Federer macht sicher nicht über die Hintertür von Court 1 Schluss

Wer denkt, diese Wimbledon-Niederlage war für Federer eine zu viel, der irrt.

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Das habe er nicht kommen sehen, sagte Roger Federer, und wie ihm ging es vielen: Vorgesehen war, dass er in Wimbledon seinen goldenen Karriereherbst weiter veredeln würde, mit dem 9. Gewinn des Challenge Cup, es wäre seine 21. Grand-Slam-Trophäe gewesen. Der Viertelfinal gegen Kevin Anderson aber lehrte wieder einmal, wie klein der Unterschied zwischen einem scheinbar pro­blemlosen Sieg und einer erschütternden Niederlage sein kann.

Tatsächlich fehlte Federer nur ein Punkt, und die Partie wäre nach 1:57 Stunden beendet ge­wesen. Doch Anderson wehrte den Matchball souverän ab und kam 2:17 Stunden später zu seinem grössten Sieg, einem 2:6, 6:7, 7:5, 6:4, 13:11. Viel vorzuwerfen hat sich Federer nach diesem böigen Tag dennoch nicht. Er traf mit dem US-Open-Finalisten des vergangenen Jahres auf einen vor Selbstvertrauen strotzenden Spieler, der zwar im ersten Satz chancenlos, danach aber zuerst ebenbürtig und nach dem abgewehrten Matchball überlegen war. Im Gegensatz zu Federer, der zwar eine ansprechende bis gute Leistung zeigte, erlebte der Südafrikaner einen Gnadentag.

Kaum vermeidbar

Niederlagen wie die gestrige lassen sich in einer Karriere wie jener Federers, die sich schon über zwanzig Jahre erstreckt, im höchst umkämpften Profitennis nicht vermeiden, gerade auf Rasen. Schon viermal zuvor hatte er Partien trotz 2:0-Satzführung noch verloren, 2011 sogar zweimal, in Wimbledon gegen Tsonga und in New York gegen Djokovic. Ebenfalls viermal war er an Grand-Slam-Turnieren schon gescheitert, nachdem er selber zu mindestens einem Matchball gekommen war.

Ironischerweise wurden ihm gegen Anderson die Eigenheiten dieses schnellen Belags, als dessen Meister er gilt, für einmal selber zum Verhängnis. Der in Flo­rida lebende Anderson brachte seine Servicegames dank zu­nehmend noch besserer Aufschläge und 28 Assen ab dem dritten Satz fast problemlos durch und konnte als Rückschläger entsprechend viel Risiko eingehen. Zwar hatte er am Ende weniger Punkte gewonnen (190:195) – aber dafür die wichtigsten. Bezeichnend für Federer war, dass er sich für einmal sogar von einem hoch über die Anlage düsenden Jet ablenken liess und mit dem zweiten Aufschlag wartete, bis der Lärm abgeklungen war. Er schlug ihn zu lange, was nach über vier Stunden seinen ersten und einzigen Doppelfehler bedeutete. Momente später war er zum 11:12 gebreakt worden, und kurz darauf war der Traum vom 9. Wimbledon-Sieg ausgeträumt – oder besser: vertagt.

Für Federer, der seine letzten sechs Fünfsatzpartien alle gewann, markiert die Niederlage am für ihn wichtigsten Turnier eine Zäsur – aber eine, mit der er leben kann. Die Nummer 1 ist für ihn vorläufig kein Thema mehr, doch die Weltrangliste hat für ihn längst keine hohe Priorität mehr. Seine Form stimmt, seine Chancen auf weitere grosse Titel sind intakt. Noch in der Stunde der Niederlage bekräftigte er seinen Willen, 2019 wieder hier anzu­treten. Federer wird seine Wim­bledon-Karriere nicht nach ei­nem Viertelfinal mit dem Abgang durch die Hintertür von Court 1 beenden.

Anderson fast wie Wawrinka

Andersons Weg erinnert an Stan Wawrinka: Wie der Romand musste auch er lange reifen, bis er sich seiner grossen Möglichkeiten bewusst wurde und auch innerlich zum Champion mutierte. Auffallend ist, dass es mit dem ­32-Jährigen wieder ein Spieler der Über-30-Generation ist, der in Wimbledon einen Favoriten überrumpeln konnte. Dass die Jüngeren noch immer nicht so weit sind, aktive Legenden wie Federer oder Nadal abzulösen, überrascht zumindest Anderson nicht. Das schwierigste an dieser Aufgabe sei es gewesen, selber ­daran zu glauben und sich eine Chance zu geben, den Coup zu schaffen, sagte er. Früher hätte er nach dem ersten Satz resigniert.

So verrückt kann Tennis sein: Nachdem er zehn Sätze hinter­einander gegen Federer verloren hatte, gewann er am gleichen Tag drei in Folge. Und darf jetzt sogar davon träumen, erster südafri­kanischer Wimbledon-Sieger zu werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2018, 10:26 Uhr

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