Es muss Liebe sein

Eine neue Federer-Biografie kreist den Menschen hinter dem Rekord-Spieler ein. Wieso sein Weg für ihn natürlich war. Ein Auszug.

Abgehoben: Als Roger Federer realisiert, dass er das Australian Open 2017 gewonnen hat. Foto: Rooney (Getty)

Abgehoben: Als Roger Federer realisiert, dass er das Australian Open 2017 gewonnen hat. Foto: Rooney (Getty)

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Als die Tenniselite Anfang September 2016 in Flushing Meadows im New Yorker Stadtteil Queens über die Courts hetzt, geht Roger Federer im Appenzellerland wandern. Via soziale ­Medien verbreitet er Fotos von sich vor malerischer Kulisse. Er posiert vor dem Seealpsee, begeht eine Tropfsteinhöhle, steigt hoch zum berühmten Berggasthaus Äscher, geniesst den Ausblick und rastet vor einer Holzhütte auf einer Bank, den Rucksack neben sich abgestellt. Bilder wie aus einer Kampagne für «Schweiz Tourismus».

An anderen Tagen geht ­Federer, der sich nach Wimbledon entschied, die Saison wegen seines lädierten linken Knies abzubrechen, mit den Kindern baden oder spielt mit ihnen eine Runde Minigolf. Als man ihn so sieht, auf Wanderschaft mit entspanntem Gesicht und Bartstoppeln, muss man sich ernsthaft sorgen, er genösse es so sehr, dass er nicht mehr auf die Profitour zurückkehrt. Der Stress der ständigen Reisen würde wegfallen, der Druck, vor Millionen von TV-Zuschauern Leistung zeigen zu müssen, die schweisstreibenden Trainings.

«Tennisjahre sind Hundejahre», sagte Boris Becker. Und Federer hat zu jenem Zeitpunkt mit über 1300 Profimatches schon deutlich mehr bestritten als der Deutsche (927) in seiner Karriere. Finanziell hat Federer ohnehin längst ausgesorgt, er hat unzählige Rekorde aufgestellt und niemandem mehr etwas zu beweisen, eine Frau und vier Kinder, die gerne Zeit mit ihm verbringen, und mit der eigenen Stiftung und der Managementagentur Team 8, an der er beteiligt ist, würde es ihm sicher nicht langweilig. Zudem sollte man auch realistisch sein: ­Federers letzter Grand-Slam-Titel – in Wimbledon 2012 – liegt da schon über vier Jahre zurück, und er wird auch nicht jünger. Die Signale seines Körpers sind deutlich. Aber trotz alldem: Er denkt mit 35 gar nicht ans Aufhören. Was nur einen Schluss zulässt: Es muss Liebe sein. Seine Liebe zum Tennis.

Dass sich nichts an seiner Liebe ändert, ist eine Hommage an diesen Sport.

Es ist einfach, diesen Sport zu lieben, wenn man die Konkurrenz in Grund und Boden spielt. Aber was, wenn man immer öfter verliert? Wenn man an seine Grenzen stösst, leidet und verzweifelt? Wenn Stimmen laut werden, es sei klüger, man würde den Schläger beiseitelegen? In seiner sportlich schwächsten Saison, seit er zur Weltelite zählt, reflektiert ­Federer bei den US Open 2013 seine Beziehung zum Tennis. ­Danach gefragt, wie gross sein Antrieb noch sei, antwortet er: «Natürlich macht es Spass, wenn du alles gewinnst. Aber das bedeutet nicht, dass du das Spiel liebst. Du magst es einfach, zu gewinnen, auf den Titelseiten der Zeitungen abgebildet zu sein, Pokale hochzustemmen, angenehme Pressekonferenzen zu erleben. Das ist nett. Aber das heisst nicht, dass du das Tennis wirklich liebst. Das scheint erst durch in jenen Zeiten, in denen du nicht so gut spielst. Ich weiss, egal, ob ich gewinne oder verliere, ob ich auf dem Trainingsplatz stehe oder in einer grossen Arena, wie sehr ich dieses Spiel liebe.» Dass sich daran nichts ändert, als er nicht mehr so oft gewinnt, ist eine Hommage an diesen Sport in seiner reinsten Form.

Vernarrt in die gelben Bälle

Wie vernarrt er nach all den Jahren noch ist in diese kleinen gelben Bälle, zeigt sich im Training. In diesen Momenten erkennt man noch mehr als in seinen Matches, wie verspielt er ist, wie er es geniesst, die Bälle liebevoll zu streicheln, mal nur ganz sanft aufzuschlagen, mal hoch, mal flach zu spielen, gefühlvoll, dann mit Gewalt, die Flugbahn der Bälle zu beobachten, verrückte Schläge zu probieren, spezielle Winkel zu suchen. (...)

