Schritt.

In Paris könnte ihm helfen, dass er über best of 5 stabiler wirkt als über best of 3. Sehen Sie das auch so?
Das stimmt, in den letzten drei, vier Jahren war das so. Über best of 5 hat er das Gefühl, dass er mehr Zeit hat und es ­weniger wichtig ist, ob er gut beginnt oder nicht. Je länger ein Spiel dauert, desto mehr Siegeschancen gebe ich ihm.

Wie schwierig ist es, einen Grand-Slam-­Titel zu verteidigen? Wawrinka scheint davon wenig beeindruckt zu sein – zumindest sagt er das.
Ja, und das ist auch so. Er ist nicht nervös, weil er Paris verteidigen muss. Denn er ist alt und reif genug, um zu begreifen, dass jeder jedes Jahr bei null beginnt. Am Ende der Saison willst du möglichst gut klassiert sein. Ob du die Punkte in Paris holst oder anderswo und ob du ­irgendwann nur noch die Nummer 12 oder 15 bist während der Saison, ist egal. Wichtiger ist, wo du Ende Jahr stehst. Wenn du als 19- oder 20-Jähriger einen Grand-Slam-Titel gewinnst, ist es schwieriger, damit umzugehen.

Wen favorisieren Sie in Paris?
Novak (Djokovic) ist für mich die Nummer 1, vor Murray und Nadal. Gleich ­dahinter sehe ich Stan und Roger ­(Federer) auf gleicher Höhe. Und dann gibt es noch einige gefährliche Aussenseiter, wie Monfils, Kyrgios oder Thiem.

Erstellt: 19.05.2016, 01:47 Uhr

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