Geschlechterkampf mit Emotionen statt Argumenten

Weshalb die Diskussionen um die Preisgeld-Gleichheit im Tennis nicht sachlich geführt werden.

Debatte im Tennis: Verdienen es die Frauen, gleich viel zu verdienen wie die Männer? Im Bild Camilla Giorgi aus Italien. Foto: Getty Images

Debatte im Tennis: Verdienen es die Frauen, gleich viel zu verdienen wie die Männer? Im Bild Camilla Giorgi aus Italien. Foto: Getty Images

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Tennis gilt als die erste grosse Sportart, die die Preisgeldgleichheit zwischen Männern und Frauen einführte. Vorreiter war 1973 das US Open, 2001 folgte das Australian Open, 2007 schliesslich auch Roland Garros und Wimbledon. Obschon sich in den letzten zehn Jahren viel getan hat in Sachen finanzieller Gleichstellung im Sport, waren gemäss einer BBC-Analyse die Verdienstmöglichkeiten der Männer 2014 in Sportarten wie Fussball, Golf, ­Cricket, Darts, Snooker oder Squash immer noch massiv höher.

Inzwischen wird die Preisgeld-Gleichheit im Tennis von vielen als heilige Kuh betrachtet, als unumstossbarer Pfeiler des Sports, ob in Wimbledon, Madrid oder Indian Wells. Wer es wagt, sie zu hinterfragen, sticht in ein Wespennest und kann nur verlieren. Dessen müsste sich auch Novak Djokovic bewusst gewesen sein, als er nach dem Finalsieg in Indian Wells die Meinung vertrat, die Männer müssten um mehr Preisgeld kämpfen, da sie ja auch mehr Zuschauer anlockten. Und das hätte auch Turnierdirektor Ray Moore wissen müssen, der die Diskussion ausgelöst hatte mit der provokativen Bemerkung, als Spielerin würde er täglich Gott auf den Knien danken, dass es Roger Federer und Rafael Nadal gebe, die die Sportart in neue Höhen geführt hätten.

Sowohl Djokovic als auch Moore lösten vehemente Reaktionen aus – die sogleich klar machten, dass diese Diskussion nicht gelassen, sachlich und argumentativ geführt werden kann. «Keine Frau sollte auf die Knie gehen müssen», wurde Serena Williams grundsätzlich, womit sie natürlich Recht hatte. Victoria Asarenka wies darauf hin, dass «jeder Mensch auf dieser Erde durch eine Frau zur Welt gebracht worden ist». Natürlich meldete sich auch Billie Jean King empört, die frühere Spitzenspielerin, Frauenrechtlerin und US-Ikone im Kampf um die Gleichstellung.

Der heftige Aufschrei der Interessensvertreter des Frauentennis könnte aber auch nur Taktik sein, um von der Tatsache abzulenken, dass dieses in den letzten Jahren effektiv nicht mehr mit dem der Männer mithalten konnte, dass es von der einzigartigen Konstellation der Männer mit Federer, Nadal und Djokovic und ihrem erfolgreichen Kampf um höhere Preisgelder profitiert hat und daran ist, zu einem überteuerten Produkt zu werden. Umso mehr, als es in absehbarer ­Zukunft mit Serena Williams und Maria Scharapowa seine zwei grössten Stars verlieren dürfte.

ATP mit 54 % mehr Einnahmen

Würde die Diskussion sachlich geführt, kämen nämlich plötzlich Fakten zum Vorschein, welche die Preisgeldgleichheit wieder in Frage stellen könnten. Zum Beispiel, dass die ATP-Tour 2014 54 Prozent mehr Einnahmen versteuerte als die WTA-Tour, 107,1 gegenüber 69,7 Millionen Dollar. Oder dass die Einnahmen der Frauen in der Amtszeit von CEO Stacey Allaster zwischen 2009 und 2014 nur um 19 Prozent stiegen, jene der Männer dagegen um 75 Prozent. Schon seit 2012 ist die WTA-Tour auf der Suche nach einem Schirmsponsor, nachdem Sony Ericsson sein Engagement stark reduzierte.

Williams wies zwar darauf hin, dass der Frauenfinal des US Open 2015 vor jenem der Männer ausverkauft war – blendete aber aus, dass erwartet worden war, dass sie dort den ersten Grand Slam seit 1988 schaffen würde (was letztlich misslang). Doch meistens genügt schon ein Blick auf die Tribünen, um zu erkennen, dass die Spiele der Männer grössere Anziehungskraft besitzen als jene der Frauen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2016, 23:08 Uhr

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