Federer opfert Sandsaison höheren Zielen

Weshalb es klug ist, dass der Weltranglistenerste nach Miami drei Monate pausiert.

Missglückter Auftritt: Roger Federer wird von einem Nobody aus dem Turnier geworfen. (Video: Tamedia/AP)

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Das Profitennis ist eine schnelllebige Szene. Eben noch wurde Roger Federer für den mit 17 Siegen besten Start in ein Jahr gefeiert. Zwei denkbar knappe Niederlagen im Tiebreak dritter Sätze in Folge haben genügt, um seiner Saison einen bitteren Beigeschmack zu verleihen und ihn von Rang 1 zu stürzen.

Die drei vergebenen Matchbälle im Final von Indian Wells gegen Juan Martin Del Potro waren eine Panne, wie sie ihm vielleicht einmal pro Jahr unterläuft. Doch wie Siege Siege nach sich ziehen, können auch Niederlagen weitere Niederlagen auslösen. Mit einem Titel in Indian Wells im Rücken wäre Federer in Miami kaum derart verunsichert angetreten gegen den am Ende stärkeren Australier Thanasi Kokkinakis (ATP 175), gegen den er dennoch zwei Punkte mehr gewann.

Die dritte Negativmeldung für seine Anhängerschaft innert sechs Tagen liess Federer unmittelbar danach folgen, als er seinen Entscheid bekannt gab, auf die gesamte Sandsaison zu verzichten. Dieser sei nach einem Gespräch mit der Mannschaft vergangene Woche rasch gefallen: «Wir hatten das Gefühl, dass es besser ist, den Körper zu schonen. Und dass es einfacher wäre, nur auf zwei Belägen zu spielen und nicht noch einen Wechsel auf Sand zu machen.» Immerhin wolle er «noch möglichst lange spielen», und da sei Sand keine gute Lösung.

Eigener Status, eigene Gesetze

Das bedeutet: Er wird nun elf Wochen aus der Tennistour verschwinden, bis zum Rasenturnier in Stuttgart Mitte Juni. Er wird Ferien machen, trainieren und für seine Stiftung nach Afrika reisen. Sein Fehlen ist für die grossen Sandturniere wie Madrid, Rom und Roland Garros ein harter Schlag, umso mehr, als auch andere Stars der Szene zurzeit ausfallen oder angeschlagen sind wie Nadal, Wawrinka, Murray oder Djokovic. Letztes Jahr hatte Federer den Entscheid, auf Paris zu verzichten, bis zuletzt vor sich hergeschoben, nun gewährt er seinen Fans nicht einmal mehr die Hoffnung, ihn doch noch irgendwo sehen zu können.


Federers Highlight zum Saisonstart

In Melbourne holte der Schweizer seinen 20. Grand-Slam-Titel.


Sein Verzicht mag erstaunen angesichts des guten Saisonstarts mit Siegen in Melbourne und Rotterdam und dem Final in Indian Wells sowie seiner guten körperlichen Form. Doch er macht Sinn. Der 20-fache Grand-Slam-Sieger bewegt sich mit bald 37 Jahren in eigenen, unbekannten Sphären, in denen besondere Gesetze gelten und harte Entscheide nötig sind. Er hat vier Kinder und eine Stiftung, leidet immer wieder an Rückenproblemen, gewinnt immer noch Majorturniere und ist noch eine Woche sogar die Nummer 1.

Dass er so weit gekommen ist, fusst auch auf einer weitsichtigen und konsequenten Planung. Zweifellos würde ihn gerade ein Start in Roland Garros reizen. Doch damit würde er vielleicht seine grösseren Ziele kompromittieren. Die da sind: Noch möglichst lange möglichst gut zu spielen und grosse Turniere zu gewinnen – allen voran Wimbledon.

Chancen bleiben

Für die Spätphase seiner Karriere hat sich Federer das Privileg verdient, nur noch auf sich schauen zu müssen. Dass er noch immer – oder wieder – die wichtigste Figur seines Sports ist, darf ihn nicht dazu verleiten, falsche Prioritäten zu setzen. Dabei hilft ihm, dass er auf ein weitsichtiges, schlaues und homogenes Beraterteam zählen kann.

Federer plant denn auch mit einem intensiven Trainingsblock, damit er die Rasen- und Hartplatzsaison in idealer Verfassung bestreiten kann. In dieser war er zuletzt in Miami und Indian Wells nicht mehr, wie er selber zugibt. Dabei schien es, dass ihm letztlich auch der entscheidende Fokus aufs Spiel fehlte. Als aktuelle Lichtfigur der Turniere ist der Rummel um ihn gross, Ablenkungen lauern von allen Seiten, und auch der Abstecher nach Chicago zur Laver-Cup-Werbetour am vergangenen Montag dürfte Energien gekostet haben.

Die Chancen, dass er noch einmal in Wimbledon oder sogar am US Open, wo sein letzter Triumph zehn Jahre zurückliegt, nach dem Siegerpokal greifen kann, sind aber auch deutlich grösser als jene auf einen zweiten Triumph in Roland Garros – ob mit oder ohne Nadal. Und auch sonst bleibt für ihn noch viel Tennis zu spielen – an Turnieren, die ihm am Herzen liegen, wie Cincinnati, der Laver Cup in Chicago, Shanghai, die Swiss Indoors oder das ATP-Finale in London.

Verschmerz- und vernachlässigbar ist, dass er in acht Tagen die Nummer 1 an Nadal abgeben muss. Zumal die Chance gross ist, dass sein Name trotzdem nach Paris wieder zuoberst steht – weil Nadal, der nach Miami 100 Punkte Vorsprung auf ihn hat, in der Sandsaison 4680 ATP-Punkte ersetzen muss. Und damit 4680 mehr als er.

Erstellt: 26.03.2018, 07:32 Uhr

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