«Ich habe keinen ­Nadal-Komplex»

Im Interview verrät Roger Federer ob er vor seinem 28. Majorfinal Druck verspürt und wann er Schmetterlinge im Bauch hat.

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Roger Federer nimmt es an diesem Samstag in Melbourne ruhig. Er trainiert knapp eine Stunde mit dem jungen australischen Linkshänder Omar Jasika, zieht sich dann in sein Hotel am Yarra-River zurück. Eine Pressekonferenz gibt er nicht. Nur für einige Schweizer Journalisten macht er eine Ausnahme und spricht mit ihnen in einer stillen Ecke des Players Restaurant über das 35. Duell mit Rafael ­Nadal, das 9. in einem Grand-Slam-Final.

Was überrascht Sie mehr: Dass Sie oder Nadal im Final stehen?
Eine gute Frage. Ich weiss nicht, was die Leute von mir erwartet ­haben. Ich hätte jedenfalls in ­meinen wildesten Träumen nicht gedacht, dass ich hier im Final ­stehen würde. Zudem schien mindestens einer der Finalplätze für ­Djokovic oder Murray reserviert zu sein. Dass Nadal im Final steht, überrascht mich aber nicht sehr.

Warum?
Weil ich ohnehin immer sehr viel von ihm erwarte. Denn ich weiss, was er kann – viel mehr, als es andere auf der Tour können. Er hat mich nicht umsonst schon so oft geschlagen und so viele grosse Turniere gewonnen. Ich habe grossen Respekt vor ihm.

Kann das ein Nachteil sein?
Es wird mich nicht daran hindern, selber gut zu spielen. Ich habe keinen ­Nadal-Komplex. Dazu schlug ich ihn schon zu oft, auch in grossen Matches. Da sehe ich keine Probleme.

«Wir haben im Team den ganzen Match geschaut und dabei fünf Stunden über Tennis gesprochen.»Roger Federer

Wie gut finden Sie ihn hier?
Er macht mir einen ausgezeichneten Eindruck. Er akzeptiert, dass die Bälle und die Bedingungen schnell sind und versucht, offensiv zu spielen, an der Grundlinie zu bleiben. Das kann er heute auch viel besser als vor zehn Jahren, als er das fast nie machte.

Wie haben Sie seinen Halbfinal gegen Dimitrov verfolgt?
Wir haben im Team den ganzen Match geschaut und dabei fünf Stunden über Tennis gesprochen. Es war der Match des Turniers. Normalerweise schaue ich Partien als Fan, doch nun analysierten wir auch, wie sie spielen, was bei beiden gut war und was nicht. Ich habe das Gefühl, dass mir dies einen Vorsprung verschafft.

Dimitrov spielt ähnlich wie Sie. Brachte Ihnen das Aufschlüsse?
Ich fand, dass er sehr gut war, vor allem mit der Rückhand, da überraschte er mich. Aber Nadal schlägt man nicht mit der Rückhand – wenn du nicht gerade Murray, ­Djokovic, Nishikori oder Wawrinka heisst. Mit der Rückhand bereitest du die Punktgewinne vor, aber den Unterschied machst du mit der Taktik und der Vorhand.

Die Umstellung auf Spiele mit Linkshänder Nadal ist für Sie schwierig. Wie sieht sie aus?
Ich bin keiner, der noch stundenlang trainiert. Die harte Arbeit wurde in den vergangenen Wochen und Monaten gemacht, jetzt braucht es nicht mehr viel. Es geht um die Erholung und die richtige Einstellung. Ich möchte in einem 5. Satz ja nicht müde sein.

Wie geht es den Adduktoren in Ihrem linken Bein?
Ich bin eigentlich zufrieden. Da ist schon eine Verhärtung, aber ­gefühlsmässig ist das nichts, um das ich mich sorgen müsste.

Und körperlich, nach der harten Partie mit Wawrinka?
Danach war ich schon sehr müde. Aber am Freitagabend fühlte ich mich besser, und nun ging es nochmals einen grossen Schritt vorwärts. Im Tennis sind wir uns ­gewöhnt, an bis zu sechs Tagen in ­Folge zu spielen. In einer solchen Phase zwei Tage freizuhaben, war für mich ungewohnt und wertvoll.

Könnte das ein Vorteil sein gegenüber Nadal?
Ich denke, dass er topfit sein wird.

«Ich bin keiner, der noch stundenlang trainiert.»Roger Federer

Wie gestalteten Sie Ihre zwei freien Tage?
Die ersten 24 Stunden (nach dem Sieg über Wawrinka) waren zum Entspannen da – und etwas freuen darf man sich ja auch. Am Freitag trainierte ich auf Rat meiner Coachs schon einmal mit einem Linkshänder, angesichts des möglichen Finals gegen Nadal. Ich bin von den vergangenen Wochen aber auch recht müde und nehme es ­ruhig. Ich achte darauf, dass ich viel schlafe. Abends schaue ich Matches oder verbringe Zeit mit meinen Kindern.

Ist die Taktik gegen Nadal klar?
Die Details werde ich noch mit Ivan (Ljubicic) und Seve (Lüthi) besprechen. Aber klar ist, dass ­offensives Spiel sich auf diesem ­Belag auszahlt. Ein guter Schlag zwingt den Gegner stark in die Verteidigung. Man muss aggressiv spielen, aber nicht kopflos.

Spüren Sie eine grosse Anspannung? Oder ist es anders, weil dieser Final unerwartet kommt?

Seit ich weiss, gegen wen ich spiele, ist die Anspannung schon gestiegen – aber das hat nichts mit dem Gegner zu tun. Du hast Schmetterlinge im Bauch, und es gibt sogar Momente, wo du denkst: Dieses Gefühl werde ich dann einmal nicht vermissen. Es frisst sich in dich hinein, je näher der Final kommt. Aber das ist auch gut, weil es zeigt, dass man es unbedingt gut machen will. Am Finaltag wird es noch schlimmer, weil das Spiel erst am Abend ist. Da hast du den ganzen Tag Zeit, daran zu denken. Aber ich freue mich riesig, dass ich diesen Final spielen darf – umso mehr, weil er gegen Rafa ist. Und wenn ich gewinnen würde, wäre es ­noch spezieller.

Sie sagten stets, Sie hätten an diesem Turnier nichts zu verlieren. Gilt das immer noch?

Wenn man im Final ist, will man ihn gewinnen, nicht nur teilnehmen. Aber ich versuche schon, den Geist zu bewahren, dass ich nichts zu verlieren habe. Das hat ja sechsmal sehr gut funktioniert.

Erstellt: 28.01.2017, 22:54 Uhr

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