Wilander-Interview: So holt Federer Nr. 18

Der frühere Tennis-Profi über das Schweizer Duell und die Frage, warum Wawrinka in Melbourne kaum Beachtung findet.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Federer oder Wawrinka: Wer erreicht den Australian-Open-Final?
Ich würde Roger als Favoriten bezeichnen, allerdings nur als leichten. Die Dynamik zwischen den beiden hat sich etwas verändert, seit Wawrinka ihn am French Open 2015 schlagen konnte. Und Wawrinka hat auch drei Grand-Slam-Titel geholt in einer Phase, in der Federer an den Majors leer ausging.

Wie wichtig ist, dass Federer in diesem Duell mit 18:3 klar führt, auf Hartplätzen sogar 13:0?
Das zeigt, wie schwierig für Wawrinka Partien gegen ihn sind. Vor allem auf schnellen Belägen, wie hier. Denn Federer spielt so schnell, auch zwischen den Punkten lässt er kaum Zeit verstreichen. Er ist kaum zu fassen, kann mit dem Match davonrennen. Es ist unglaublich, wie aggressiv er spielt.

Wawrinka gewann letztes Jahr immerhin das US Open, wo die Bedingungen ähnlich schnell sind wie in Melbourne.
Schon – aber es gibt niemanden, der schneller spielt als Roger. In dieser Hinsicht hat er ein neues Niveau erreicht. Ich glaube nicht, dass er schon früher versuchte, so schnell zu spielen. Wie früh er etwa die Rückhand schlägt . . . Und der Belag ist nicht nur schnell, es gibt praktisch auch keine versprungenen Bälle. Das ist perfekt für Roger. Ich habe überlegt, ob die Organisatoren ihn angerufen haben, um zu fragen, welche Bedingungen er am liebsten hätte.

Video – Federer oder Wawrinka, wer ist besser?

Denken Sie, dass er in seiner Pause stärker geworden ist?
Ja, und das ist auch erklärbar. Federer hat in seiner Karriere noch nie so viel und intensiv trainiert wie in den letzten Monaten. Und so wird man im Tennis einfach besser – das ist anders, als wenn man Turniere bestreitet. Die Frage für mich ist allerdings, ob er auch im Kopf bereit ist, grosse Titel zu holen.

Umfrage

Was denken Sie? Wer setzt sich im Schweizer Duell durch?




Zweifeln Sie daran?
Schon. Denn in den letzten drei, vier Jahren merkte man in wichtigen Momenten oft: Hoppla, Federer stellt sich Fragen. Auch gegen Raonic in Wimbledon. Etwas stimmte dort nicht mit ihm. Vielleicht fehlte ihm auch nur das Vertrauen. Aber ich bin nicht sicher, ob er das jetzt schon wieder hat und wirklich glaubt, dass er dieses Turnier gewinnen kann. Aber wenn er keine solchen Probleme hätte, wäre er ein Heiliger.

Immerhin hat er schon wieder Berdych und Nishikori geschlagen . . .
Schon. Aber auch wenn es gegen Nishikori über fünf Sätze ging, war dies nicht der ultimative Test. Denn Nishikori bezog eine medizinisches Time-out, was für Federer alles veränderte: Aha, der hat etwas, dachte er wohl. Erst der Final könnte zeigen, ob er tatsächlich an sich glaubt. Persönlich hätte ich nichts lieber, als dass er seinen 18. Grand-Slam-Titel holt. Aber ich habe meine Bedenken. Für mich ist auch klar, dass er hier vor einem Jahr im Halbfinal (gegen Djokovic) überhaupt nicht gut spielte. Es schien, als fühlte er sich gestresst.

Video – mit fantastischem Spiel gewann Federer seinen Viertelfinal:

Was muss Federer tun, um wieder grosse Turniere zu gewinnen?
Wichtig wäre, dass es ihm gelingt, nicht daran zu denken, dass er einen Grand-Slam-Titel gewinnen kann. Er spielt so gut, da fehlen mir die Worte. Wie er den Ball schlägt, wie entspannt und aggressiv er ist. Ich sprach hier mit John McEnroe, und er sieht das genauso.

Ist es für Federer ein Unterschied, dass Djokovic ausgeschieden ist? Immerhin verlor er gegen ihn seine letzten drei Grand-Slam-Finals.
Das ist ein riesiger Unterschied. Für alle. An dem Tag, als Djokovic verlor, war Nadal dermassen heiss . . . Alle sagen, das interessiere sie nicht – aber ich weiss, dass das nicht stimmt. Und Djokovic ist für Federer ein sehr unangenehmer Spieler – wie früher Nadal, bei dem das auf schnellen Plätzen aber geändert hat.

