Handys als Gefahr für die Tenniscracks

Die jüngere Generation habe einen Nachteil wegen ihrer exzessiven Handynutzung, glaubt ein Sportwissenschaftler. Wegen der Konzentrationsfähigkeit.

Grosser Sieg – und gleich am Handy: Wawrinka nach seinem Triumph am Australian Open 2014. Foto: Getty

Grosser Sieg – und gleich am Handy: Wawrinka nach seinem Triumph am Australian Open 2014. Foto: Getty

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Im Tennis dreht sich alles darum, Probleme zu lösen. Immer und immer wieder, stundenlang. Und da gilt es, die Konzentration hoch zu halten. Eine kurze Lücke kann die Arbeit von Monaten zerstören. Ein Break, und alles kann vorbei sein.

Der Wimbledon-Final zwischen Roger Federer und Novak Djokovic dauerte fünf Stunden, in denen die beiden immer wieder versuchten, den anderen zu überraschen, in schwierige Situationen zu bringen. Das fordert nicht nur dem Körper, sondern auch dem Kopf viel ab. Tennis wird ja auch gerne als «Schach in Bewegung» bezeichnet.

Der US-Sportwissenschaftler Mark Kovacs, der mit Sloane Stephens oder John Isner arbeitete, löste kürzlich mit einem Tweet eine Diskussion aus: «Rafa, Roger und Novak stammen aus der letzten Generation, die ohne Smartphones aufwuchs. Ist das der Grund, wieso die neue Generation, die kräftiger, grösser, schneller und jünger ist, immer noch keine Lösung findet, die drei regelmässig zu schlagen?» Die Frage wurde unter anderem retweetet von Judy Murray, der Mutter des dreifachen Grand-Slam-Siegers Andy.

«Wenn ich ohne Handy aus dem Haus gehe, fühle ich mich fast nackt. Das ist schon crazy.»Belinda Bencic

In der Tat sieht man Federer, Nadal und Djokovic fast nie am Handy. Beim Spanier ist es sein Manager Benito Perez-Barbadillo, der die Tweets für ihn absetzt. Was in Wimbledon zur witzigen Situation führte, dass Nadal twitterte, derweil er in der Pressekonferenz sass und Fragen beantwortete. Federer hat seine Aktivitäten auf den sozialen Medien zuletzt stark reduziert. Sein letzter Instagram-Eintrag stammt vom 2. Juli, sein letzter Tweet vom 5. Juli, als er dem zurückgetretenen Marcos Baghdatis für seine Karriere gratulierte.

Federer will ein Vorbild sein

«Ich bin nicht Handy-verrückt», sagt Federer. «Für mich ist es wichtig, dass ich die Balance habe und ein gutes Beispiel bin für meine Kinder, mit denen ich ja viel Zeit verbringe. Heute ist so viel möglich mit dem Smartphone, das birgt Risiken. Ich bin echt froh, hat es die heutigen Handys nicht früher gegeben, zu Beginn meiner Karriere», sagt er. «Erst in einigen Jahren werden Studien zeigen, welche Auswirkungen die Handynutzung tatsächlich hat.»

Der 38-Jährige hat vor allem Bedenken wegen der Augen: «Du starrst stundenlang auf den Bildschirm, und dann musst du den kleinen Ball sehen, der mit 210 Stundenkilometern auf dich zubraust. Du musst dich fragen: Schafft es das Auge, all das immer wieder zu verarbeiten?»

Belinda Bencic ist als Teenager mit dem Smartphone aufgewachsen. Sie sagt: «Wenn ich ohne Handy aus dem Haus gehe, fühle ich mich fast nackt. Das ist schon crazy.» Sie ist sich der ­Gefahren der exzessiven Handynutzung bewusst – in ihrem kleinen Team mit Coach und Vater Ivan und ihrem Fitnesstrainer und Freund Martin Hromkovic wurden Regeln aufgestellt: «Eine Stunde vor dem Training und eine halbe Stunde danach, wenn ich stretche und runterfahre, ist das Handy tabu. Das gilt auch für meine Matches.»

Bencic: Lieber mal ein Buch

Es sei manchmal erschreckend, wie abwesend sie sei, wenn sie aufs Handy starre. «Ich bin so in dieser virtuellen Welt drin, dass ich es nicht einmal höre, wenn mich jemand anspricht.» Während des Essens würden die Telefone daher auch weggelegt. Und sie achte darauf, dass sie vor dem Schlafengehen nicht mehr am Handy sei, sondern ein Buch lese. Am liebsten Krimis des deutschen Schriftstellers Andreas Franz.

 «Aber heute wird den Leuten das Denken durch so viele Geräte abgenommen. Diese Abhängigkeit bereitet mir Sorgen.»Judy Murray

Sie sei froh, habe sie als Kind wenigstens noch kein Handy ­gehabt, sagt Bencic. «Mein erstes iPhone hatte ich mit 16. Wenn ich heute Fünf-, Sechsjährige sehe, wie die sich da schon auskennen, das ist krass. Als Kind spielte und malte ich.»

Judy Murray, die auch heute noch Kinder trainiert, äusserte in einem Interview mit CNN Sport grosse Bedenken bezüglich Handynutzung: «Es geht im Tennis darum, die Dinge durchzudenken und zu verstehen, was bei dir vor sich geht, aber auch auf der anderen Seite des Netzes. Du musst schnell denken und handeln, Entscheidungen zu treffen, ist im Tennis essenziell. Aber heute wird den Leuten das Denken durch so viele Geräte abgenommen. Diese Abhängigkeit bereitet mir Sorgen.»

Es fehlt das freie Spiel

Komme dazu, dass die Kinder, die stundenlang am Handy surften, sich in dieser Zeit nicht bewegten. «Viele Kids, die ins Tennis kommen, bringen grundlegende koordinative Fähigkeiten nicht mit, die wir früher ganz natürlich entwickelten, indem wir draussen frei spielten.»

Stan Wawrinka gibt offen zu, das Handy zu viel zu benützen. «Es ist Teil meines Lebens, um mit Freunden und Familie in Kontakt zu bleiben. Um auf Twitter und Instagram zu verfolgen, was so passiert.» Seit sich Donna Vekic und er getrennt haben, ist er noch aktiver auf den sozialen Medien. «Logisch lege ich es weg, wenn ich trainiere oder Fitness mache», sagt er. Aber dann nimmt er es wieder in die Hand.

Nach seinem Sieg über Djokovic twitterte ein französischer Journalist, jetzt deute alles auf einen Final zwischen Federer und Nadal hin. Die Antwort Wawrinkas aus der Kabine kam prompt: «Cool, den Final schon zu kennen! Können wir anderen schon nach Hause reisen???»

Erstellt: 06.09.2019, 14:33 Uhr

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