«Ich bin Wawrinkas grösster Fan»

Was Roger Federer zum Schweizer Final in Indian Wells sagt und wieso er nie erwartet hätte, dass es dazu kommt.

«Er ist ein hervorragender Spieler, immerhin war er vor einigen Monaten US-Open-Sieger»: Roger Federer über Stan Wawrinka. (Video: Tamedia/AP)

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Ihr Halbfinal gegen Jack Sock in Indian Wells wurde zunehmend komplizierter. Wie erlebten Sie dieses 6:1, 7:6?
Er spielte schon nicht gerade den besten Startsatz. Der zweite Satz war dann mehr, was ich erwartet hatte. Es war schwer, ihn zu breaken und seinen Aufschlag zu retournieren. Zudem schlug ich in diesem Durchgang nicht mehr so gut auf und liess etwas nach, während er sich steigern konnte.

Sie hatten durch das Forfait von Nick Kyrgios zwei Tage Pause. Bestand die Gefahr, dass Sie aus dem Rhythmus kommen könnten?
Nein. Ich dachte, dass mir das helfen würde, sonst hätte ich ja möglicherweise drei Tage in Folge spielen müssen. Und ich hatte mich für den Viertelfinal schon eingespielt am Freitag und war bereit. Die Intensität und die mentale Anspannung waren da, wie wenn ich einen Match gespielt hätte, einfach ohne den körperlichen Stress. Ich fühlte mich jedenfalls nicht, wie wenn ich zwei Tage Pause gehabt hätte. Und nun ist es für mich ideal: Ich komme ohne Schmerzen und Müdigkeit in den Final und kann alles auf dem Court lassen. Nachher habe ich ja vier, fünf Tage Pause vor Miami.

Mit einem 5. Titel in Indian Wells würden Sie zu Djokovic aufschliessen. Was würde das Ihnen bedeuten, nach einem Final gegen Wawrinka?
Das ist schon eine sehr sympathische Konstellation. Ich hatte nie erwartet, im Endspiel zu stehen, als ich ankam. Und er ist wohl auch zufrieden, so weit gekommen zu sein, denn er hat hier oft viel Mühe gehabt, in der Wüste von Indian Wells. Wir sind beide sehr erleichtert. Auch wenn es um vieles geht in diesem Final, können wir doch eher entspannt spielen, weil wir beide mehr erreicht haben als erwartet.

«Wir haben beide mehr erreicht als erwartet.»

Sie führen 19:3 gegen Wawrinka. Wieso läuft es Ihnen gegen ihn so gut?
Man darf nicht vergessen, dass ich früher in vielen Partien auch klar favorisiert war. In letzter Zeit kam es zwischen uns aber zu vielen engen Partien, nicht nur auf Sand, sondern auch in Wimbledon, an den World Tour Finals oder im Januar am Australian Open. Dort hatte er im fünften Satz des Halbfinals sogar Breakbälle, obwohl er verletzt war. Stan ist ein hervorragender Spieler, immerhin war er vor einigen Monaten US-Open-Sieger. Und jetzt steht er hier wieder im Final in den USA, am zweitgrössten Turnier des Landes. Er hat bewiesen, weshalb er das US Open gewann.

Was bedeutet es für die Schweiz, dass Sie und Wawrinka am zweitgrössten Turnier der USA im Final stehen?
Das ist ähnlich wie in Monte Carlo (wo sie sich 2014 bisher zum einzigen Mal in einem Endspiel duellierten und Wawrinka gewann). Vielleicht sogar noch grösser, weil es in den USA ist. Und das, nachdem er das US Open gewonnen hat und ich das Australian Open. Das ist für beide sehr schön, wichtig und speziell.

Ist für Sie die Überraschung kleiner als in Melbourne, im Final zu stehen?
Als ich das Turnier begann, dachte ich: Das schaffst du wahrscheinlich nie bis in den Halbfinal oder Final. Ich dachte, ich muss mega gut spielen und kämpfen, dass ich da durchkomme. Aber in den letzten fünf Tagen, nach dem lockeren Sieg über Nadal, lief es wie von alleine. Ich hatte auch noch Glück, dass Kyrgios nicht antrat, im Halbfinal hatte ich einen einfachen Match, und auf einmal stehst du im Final. Man muss einfach ruhig bleiben, Geduld haben, dann geschehen auf einmal super Sachen. Ich bin schon wieder überrascht, aber nicht ganz so sehr wie in Australien. Weil ich jetzt doch weiss, was möglich ist, und dass ich ein recht gutes Niveau erreicht habe.