John McEnroe schwärmt: «Ich habe noch nie jemanden erlebt, der so gerne Tennis spielt wie er. Wenn ich mir von ihm etwas wünschen könnte, dann seine ungetrübte Lebenslust. Er ist so ambitioniert und schafft es trotzdem, seine Niederlagen locker abzuschütteln.» In seiner zweiten Autobiografie («But Seriously»), die von seinem Leben nach der Karriere handelt, schreibt der Amerikaner, dass es ihm nahegehe, wie das Tennis Federer zu Tränen rühre: «Roger hat weiss Gott mehr geweint als jeder andere Topspieler. Es sind Tränen, die von Herzen kommen. Ihm bedeutet Tennis einfach so unglaublich viel. Ich weinte nie, wenn ich gewonnen hatte. Ich weinte bei anderen Gelegenheiten auf dem Court – und hatte meinen Kopf unter dem Handtuch verborgen, damit es keiner sah –, als meine erste Ehe zerbrach oder als ich so viel Stress hatte, dass ich kaum mehr Tennis spielen konnte. Aber ich weinte nie aus Erleichterung über einen Sieg. Ich denke, das ist der Grund, wieso Roger so speziell ist: Nach all diesen Jahren ist er immer noch unstillbar hungrig nach Titeln.»

Trotz aller ­Begehrlichkeiten schafft er es, die Work-Life-Balance im Lot zu halten.

Für Heinz Günthardt, der ­Federer seit 20 Jahren kennt, hat dieser die perfekte Mischung gefunden: «Was mich immer beeindruckt hat, ist sein unglaublicher Ehrgeiz, den es ja braucht, um die nötige Disziplin zu haben. Und gleichzeitig die Lockerheit, die er an den Tag legt. Wie er mit Druck umgeht. Wenn man Rafael Nadal anschaut: Der ist ständig mit sich am Kämpfen. Novak Djokovic auch. Sie brauchen viel mehr Energie, um ihre Leistung zu bringen. Und damit meine ich weniger die Energie, die sie auf dem Platz verbrauchen, sondern jene daneben. Sie haben viel mehr Mühe abzuschalten als er. Bei ihm hat man das Gefühl, er tue genau das, was er gerne macht. Ihn hört man nie lamentieren, es sei ihm zu viel.» Ob man eine solche Denkweise jungen Spielern vermitteln könne? Günthardt zuckt mit den Schultern. «Ich weiss nicht, wie man das tun sollte. Ich glaube, das ist sein Charakter. Mit Training kann man schon viel bewirken. Aber er ist einfach geboren zum Tennisspielen.»

Nur die Spitze des Eisbergs

Doch die Momente im Scheinwerferlicht sind nur die Spitze des Eisbergs. Um dorthin zu kommen, sind unzählige Stunden der Vorbereitung und viele Opfer nötig. Nach jedem Spiel muss man sich kritischen Fragen aussetzen – ob man will oder nicht. Wenn man eine kapitale Vorhand verschlagen hat, kann einen das Wochen, ja Monate verfolgen. Und nur wenige Sportler umrunden den Globus so oft wie die Tenniscracks. Dieses Leben laugt aus, körperlich wie mental. (...)

Dass seine Liebe fürs Tennis nicht erkaltet, hat auch mit seiner umsichtigen Planung zu tun. Und wenn er weg ist von der Tour, schaltet er komplett ab. Dann kann er den Schläger tagelang aus der Hand legen und nur am Strand liegen. Trotz aller ­Begehrlichkeiten schafft er es, seine Work-Life-Balance im Lot zu halten. Vor seiner fünfmonatigen Turnierpause im Juli 2016 gibt es aber Anzeichen, dass er langsam die Freude verliert. ­Weniger auf dem Court als an den Begleiterscheinungen dieses Lebens. Auf Pressekonferenzen merkt man, dass er keine Lust mehr hat, die immer gleichen Fragen zu beantworten. Er wirkt zuweilen mürrisch – was für ihn höchst ungewöhnlich ist. Aus diesem Grund ist es nicht nur für sein lädiertes Knie, sondern auch für seinen Kopf gut, dass er sich nach so vielen Jahren in der ­Mühle des globalen Tenniszirkus eine längere Pause gönnt, um nochmals Energie und Motivation zu schöpfen.

Als er im Januar 2017 auf die Tour zurückkehrt, wirken sein Geist und sein Körper erfrischt wie nach einem ausgedehnten Wellnessurlaub. Er gewinnt in Melbourne seinen 18. Grand-Slam-Titel, es folgen wenig später der 19. und der 20. Die Pause war für ihn ein Jungbrunnen. Und seine Reise durch die Centre Courts der Welt geht auch 2019 weiter. Wandern in der idyllischen Schweizer Berglandschaft kann er noch lange. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.10.2018, 22:51 Uhr

Simon Graf: Roger Federer. Weltsportler, Ballverliebter, Wohltäter. 160 Seiten, ca. 12.50 Franken. Erhältlich im Buch­handel oder bei: kurz-und-buendig-verlag.com.

Biografien für Schnellleser

Der junge Schweizer Verlag kurz&bündig stellt in seiner Porträtreihe zeitgenössische Persönlichkeiten im Taschenbuchformat vor. Simon Graf, der seit 20 Jahren für Tamedia über Roger Federer schreibt, porträtiert ihn in 15 Essays. Erschienen sind in diesem Verlag unter anderem die Biografien über den Schriftsteller Pedro Lenz, den Komiker Jürgen von der Lippe, den Komponisten Mikis Theodorakis oder die TV-Moderatorin Inka Bause.

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