Federer braucht Freude und Frische

Der achtfache Champion ist in Wimbledon gescheitert, weil sich bei ihm Routinen eingeschlichen haben, die seinem Spiel schaden.

Federer schaffte es im Spiel gegen Kevin Anderson nicht, den Schalter umzulegen.

Federer schaffte es im Spiel gegen Kevin Anderson nicht, den Schalter umzulegen. Bild: Ben Curtis/Keystone

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Als die Hoffnung auf ein Wimbledon-Rematch zwischen Roger Federer und Rafael Nadal langsam Form annahm, zehn Jahre nach ihrem inzwischen verfilmten Klassiker, wurde sie jäh zerstört. Und für einmal war Federer der Schuldige. Im All England Club mischte sich am Mittwochabend die Verblüffung über sein Aus mit der Bewunderung für Nadal, der sich gegen Juan Martin Del Potro nach 1:2 Sätzen heroisch zurückgekämpft und in 4:48 Stunden gesiegt hatte.

Die Auftritte der beiden Rivalen hätten anders kaum sein können, nicht nur punkto Spielverlauf. Nadal nahm den Kampf an, blühte so richtig auf – er spielte, um zu gewinnen. Federer wirkte ratlos und passiv, als es Kevin Anderson gelang, ihn zu bedrängen. Man hatte nicht das Gefühl, dass er Freude hatte auf dem Court – er spielte, um nicht zu verlieren. Doch Anderson machte ihm diesen Gefallen nicht.

Federer schaffte es nicht, den Schalter umzulegen, nachdem er in seinen ersten vier Matches kaum getestet worden war. Als er gefordert wurde, verkrampfte er sich. Anstatt seine überlegenen spielerischen Mittel einzusetzen, seinen Gegner mit Netzangriffen, Stoppbällen, Winkelspiel und verschiedenen Tempi aus der Komfortzone zu manövrieren, liess er sich mit ihm auf ein Wetteifern ein, wer härter auf den Ball schlagen konnte. Und da hatte der 2,03-Meter-Hüne logischerweise Vorteile. Federer war wie ein Kunstmaler, der beim Malen eines bunten Landschaftsbilds nur zwei, drei Farben seiner breiten Palette verwendet.

Er hat alles, um wieder sein bestes Tennis zu spielen. Es ist eine Frage der Herangehensweise.

Vielleicht hemmte ihn der Erwartungsdruck, der sich durch seinen erneuten Verzicht auf die Sandsaison verstärkt hatte. 2017 war Federer trotz seiner fantastischen Erfolge im ersten halben Jahr immer noch der Mann, der nach einer langen Pause zurückgekehrt war – auch in Wimbledon. Diesmal reiste er als Titelverteidiger an, und nachdem Nadal in Paris seinen Job erledigt hatte, erwarteten alle, dass er in seinem Reich siegen würde. Er hatte mehr zu verlieren als zu gewinnen, und das war ihm gegen Anderson je länger, desto mehr anzumerken.

Waren die Saisons 2017 und 2018 für ihn lange fast parallel verlaufen, mit dem glänzenden Auftakt in Melbourne, so klaffen sie nun auseinander. Bis und mit Wimbledon hatte Federer vergangenes Jahr 6545 Punkte geholt, nun sind es 3660, lediglich etwas mehr als die Hälfte. Woher kommt dieser grosse Unterschied? War er im vergangenen Jahr mit neuer Frische und Freude auf die Tour zurückgekehrt, die sich in einer extrem angriffigen Spielweise manifestierten, so haben sich bei ihm nun wieder Muster eingeschlichen, die seinem Spiel abträglich sind. Beispielsweise spielte er in Wimbledon nur noch halb so oft Aufschlag-Volley wie letztes Jahr – weil es lange nicht nötig war.

Zu viel Routine schadet Federers Spiel

Doch weil er sein variantenreiches, angriffiges Spiel zu wenig pflegte, konnte er es dann auch nicht hervorholen, als es nötig war. Federer sagte nach dem Anderson-Match etwas Interessantes: «Ich konnte ihn nicht mehr überraschen. Das war ein schlechtes Gefühl.» Vielleicht sollten sich er und seine Coachs dieser Tage nochmals seine Auftritte gegen Nadal in den Endspielen 2017 in Melbourne und Miami anschauen und sich daran orientieren. Zu viel Routine schadet Federers Spiel, das so sehr von der Kreativität und den Überraschungsmomenten lebt.

Die gute Nachricht ist: Federer hat alles, um bald wieder sein bestes Tennis zu spielen, in der Hartplatzsaison in Nordamerika. Es ist primär eine Frage der Herangehensweise. Er muss die Frische und Freude seiner Comeback-Saison wiederentdecken. Und ein grosses Rendez-vous könnten er und Nadal den Tennisfans in diesem Jahr ja noch bescheren: die Premiere eines gemeinsamen US-Open-Finals. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2018, 23:08 Uhr

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