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Federer-Gegner: Giftiger Backhand-Slice, platzierter Aufschlag

Der «falsche» Zverev fordert Roger Federer. Der Deutsche bewies Nervenstärke gegen Murray.

362-mal war er in vier Runden am Netz. Ein Wert, den andere Spieler in einem Kalenderjahr nicht erreichen. Foto: Paul Zimmer (foto-net)
362-mal war er in vier Runden am Netz. Ein Wert, den andere Spieler in einem Kalenderjahr nicht erreichen. Foto: Paul Zimmer (foto-net)

Es war die längste Minute seiner Karriere. Mischa Zverev sass auf dem Stuhl und hatte alle Musse, nervös zu werden. 5:4 führte er im vierten Satz gegen die Nummer 1, nach dem «Time» des Stuhlschiedsrichters würde er auf­stehen und gegen Andy Murray zum Sieg servieren. Gegen den Schotten, der seit einem halben Jahr die Tenniswelt dominiert, der ihm 49 Rankingplätze, 44 Turniertitel und 171 Siege bei Grand-Slam-Turnieren voraus ist. Und auch punkto Lebenserfahrung Vorteile hat, er ist drei Monate älter.

«Ich habe schon gedacht, dass ich einige leichte Fehler machen werde, aber ich war wie in einem kleinen Koma», sagte Zverev nach dem Match. Verständlich wäre ein gewisses Mass an Nervosität durchaus gewesen, denn wenn an den Major-Turnieren die wichtigen Partien ausgetragen werden, hatte er seinen Preisgeldscheck bisher stets schon abgeholt. Bei 17 Anläufen hatte er sich 13-mal nach der Startrunde verabschiedet. Zverev aber bewies Nervenstärke und servierte wie ein ganz Grosser zum Triumph.

Niederlage in vier Sätzen: Andy Murray verpasst in Melbourne die Runde der letzten Acht.
Niederlage in vier Sätzen: Andy Murray verpasst in Melbourne die Runde der letzten Acht.
Dean Lewins, Keystone
Geschlagen wurde der Weltranglistenerste vom Deutschen Mischa Zverev.
Geschlagen wurde der Weltranglistenerste vom Deutschen Mischa Zverev.
Aaron Favila, Keystone
Andy Murray verlässt die Tennisbühne in Melbourne. Auf Zverev wartet in der nächsten Runde der Sieger der Partie zwischen Roger Federer und Kei Nishikori.
Andy Murray verlässt die Tennisbühne in Melbourne. Auf Zverev wartet in der nächsten Runde der Sieger der Partie zwischen Roger Federer und Kei Nishikori.
Dita Alangkara, Keystone
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Das Siegerinterview wurde auf Höhe der Servicelinie geführt. Kein Ort wäre passender gewesen. 118-mal war er in vier Sätzen ans Netz vorgerückt. «Ich musste so spielen, ich hatte keinen Plan B», sagte er später. Plan A lebte er schon zum vierten Mal bis zum Exzess aus, 362-mal war er in den vier Runden am Netz. Ein Wert, den andere Spieler in einem Kalenderjahr nicht erreichen.

Nostalgische Spielweise

Seine Spielweise wirkt wie eine Hommage an die Zeiten der Schwarzweissbilder. Der Linkshänder serviert nicht übertrieben hart, dafür umso platzierter, setzt dann auf einen kontrollierten ersten Volley und ein gutes Positionsspiel am Netz. An der Grundlinie hält er sich nur ungern auf, mit seinem giftigen Backhand-Slice setzt er aber auch da einen für die Gegner unangenehmen Kontrapunkt. Brachiale Drescherei, wie sie heute gar oft gepredigt und praktiziert wird, sucht man bei ihm vergeblich.

Andy Murray ist raus: Der Weltranglistenerste unterliegt im Achtelfinal des Australian Open überraschend dem Deutschen Mischa Zverev. Video: Tamedia Webvideo (Reuters)

Einen Vertreter dieser neuen Generation hat Zverev im eigenen Haus. ­Bruder Alexander, zehn Jahre jünger, sieben Zentimeter grösser und 26 Positionen besser klassiert, hatte einen Tag zuvor Rafael Nadal über fünf Sätze gefordert und gilt als zukünftige Nummer 1. Mischa Zverev hatte die ganze Partie in der Box seines Bruders verfolgt. «Es war vielleicht nicht die beste Vorbereitung auf das Spiel gegen Murray», schmunzelte er, «aber es hat ja nicht schlecht geklappt.»

Inspiration Federer

Den Support schuldete er der Familiennummer 1 aber auch, er verdankt ihr viel. Alexander, genannt Sascha, war es gewesen, der ihn animiert hatte weiterzumachen zu einer Zeit, als er häufiger Gast war in Arztpraxen als auf Turnierplätzen. Die Liste seiner Verletzungen füllt Ordner: eine Diskus­hernie, gebrochene Rippen, Band­scheibenprobleme und 2014 sogar eine Operation am Handgelenk, das er schon einmal gebrochen hatte. In jener Phase mutierte Mischa zum Teilzeit­trainer und Berater seines jüngeren Bruders. Sein eigener Rücktritt war aber nie ein Thema: «Ich wusste nicht, was ich sonst hätte machen sollen.»

Heute kann er froh sein über die damals fehlenden Alternativen. Im letzten Herbst hatte er in Shanghai Novak Djokovic an den Rand einer Niederlage gebracht, dann in Basel Stan Wawrinkas Ambitionen auf den Heimtitel beendet, und nun schwebt er in Melbourne auf einer Wolke. Am nächsten Montag wird er in der Weltrangliste seine Bestmarke vom Oktober 2009 (Platz 48) verbessern. Morgen folgt die Zugabe: «Roger Federer war immer meine Inspiration.»

Video – Federer schaffte es spektakulär in fünf Sätzen in den Viertelfinal:

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