Federer durchbricht die Mauer

Mit seinem Final-Einzug beweist der 35-Jährige, dass er vieles richtig machte. Doch bei den Ü-30 steht er eher schlecht da. Kann er das ändern?

So spektakulär kann Tennis sein: Federer und Wawrinka boten Höchstspannung über fünf Sätze.
Video: Tamedia-Webvideo/Reuters/SRF

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Und dann sass Roger Federer – es war schon Mitternacht – an diesem Australia Day im Interviewraum, als Halbfinal­sieger. Als ältester Grand-Slam-Finalist seit dem kleinen Australier Ken Rosewall, den er bewundert, der ihm auch dieses Jahr einen Glückwunschbrief schrieb und der 1974 als fast 40-Jähriger noch im Endspiel des US Open gestanden war. «Es ist ein grossartiges Gefühl, im gleichen Atemzug wie er genannt zu werden», sagte er. «Ich bewundere diese australischen Legenden.»

Federer ist mit seinen 35½ Jahren und seinen Erfolgen auch selber eine (wenn auch noch aktive) Legende. In Melbourne zeigt er nun, was für ihn noch möglich ist, wenn er fit und gut vorbereitet ist – nämlich alles. Doch er relativierte seinen Alterserfolg: Da viele schon früher zurückgetreten seien, ­hätten sie auch Rosewalls Rekorde gar nicht erreichen können.

Federer zeigt, was für ihn noch möglich ist, wenn er fit und gut vorbereitet ist: alles.

Tatsache ist aber auch, dass Federer angesichts seiner Spielstärke bei den Über-30-Jährigen noch eher schlecht ­dasteht. Er ist zwar einer von einem ­Dutzend, die in der Profiära in diesem Alter mindestens einen Majortitel holten (Wimbledon 2012) – aber eben erst einen. Wawrinka gewann jenseits der 30 zwei Majors, wie Jimmy Connors und Andre Agassi. Rod Laver und Rosewall brachten es sogar auf vier.

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«Das Ziel meiner Arbeit mit Pierre ­Paganini war immer auf eine lange ­Karriere ausgerichtet», sagte Federer. Dieser Vorstoss in seinen 28. Grand-Slam-Final – er hat den eigenen Rekord verbessert – sei deshalb auch die ­«Bestätigung für alles, was ich in den vergangenen zwölf Jahren gemacht habe». Dabei sei egal, ob er am Sonntag den Titel gewinne oder nicht. Allein in Melbourne am Start zu sein, sei ja für ihn schon ein Erfolg gewesen.

Der gefeierte Rückkehrer hat mit ­Tomas Berdych, Kei Nishikori und ­Wawrinka schon drei Top-10-Spieler aus dem Turnier geworfen. Er hat auch erst zum zweiten Mal an einem Grand Slam zwei Fünfsätzer gewonnen (gegen Nishikori und Wawrinka). Dies war ihm zuvor erst 2009 gelungen, als er auf dem Weg zum French-Open-Titel Del Potro und Haas über die volle Distanz schlug. Und nun dürfte die Chance gross sein, dass er doch noch einen 18. Grand-Slam-Titel holt, in seinem 69. Anlauf an diesen ­Turnieren, womit er in der Profiära nur noch von Fabrice Santoro (70) über­troffen wird.

3 Stunden beste Unterhaltung

Beim 7:5, 6:3, 1:6, 4:6, 6:3 gegen Wawrinka wurde aber klar, dass auch er in Melbourne inzwischen körperlich etwas angeschlagen ist. Er leidet an Schmerzen in den linken Adduktoren, weshalb er sich nach vier Sätzen eine seiner sehr seltenen Verletzungspausen leistete und in die Garderobe entschwand. Das Gleiche hatte nach dem zweiten Satz der Lausanner getan – nicht nur wegen seines rechten Beines, das ihn schon länger behindert, sondern auch weil er so enttäuscht war, dass ihn die Tränen übermannten.

Bei den Über-30-Jährigen steht er eher schlecht da. Mehrere holten in diesem Alter mehr Majortitel.

Bis Federer im 22. Duell mit seinem Davis-Cup-Kollegen den 19. Sieg errungen und auch den 14. Vergleich auf Hartplatz gewonnen hatte, vergingen 3:05 Stunden, die beste Unterhaltung, Spannung und zwei Umschwünge brachten. Federer schien die Partie nach zwei Sätzen unter Kontrolle zu haben, ehe seine Magie schwand. Den dritten Satz verlor er in zwanzig Minuten. «Die Mauer, die ich schon lange befürchtet habe, ist gekommen», habe er da gedacht. Während er abbaute, wurde Wawrinka stärker und kam als Erster zu zwei Breakchancen im Entscheidungssatz. Doch Federer war nun wieder voll da, kam dank einem Doppelfehler zum 4:2 und zog davon, in den Final.

Coach Lüthis frühe Prognose

«Beide waren anfänglich etwas angespannt, nach dem zweiten Satz dachte ich, Roger hätte das Spiel in der Hand», sagte Davis-Cup-Captain und Federer-Coach Severin Lüthi. «Dann spielte Stan so, wie wenn er nichts mehr zu verlieren hätte, und es entwickelte sich ein anderer Match. Im fünften Satz hätte die Partie auf beide Seiten kippen können.» ­Federer habe ihn schon so oft überrascht, dass auch dieser Erfolg nicht gänzlich unerwartet komme, sagte der Berner. «Im Dezember habe ich ihm in Dubai ­gesagt: Du hast so gut trainiert, du könntest das Australian Open gewinnen.» Aber es sei schon unglaublich: «Wer hätte jetzt nach dem letzten French Open gedacht, was mit Djokovic passieren würde. Und wie oft wurde Nadal schon abgeschrieben, jetzt ist er hier im Halbfinal. Man muss solchen Champions einfach immer Respekt zollen.»

Federer gewinnt den Schweizer-Krimi. Video: Tamedia Webvideo (Mit Material von Reuters und SRF)

Der Finalgegner wird am heutigen Freitag (ab 9.30 Uhr) ermittelt, wobei Nadal gegen den diese Saison noch ungeschlagenen Grigor Dimitrov favorisiert ist. Der Mallorquiner gewann 7 der 8 Duelle mit dem Bulgaren. Während Federer gegen Dimitrov 5:0 führt, liegt er gegen Nadal 11:23 zurück.

Dank des Finaleinzugs stösst der ­Baselbieter auf Rang 14 vor, mit einem ­Titelgewinn würde er wieder zu den Top 10 gehören. Schon jetzt ist er der am schlechtesten klassierte Australian-Open-Finalist seit 2008 (Tsonga). Gegen Wawrinka besserte er seine Fünfsatz­bilanz auf 26:20 auf, womit er nun auch in dieser Sparte vor dem Waadtländer (25:20) erscheint. Er steht zum sechsten Mal im ­Final von Melbourne, wo er seit seinem vierten und letzten Titel (2010) fünf Halbfinals verlor. ­

Ältester Sieger kann er aber nicht werden – oder besser: noch nicht. Rosewall hatte auch hier mit 37 Jahren noch triumphiert. (Mitarbeit mk.)

Erstellt: 27.01.2017, 06:22 Uhr

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