«Es ist ein Wunder, dass er wieder auf diesem Niveau spielt»

Ab 12 Uhr spielt Stan Wawrinka um den Einzug in die 3. Runde. Sein Coach Magnus Norman spricht im grossen Interview über den Lausanner.

Mit 34 Jahren zurück in den Top 20: Wawrinka hat den Anschluss geschafft. Foto: Ben Curtis (Keystone)

Mit 34 Jahren zurück in den Top 20: Wawrinka hat den Anschluss geschafft. Foto: Ben Curtis (Keystone)

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Stan Wawrinka sagt, er habe nie besser auf Rasen gespielt als jetzt. Einverstanden?

Es sieht danach aus. Er weiss besser, was er tun muss, macht sich die Dinge nicht zu kompliziert und versucht, sein Spiel durchzuziehen. Es gibt dir Vertrauen, wenn du im Kopf Klarheit hast. Wir haben über die Jahre vieles probiert. Richard Krajicek (Wawrinkas Gastcoach 2016) half ihm, seine Volleys zu verbessern, vor allem auf der Vorhand. Mit Paul Annacone (2017) arbeiteten wir dann viel am Return. Stan versuchte schon immer, langfristig besser zu werden, nun auch mit dem Zuzug von Dani Vallverdu.

Er ist Südamerikaner und ein sehr erfahrener und prominenter Coach. Wie erleben Sie diese Situation?

Als Stan die Idee hatte, ihn nach London zu holen, sagte ich sofort zu. Meine Philosophie war immer: Was das Beste für den Spieler ist, ist auch für mich gut. Ich muss nicht der Chefcoach sein oder in der Öffentlichkeit stehen. Ich möchte nur meinem Spieler helfen. Und wenn Stan denkt, dass Dani ihm etwas bringen kann, ist das grossartig. Die beiden sind gute Freunde. Und Dani hat auch schon gegen ihn gecoacht, er kennt seine Schwächen und Stärken. Ich bin immer offen, von anderen zu lernen. Deshalb mache ich einen Schritt zurück, damit er uns möglichst viel Input geben kann.

Könnte dies Wawrinka nicht auch verwirren?

Ich denke nicht, solange wir eine klare Linie und Vision haben. Dani und ich besprechen stets alles. Ich kenne Stan am besten und weiss, wo er steht.

Wie lange bleibt Vallverdu?

Vorerst fokussieren wir uns auf Wimbledon. Aber wenn Stan will und es allen passt, können wir schauen, ob es weitergehen soll.

Wie weit kann Wawrinka in Wimbledon kommen?

Sehr weit. Ich sehe keinen Grund, weshalb er es nicht gewinnen sollte, das Potenzial dazu hat er. Aber wir haben nie darüber gesprochen, Grand-Slam-Turniere zu gewinnen. Wir versuchen nur, uns optimal vorzubereiten und einzustellen. In der Endphase braucht man auch etwas Glück.

In den vergangenen zwölf Monaten kämpfte er sich von Rang 263 auf 19 zurück. Gibt es etwas, das Sie noch vermissen bei ihm?

Ich würde gerne sehen, dass er an jedem Turnier seine hundertprozentige Leistung bringt. Er bewegt sich gut, schlägt den Ball gut, aber er hat noch zu viele Schwankungen. Ich hätte gerne mehr Konstanz und Stabilität.

«Ich bin einer der wenigen Coachs, die dagegen sind, dass wir zu den Spielern auf den Court gehen.»Magnus Norman

Einige seiner Niederlagen wirkten nicht zwingend.

Ja, vor allem in Miami (gegen Krajinovic) und Rom (Goffin) war seine Energie tief, da hätte er mehr machen können. In Genf (gegen Dzumhur) stimmte zwar der Einsatz, aber da fehlte ihm das Vertrauen. Wir hatten danach ein langes Gespräch.

Als Sie mit ihm zu arbeiten begannen, setzten Sie das Erreichen des ATP-Finals zum Ziel. Ist es das auch dieses Jahr?

Dieses Jahr war es etwas anders, weil er Anfang Saison immer noch von der Verletzung zurückkam und seine Fitness noch verbessern musste. Dazu war er noch nicht gesetzt, was den Weg nach London viel härter machte. Aber mit guten Resultaten kann er es immer noch schaffen. Ich erwarte zumindest, dass er Ende Jahr noch besser klassiert ist als jetzt mit Rang 19. Wenn es für London reicht, umso besser.

Ist er leistungsmässig wieder so stark wie in den besten Jahren?

Ich denke schon. Paris war ein wichtiger Schritt, mit den Siegen über Dimitrov und Tsitsipas. Und auch gegen Federer war es eng, da schlug er zum Gewinn des dritten Satzes auf.

Wawrinka war 2017 so schwer am Knie verletzt, dass keiner wusste, ob er zurückkommen würde. Wenn Sie das grosse Bild anschauen: Wie beurteilen Sie seine Rückkehr?

Der Effort, den er brachte, war bewundernswert. Das sagt auch Pierre (Paganini, der Fitnesscoach) immer wieder. Ich erlebte das selber auch und weiss, wie es ist, wenn man durch die Therapie geht, nicht fit ist, wenn nichts geschieht, das Bein nicht reagiert, das Knie nicht reagiert, wenn du dich schwer und langsam fühlst. Es ist ein Wunder, dass er wieder auf diesem Niveau spielt. Die Ärzte in der Schweiz machten ihre Arbeit hervorragend. Viele Experten sagten mir, dass sie es für unmöglich hielten, nach einer solchen Verletzung auf eine solche Stufe zurückzukehren. Wie war das bei Ihnen? Sie traten ja schon mit 27 zurück.