Vor allem als Aufschläger überzeugen Sie bisher.
Was mich überrascht, ist, dass ich mich so gut konzentrieren kann bei meinen Aufschlagspielen, Punkt für Punkt. Dass ich noch kein Break kassiert habe und erst einen Breakball abwehren musste, zeigt schon, dass es mir gut läuft. Und so kannst du beim Return machen, was du willst. Kannst angreifen, draufhauen, passiv spielen, reinschupfen… Das ist super im Hinblick auf den Final – dass ich weiss, dass ich auf meinen Aufschlag bauen kann. Das macht es für Stan vielleicht noch etwas gefährlicher.

Was fehlte Wawrinka in all den Jahren, als er noch nicht ganz zur Spitze aufschliessen konnte?
Es lag wahrscheinlich auch am Mentalen. Er glaubte vielleicht nicht wirklich daran, dass er die besten schlagen kann. Das gab er sogar selber zu. Er musste sich verbessern auf schnellen Belägen und verstehen, wie er retournieren muss. Heute blockt er viele Returns, und wenn man ihn nicht perfekt angreifen kann, zieht er nachher voll durch. Dann ist er gefährlich. Am Anfang retournierte er von weiter hinten. Er musste sich auch etwas finden.

Wie konnte er sich so massiv steigern?
Als er durch die Arbeit mit Pierre (Paganini) explosiver wurde, konnte er sich in der Defensive steigern, auch durch den guten Slice, den er auf der Rückhand hat. Und er wurde auch konstanter, die Vorhand am Laufen wurde gefährlicher. Dann merkte er auch, dass er so viel Power hat wie wenig andere Spieler auf der Tour, und dass ihn das gefährlich macht. Das neue Selbstvertrauen hat sich dann endlich in Siegen niedergeschlagen. Und wenn man einmal grosse Siege erringt in grossen Stadien, wird man danach süchtig. Ich bin sein grösster Fan, was seine Verbesserungen betrifft. Weil ich ihn gut kenne, weil wir den gleichen Fitnesscoach haben, und weil er gezeigt hat, was mit harter Arbeit alles möglich ist.

Noch eine Frage zu Ihren unheimlichen Fortschritten im Singen, die Sie im Video zum Song «Hard to say I’m sorry» neben Haas und Dimitrov erkennen lassen. Wie kann man sich diese erklären?
Da braucht man eben manchmal etwas Hilfe, muss etwas nachhelfen, im Playback singen (lacht). Es war lässig: Wir waren zwar nicht in einem richtigen Studio, aber wir sangen in ein Mikrofon, und David Foster (Schwiegervater von Tommy Haas und kanadischer Songwriter) bearbeitete das, wie das auf den Alben auch getan wird. Nur dass sie dort dafür acht Stunden investieren, während es bei mir nur etwa 20 Minuten waren. Es war cool, dass wir das in Indian Wells wieder machten. In Australien hatten wir es ja schon einmal aufgenommen…

...nur dass es damals massiv schlechter tönte. Wer hatte den Song überhaupt ausgesucht?
Es geschah am Geburtstag von Tony (Godsick, sein Manager) in Australien. David Foster spielte dort seine Songs, Tommy (Haas) war auch da, der ihn ja super kennt durch seine Frau. Und da sagte David: Kommt, singt doch diesen Song. Ich kannte ihn nicht richtig, deshalb musste ich im ersten Video den Text ablesen und schauen, wann ich einsetzen musste. Beim zweiten Mal fiel es mir schon einfacher. Inzwischen kenne ich den Text.

Die erste Zeile lautet: Everybody needs a little time away, jeder braucht etwas Zeit, um weg zu sein. Das passt ja zu Ihnen.
Ja, wunderbar... Aber wir haben ihn nicht deswegen ausgesucht, damit hat das nichts zu tun. Wir nahmen ihn, weil David ihn schrieb.

Aber es ist immer noch ihre Stimme?
Ja, das schon. Nicht schlecht, oder?

Erstellt: 19.03.2017, 03:58 Uhr

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