Gipfelstürmerin im freien Fall

Belinda Bencic findet auch in Australien nicht aus der Krise. Nun droht der Sturz aus den Top 100.

Im Vergleich zu ihren besten Zeiten wirkt Bencic schwerfälliger und weniger fit.<br />Foto: Made Nagi (EPA/Keystone)

Im Vergleich zu ihren besten Zeiten wirkt Bencic schwerfälliger und weniger fit.
Foto: Made Nagi (EPA/Keystone)

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Das Profitennis ist eine schnelllebige Sportart. Der Weg «from hero to zero» ist kurz, die Helden von heute sind die Versager von morgen. Diese Erfahrung macht seit Monaten auch Belinda Bencic, und zwar heftig. Seit Juniorenzeiten stets weltweit in ihrem Jahrgang führend und als künftige Nummer 1 apostrophiert, hat ihre Karriere einen abrupten Knicks erlitten. Sie befindet sich in einem Sturzflug, der schon fast ein Jahr anhält und mit dem missglückten Saisonstart in Australien und dem 4:6, 3:6 gegen Serena Williams in Melbourne noch beschleunigt wird.

Die Weltrangliste sei ihr momentan «scheissegal», sagte Bencic danach. Das ist verständlich und aus ihrer Sicht wohl auch richtig. Einst wie eine Rakete hochgeschossen, hatte sie im Februar als erster Teenager seit sieben Jahren die Top 10 erreicht und war bis auf Rang 7 gestiegen. Heute steht sie auf Rang 59, und da ihr nun auch die Punkte für den letztjährigen Achtelfinal in Melbourne wegfallen, wird sie Ende Januar im Bereich von Rang 75 erscheinen.

Der Teufelskreis

Und die Talfahrt der ab März 20-Jährigen könnte sich noch fortsetzen. Bei ihrem nächsten Turnier startet sie in St. Petersburg als Vorjahresfinalistin und könnte mit einer weiteren Startniederlage aus den Top 100 fallen – schlimmstenfalls gar aus den Top 120. Das hätte Konsequenzen: Mit einem solchen Ranking könnte sie viele der grössten Turniere nicht mehr bestreiten und müsste an den Grand-Slam-Turnieren in die Qualifikation.

Seit sie die Top 10 erreichte, schlug Bencic an Weltranglistenturnieren aber auch nur noch acht Gegnerinnen. Dabei kam vieles zusammen, sie selber spricht von einem «Teufelskreis». Die Verletzungen folgten sich, die Niederlagen nagten am Selbstvertrauen, und mit dem Abrutschen wurden die Auslosungen immer schwieriger – wie nun auch in Melbourne. Dazu passt, dass am Hopman-Cup, wo sie zwei Einzel gewann, keine WTA-Punkte vergeben werden — und sie danach wegen eines gebrochenen Zehennagels in Sydney gleich aufgeben musste.

Aus Angst, sich erneut zu verletzen, habe sie im Dezember ihr Training etwas dosiert, gibt Bencic zu. Sie schlägt die Bälle zwar noch immer hervorragend; dies bestätigte auch Williams, die von einer ihrer schwierigsten Startrunden sprach. Das waren nette Worte für die frühere Junioren-Siegerin von Wimbledon und Paris, Viertelfinalistin des US Open und Siegerin von Eastbourne und Toronto 2015. Bencic wirkte im Vergleich zu ihren besten Zeiten schwerfälliger und weniger fit. Und auf diesem Niveau entscheiden sehr oft Details über Sieg oder Niederlage.

Sie will mehr Verantwortung

Die Wahrscheinlichkeit, dass sie die Trendwende 2017 bald schafft, scheint aber gross. Sie liebt ihren Sport noch immer, ist hoch motiviert, und ab März hat sie fast keine Punkte mehr zu verteidigen. Sie gehört ohne Frage in die Top 50; noch immer ist ihre Bilanz gegen Top-10-Spielerinnen sogar positiv (11:10). Und inzwischen ist sie geläutert, hat mehr Erfahrung und weiss – auch durch den Kontakt mit Roger Federer –, was es braucht, um sich an der Spitze zu behaupten.

Bencic befindet sich aber zweifellos an einem Scheideweg, auch privat. Sie ist daran, sich von ihrem Elternhaus zu emanzipieren, in ihrem Umfeld fehlt es momentan ebenso an Kontinuität. Ende 2016 kam es zur Trennung von Manager und Investor Marcel Niederer, kurz danach wechselte die Agentur, die sie weltweit betreut; an die Stelle von Octagon trat IMG.

Im Dezember folgte dann aber eine ungewohnt spontane Änderung ihres Programms. Statt wie geplant in der Schweiz bei Melanie Molitor zu trainieren, flog sie ohne Eltern nach Florida für drei Wochen in die Evert-Akademie. Und auch in Australien war sie nun erstmals ohne familiäre Betreuung unterwegs. Dass sie zusätzliche Verantwortung übernimmt und ihre Karriere vermehrt selber steuern will, ist aber kein schlechtes Zeichen. Die Beziehung mit ihrem Vater war lange sehr eng – manchmal wohl auch zu eng.

Kein radikaler Bruch

Anzeichen dafür, dass es zu einem radikalen Bruch kommen könnte – wie es im Frauentennis immer wieder vorkommt, einst auch bei Timea Bacsinszky –, sind aber nicht auszumachen. Sie stehe mit ihren Eltern permanent in Kontakt, sagte Bencic, es sei fast, als wäre ihr Vater in Melbourne gewesen. «Natürlich fehlte er mir auch als Papi», sagte sie – es sei aber nicht so, dass sie ohne ihn nicht spielen könne. Sie gehe auch davon aus, dass er oder ihre Mutter auch künftig gelegentlich wieder mitreisen würden. Die Frage, ob sie erwäge, ihr Team personell zu verändern oder zu ergänzen, beantwortete sie ausweichend: Momentan wisse sie das noch nicht, «keine Ahnung». Wie es weitergeht, dürfte massgeblich davon abhängen, ob sie gesund bleibt und ihre körperliche Basis stärkt. Bencic verdient viel Kredit. Sie bleibt eine der Jungen mit dem grössten Potenzial, den besten Aussichten. Was sie daraus macht, liegt hauptsächlich an ihr.

Erstellt: 17.01.2017, 23:23 Uhr

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