Für Stress sorgen einzig die eigenen Erwartungen

Roger Federer steigt im deutschen Halle, wo er den zehnten Titel anstrebt, mit Mumm in die Rasensaison.

Locker und selbstbewusst:Roger Federer. Foto: Noventi Open

Locker und selbstbewusst:Roger Federer. Foto: Noventi Open

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Eine auf 9.30 Uhr angesetzte Pressekonferenz mit Roger ­Federer ist ungewöhnlich; der ­Baselbieter geniesst nicht den Ruf des Frühaufstehers. Doch wohl nirgends ist er so nahe beim Stadion untergebracht wie in Halle, nämlich im Gerry Weber Sportpark Hotel, zu dem die nach ihm benannte Allee führt. Zum Interviewraum sind es für ihn wie zu den Trainings­plätzen nur ein paar Schritte, vom Balkon seines Zimmers aus überblickt er Court 1. «Anderswo siehst du ein anderes Gebäude oder eine Skyline, hier einen Tennismatch von Freunden oder von Rivalen», schwärmt er.

Federer wirkt an diesem Sonntagmorgen jedenfalls ausgeruht. Die Strapazen des French Open hat er verkraftet. Dass er unverletzt durch die Sandsaison gekommen ist, wirkt entspannend. «Nach dem Turnier war ich noch zwei Tage ein bisschen müde, weil alles vorbei war, der Stress weggefallen war. Danach bin ich gut ins Training gestartet und habe mich auch gleich gut gefühlt.»

Das Erfolgserlebnis auf der Unterlage, die ihm am wenigsten behagt, hat ihm Selbstvertrauen verliehen.

Die Woche in der Schweiz hat er genossen, zumal er heuer bisher weniger Zeit daheim verbracht hat als in den Jahren, in denen er die Sandsaison ausgelassen hatte. «Der grosse Unterschied ist, dass ich zuletzt jeweils unendlich viel Zeit hatte, mich auf Stuttgart und Halle vorzubereiten. Diesmal ging alles ­etwas schneller. Da erinnerte ich mich daran, wie es früher war: Paris-Final am Sonntag, Training am Montag, Match am Dienstag – das war Stress!»

Federer ist mit seinen Leistungen in Madrid, Rom und ­Paris zufrieden, er glaubt aber, er wäre auch nach missglückten Auftritten auf Sand in der Lage, auf Gras aufzutrumpfen. «Es geht alles: nicht spielen, schlecht spielen oder gut spielen.» Rasentennis habe seine eigenen Gesetze, «vor allem für mich. Meine Stärken sind automatisch noch grössere Stärken, meine Schwächen sind schwierig anzuspielen oder ich kann sie umgehen – mit aggressivem Spiel.»

Gute Gefühle dank Paris

Dennoch war die Halbfinal­qualifikation am French Open nicht unwichtig, zumal er zuvor in Wimbledon im Viertelfinal an Kevin Anderson sowie in New York und in Melbourne jeweils im Achtelfinal an John Millman respektive Stefanos Tsitispas ­gescheitert war.

«Gegen Anderson und Tsitsipas hätte ich gewinnen können, vielleicht sogar gewinnen müssen. Daher war ich enttäuscht», gibt er rückblickend zu. «Dass ich in Paris nach allen den Jahren den Halbfinal erreicht habe, gibt mir Mumm und Schwung. Wenn ich es dort schaffen kann, dann ist es auch in Wimbledon und an den nächsten Grand-Slam-Turnieren möglich.» Das Erfolgserlebnis auf der Unterlage, die ihm am wenigsten behagt, hat ihm Selbstvertrauen verliehen. «Und das gehört dazu, wenn du Titel gewinnen und die Besten schlagen willst.»

Und genau das will er, das macht er in Halle klar. «Ich bin in den letzten Jahren nie hergekommen und habe gesagt, dass ich mit dem Viertel- oder Halbfinal zufrieden wäre. Der Sieg muss das Ziel sein.» Er strebt hier den zehnten Titel an; das Jubiläum wäre gleichbedeutend mit einem persönlichen Rekord. Neunmal triumphiert hat er sonst nur noch in Basel. Überhaupt fühlt sich Federer mit dem Event eng verbunden.

«Wenn der Gegner einfach draufzieht, wenn es wichtig wird, und der Ball fliegt rein, kann keiner wirklich kontrollieren, was passiert.»Roger Federer

Daher war er besorgt, als er von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Modekonzerns Gerry Weber vernahm. Mit Manager Tony Godsick suchte er den Kontakt zur Familie Weber. «Ich wollte wissen: Wie geht es weiter? Wie geht es dem Turnier? Wie kann ich helfen?» Ein paar Tage vor der Qualifikation wurde ein Namenswechsel vollzogen: Aus dem Gerry Weber Open wurde das Noventi Open. Alles passierte so kurzfristig, dass das Turnierheft schon gedruckt war. Federer stellt erfreut fest, «dass sie einen neuen Titelsponsor gefunden haben und das Turnier zumindest kurzfristig abgesichert ist».

Stress hätte Roger Federer im beschaulichen Halle also keinen, wären da nicht die eigenen Erwartungen. «Die Rasensaison ist kurz, was den Druck auf mich erhöht», räumt er ein. Die Margen seien klein. «Wenn der Gegner einfach draufzieht, wenn es wichtig wird, und der Ball fliegt rein, kann keiner wirklich kontrollieren, was passiert.» Nicht einmal der erfolgreichste Rasenspieler der Geschichte.

Erstellt: 17.06.2019, 05:39 Uhr

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