Da hatte ich schon zwei Hüftoperationen hinter mir und sah keine Möglichkeit mehr, zurückzukommen. 2003 musste ich mehrmals in wichtigen Partien aufgeben, hatte Entzündungen in der Hüfte, Knochen rieb auf Knochen. Heute hätte ich es wahrscheinlich mit einer künstlichen Hüfte versucht.

Auf dem Weg durch die Anlage sind Sie eben auch ziemlich gehumpelt. Sind Sie verletzt?

Seit Paris habe ich starke Schmerzen im Knie. Keine Ahnung, woher. Die einfache Antwort ist wohl: Ich werde älter.

Absolvieren Sie demnach 2019 keinen Ironman mehr?

Nein. Ich bike und schwimme noch, aber die Schmerzen limitieren mein Laufen. Zudem würde es mich lange von meiner Familie fernhalten.

Aber reisen Sie noch gerne mit Wawrinka um die Welt?

Im Moment stimmt die Balance. Zwischendurch war es mir zu viel geworden, weshalb ich stoppte. Ich versuche, nicht mehr als zwei, drei Wochen in Folge unterwegs zu sein. Das geht, weil ihn Yannick (Fattebert) oft begleitet.

Zurück zum Tennis. Die grossen Drei sind immer noch da, Federer, Nadal und Djokovic. Inzwischen beklagen viele die Monotonie und hätten gerne wieder einmal einen neuen Majorsieger ...

(unterbricht) In Schweden war das auch so, vor einigen Jahren: Als die schwedischen Spieler so viele Titel gewannen, hiess es: Es wird langweilig, es hat ja nur Schweden. Und heute ist es eine grosse Sache, wenn ein Schwede ein Future-Turnier gewinnt oder Rebecca Peterson eine Runde an einem Grand-Slam-Turnier übersteht. Jeder dürstet nach neuen Erfolgen. Ich und meine Generation wurden immer mit früheren Grössen verglichen, mit Mats (Wilander) oder Stefan (Edberg). Wenn wir in einem Grand-Slam-Halbfinal ausschieden, hiess es: Das war nicht so gut.

Sind die Zuschauer verwöhnt?

Ich finde, wir sollten es geniessen, dass diese drei noch dabei sind, zusammen mit Stan und vielleicht auch Andy (Murray) und Del Potro. Rafa, Roger und Novak sind die drei Besten, die je Tennis gespielt haben. Sie werden nicht ewig weitermachen.

Wer könnte der nächste neue Grand-Slam-Sieger sein?

Ich mag Thiems Spiel sehr. Und mir gefällt Kyrgios, er ist der talentierteste der Jungen. Sein Hauptproblem ist, sich voll dem Tennis hinzugeben.

Denken Sie, dass Zverev etwas den Anschluss verloren hat?

Nein, aber er geht durch schwierige Zeiten, und die hat jeder irgendwann. Er wird viele Jahre in den Top 10 stehen und auch Grand-Slam-Titel gewinnen. Da bin ich mir hundertprozentig sicher. Aber er braucht Zeit.

Momentan wird erwogen, auf der Männertour das Coaching zu erlauben oder dies zumindest zu testen, vielleicht beim US Open. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin gespalten. Tennis ist ein einzigartiger Sport, in dem man Probleme lösen muss. Wie im Schach. Das sollte bewahrt bleiben. Andererseits wird ohnehin gecoacht. Wir sollten eine Lösung finden, dass dies teilweise legalisiert wird.

Wie könnte diese aussehen?

Es sollte erlaubt sein, zum Spieler Dinge zu sagen wie: Bewege deine Füsse, come on, sei positiv, aggressiv. Das ist nicht Coaching, eher Stimulation. Aber ich bin einer der wenigen, die dagegen sind, dass die Coachs auf den Court kommen und mit den Spielern sprechen. Wir hatten in Wimbledon eine Sitzung unter Coachs. Von 20 waren 19 dafür.

Aus welchem Grund?

Viele Coachs denken, dass Tennis an Popularität verliert. Die Fanbasis wird älter, ist im Schnitt über 60. Einige sehen das On-Court-Coaching als einen Weg, den Sport attraktiver zu machen, auch für das Fernsehen, und eine jüngere Generation anzuziehen. Meine Philosophie als Coach war aber immer, zu versuchen, Spieler zu kreieren, die sich selber coachen und entscheiden können auf dem Platz. Und es gibt ein anderes Problem.

Nämlich?

Ab wann das Coaching auf dem Court erlaubt sein soll. Ab 10, 12 oder 14 Jahren? Oder erst auf der ATP- und WTA-Tour? Sicher nicht an kleinen Turnieren: Denn dort können sich viele Spieler gar keinen Coach leisten. Die Grand-Slam-Nationen könnten sich fünf Coachs leisten, andere Länder gar keine. Das ist nicht fair. Es gibt vieles, das noch geklärt werden muss. Möchten viele Coachs nicht einfach gerne auf den Court?

Natürlich, es geht auch ums Ego. Aber wenn ein Coach arbeitet, um im Rampenlicht zu stehen oder Geld zu verdienen, tut er es aus den falschen Gründen.

Erstellt: 02.07.2019, 21:45 Uhr

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