Coach: «Es wäre mutig, gegen Roger zu wetten»

Coach Severin Lüthi vertraut im Wimbledon-Final gegen Marin Cilic auf Roger Federers Variantenreichtum.

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Teilen Sie den Eindruck, dass Federer in Wimbledon extrem ruhig und fokussiert ist?

Er war schon immer relativ ruhig, während viele andere Spieler ­dauernd gestresst sind. Und inzwischen hat sich dies noch verstärkt. Letztes Jahr hatte er viel Zeit, da konnte er seine Karriere von aussen betrachten. Das hat ihm wohl auch geholfen. Mit dem Alter, der ­Erfahrung, dem Erfolg und auch dank dem starken Comeback kann er noch besser mit Druck ­umgehen. Mit 35 noch ein Grand-Slam-­Turnier zu gewinnen, wirkt aber auch befreiend.

Wie erleben Sie ihn im Vergleich zum Sieg in Australien, wo er anders als hier noch ein unbelasteter Aussenseiter war?

Das ist sicher ein wichtiger Aspekt. Aber auch die Situation hier kann man positiv sehen. Sampras sagte einst, jedes Jahr mit einem Grand-Slam-Titel sei ein gutes Jahr. Und wenn es gut läuft, willst du profitieren und noch mehr daraus ­machen. Er wird auf jeden Fall ­alles geben im Final, aber Druck ist schon da. ­Allerdings für beide.

Druck machte er sich auch selber, indem er sagte, er sei hier, um seinen 8. Titel zu holen.

Wenn er das sagt, kann er damit auch umgehen. Für ihn ist es in dieser Phase der Karriere wichtig, dass er sich Ziele herauspickt. Es gab viele Jahre, in denen er alle ­Ziele gleichzeitig verfolgen konnte: Paris, Wimbledon, Halle, ­Basel, die Nummer 1 ... Ich sage nicht, dass dies jetzt nicht mehr möglich sei, aber es würde jetzt keinen Sinn machen. Deshalb liess er die Sandsaison aus – weil Wimbledon und das US Open für ihn die Höhepunkte sind.

Federer hat viel mehr Leute um sich als die meisten anderen Spieler – mit seiner grossen Familie, den Eltern, dem Team. Lenkt ihn das nicht ab?

Überhaupt nicht. Persönlich hätte ich an seiner Stelle auch lieber weniger Leute um mich, aber für ihn ist das keine Belastung. Im Gegenteil: Er ist froh, dass seine Familie dabei ist, das macht ihm Spass, ist für ihn ein Ausgleich und hilft ihm, sein Gleichgewicht zu finden.

Wird er den Final gewinnen?

Er wird hundertprozentig da und fit sein, das ist klar. Er hat bisher ein Superturnier gespielt, keinen Satz abgegeben. Das ist positiv. Aber ein Final ist stets speziell. Dass die Öffentlichkeit interessiert, wie die Chancen stehen, begreife ich. Aber teamintern betrachten wir das Endspiel aus einer anderen Perspektive. Wir wissen, dass die letzten ­Duelle gegen Cilic höchst umstritten waren, dass er ihm am US Open 2014 sogar in drei Sätzen unterlag. Wer im Final steht, ist ohnehin gefährlich. Aber ja: Wir sind zuversichtlich, das ist klar. Gegen Roger zu wetten, wäre sicher mutig. Nun geht es ­darum, dass er sein bestes Tennis spielt oder sogar über sich hinaus­wachsen kann.

Wir beurteilen Sie seine ­Entwicklung an diesem Turnier? Im Halbfinal gegen Berdych war er nicht zufrieden mit sich.

Das war auch ein ganz anderer Match als der Viertelfinal gegen Raonic, in dem er vielleicht noch etwas besser spielte. Auf dem Weg zu einem Grand-Slam-Titel gibt es immer Partien, die nicht optimal laufen. Im Normalfall verliert man auch einen Satz oder zwei. Letztlich spielte er aber auch gegen ­Berdych gut, sonst hätte er ihn nicht im Halbfinal in drei Sätzen geschlagen. Du kannst nicht ­immer eine Gala abliefern.

Wie wichtig wird es sein, dass er gegen Cilic seine Rückhand richtig einsetzt?

Sehen Sie: Auch darum gebe ich nur wenige Interviews. Weil ich nicht über die Taktik sprechen will, da der Gegner das ausnützen könnte. Ich habe auch schon oft von Interviews anderer Coachs profitiert. Deshalb umschiffe ich dieses Thema. Auch wenn die Leute dann denken, ich hätte keine Ahnung.

Wie sieht Federers Final­­­vor­bereitung konkret aus?

Wir analysieren frühere Partien, schauen viele Videosequenzen an und finden heraus, was dem Gegner nicht liegt. Manchmal analysieren wir auch sehr alte Partien. Cilic liegt gegen Federer 1:6 zurück, also muss er reagieren. Er wird sich vielleicht etwas Neues einfallen lassen. Genial bei Roger ist, dass er alle Möglichkeiten hat, ­alles machen kann. Er hat es auf seinem Schläger. Die genaue ­Taktik besprechen wir dann am Abend zu dritt.

Also mit Ivan Ljubicic, seinem anderen Coach. Mit dem ­Kroaten hat er diese Woche so oft trainiert wie noch nie. Gibt es dafür Gründe?

Schon vor zwei Jahren, als er noch nicht sein Coach war, trainierte er hier oft mit ihm. Das ist am einfachsten, denn Ivan spielt gut, serviert gut, er kann dir zehn Bälle in Folge innerhalb eines gewissen ­Radius zuspielen. Und das sind ja nicht verrückte Trainings hier. Da geht es darum, einige Bälle zu schlagen, sich zu bewegen, den Puls hochzubringen. Natürlich könnte er einen anderen Sparringpartner suchen. Aber dann erwischst du vielleicht einen Jungen, der nervös ist oder extrem auf den Ball schlägt. Bei Ljubicic weiss er, was ihn erwartet. Da erlebt er ­keine Überraschungen.

Man hat den Eindruck, dass der Rummel um Federer immer noch grösser wird. Sehen Sie das auch so? Und wie gelingt es ihm, ihn so gut zu bewältigen?

Es ist schon extremer als vor zehn Jahren. Den Leuten wird langsam bewusst, dass er eines ­Tages nicht mehr da sein wird. Er merkt das schon, aber er ist extrem gut darin, sich abzuschotten, ­weder links noch rechts zu schauen. Wenn er Interviews gibt, gibt er Interviews, wenn er spielt, spielt er, wenn er liest, liest er. Das kommt bei ihm ganz automatisch.

Er lebt ganz im Moment?

Genau. Das ist auch eine Art Schutz: Es hilft dir, nicht zu viel an andere Dinge zu denken. Tust du das, könntest du irgendwann wahnsinnig werden. Gerade für einen Tennisspieler ist es wichtig, die Dinge möglichst einfach zu halten. Du willst ja nur einen Match gewinnen. Damit hat es sich.

Ist schon klar, wie es im Sommer weitergeht? Spielt er in Toronto und Cincinnati?

Das müssen wir noch diskutieren. Eines dieser Turniere muss er sicher spielen vor dem US Open. Ob es zwei sein werden, lassen wir noch offen. Im Tennis muss man immer wieder Anpassungen machen. Schauen wir, wie er sich nach Wimbledon fühlt.

2017 – ein Federer-Jahr

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.07.2017, 22:43 Uhr

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