Sie sagten hier in einem Interview, Sie wollten keinen Final zwischen Nadal und Federer. Warum?
Das Tennis braucht neue Champions, neue Gesichter, es muss sich entwickeln. Und das schon in der Ära, in der die beiden noch spielen. Sonst würde es überall heissen: Die Neuen sind nicht so gut, wie sie es waren – was ich nicht glaube. Ich sähe beispielsweise auch gern, dass Dimitrov den Titel holt. Andererseits merkt man hier auch wieder, wie sehr Nadal und Federer das Tennis bereichern. Sie haben auch meinen Enthusiasmus gesteigert.

«Wenn Stan gut spielt, ist er wohl der Beste der Welt. Und je weiter im Turnier drin, desto konzentrierter ist er.»

Wer gewinnt denn nun den Titel?
Wenn ich Geld setzen müsste, würde ich auf Federer setzen. Er hätte einen 18. Grand-Slam-Titel auch längst verdient.

Wawrinka findet in Melbourne nur wenig Beachtung. Warum?
Er ist zwar einer der Favoriten, aber er gehört noch nicht in die Liga eines Djokovics. Mit ihm ist es immer das Gleiche: Wenn er grossartig spielt, schlägt ihn keiner – ausser du hast eine derart aussergewöhnliche Spielweise wie Federer. Wenn Stan gut spielt, ist er wahrscheinlich der Beste der Welt. Und je weiter das Turnier fortgeschritten ist, desto konzentrierter tritt er auf. Allerdings hat er die Tendenz, zwischendurch schlechte Matchs zu zeigen, wie gegen Evans am US Open oder hier gegen Klizan. Gegen Tsonga war er zwar gut, aber der Franzose spielte schockierend, glaubte gar nicht an sich.

Video – so fertigte Wawrinka im Viertelfinal Tsonga ab:

Wie interpretieren Sie die frühen Niederlagen von Murray und Djokovic gegen Zverev und Istomin?
Die lassen sich überhaupt nicht miteinander vergleichen. Murray hatte einfach einen schlechten Tag gegen einen unbequemen Gegner, der zeigte, dass man auch heute noch Aufschlag/Volley spielen kann. Das hatte nichts damit zu tun, dass er als Nummer 1 mehr Druck hätte. Bei Djokovic war es anders: Er ist nicht mehr so motiviert, hat sein inneres Feuer verloren.

Erwarten Sie, dass er dieses noch einmal findet?
Ich denke schon. Allerdings hat er ein Tennis, bei dem er mental extrem fokussiert und motiviert sein muss. Er hat keine so grossen Stärken wie Federer, der die Gegner verrückt machen kann, wie Wawrinka mit seinen Winnern oder wie Raonic mit seinem Aufschlag. Es könnte bei ihm sein wie einst bei Hewitt: Als der etwas nachliess, konnten plötzlich alle gegen ihn mithalten. Und auch bei mir war das damals so.

Was war denn bei Ihnen der Grund?
Das hatte nichts mit Tennis zu tun, sondern mit dem Leben. Mein Vater starb an Krebs, kurz nachdem ich die Nummer 1 geworden war. Danach war mir Tennis nicht mehr so wichtig.

Erstellt: 26.01.2017, 06:14 Uhr

Mats Wilander

Der 52-jährige Schwede gewann sieben Grand-Slam-Titel, davon drei in Melbourne. Er kommentiert das Australian Open für den Sender Eurosport.

Artikel zum Thema

Federer oder Wawrinka – wer hat die besseren Chancen?

Video René Stauffer, Sportredaktor von Tagesanzeiger.ch/Newsnet, über die Ausgangslage vor dem Schweizer Duell in Melbourne und eine alte Episode. Mehr...

«Wenn wir verlieren, dann am liebsten gegen Stan»

Federer-Coach Severin Lüthi kennt auch Stan Wawrinka sehr gut. Eine Prognose für den Schweizer Halbfinal-Knüller am Australian Open wagt er nicht. Mehr...

Federer: «Hätte nie gedacht, dass es so gut läuft»

Video Der Schweizer dominierte Mischa Zverev im Viertelfinal. Der Ticker, die besten Szenen im Video. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...