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«Ich musste diese Gedanken stoppen»

Marian Vajda wurde gerade zum Coach des Jahres gewählt und erklärt, wie er Novak Djokovic zurück an die Spitze führte.

«In Wimbledon gegen Nadal machte es klick.» Marian Vajda über den Wendepunkt bei Djokovic. Foto: Getty
«In Wimbledon gegen Nadal machte es klick.» Marian Vajda über den Wendepunkt bei Djokovic. Foto: Getty

Können Sie sich erinnern, was Sie letztes Jahr während des ATP-Finales taten?/b> Ich war in Bratislava und trainierte meine jüngere Tochter im Tennis. Aber inzwischen spielt sie nicht mehr professionell, sie hatte zu viele Verletzungen. Sie ist nun 23 und studiert. Zudem spielte ich Eishockey.

Eishockey?

Ja, wir haben eine Gruppe von ehemaligen Tennisspielern aus der Slowakei. Jedes Jahr spielen wir Anfang Dezember einen Eishockeymatch gegen die früheren Tenniscracks Tschechiens. Diese Tradition pflegen wir seit 30 Jahren. Ich bin Flügelstürmer, bevorzugt auf der rechten Seite. Aber ich habe nicht so gerne Körperkontakt. (lacht)

Seit April sind Sie wieder der Trainer von Novak Djokovic. In welchem Zustand trafen Sie ihn an, als Sie in der Sandsaison zu ihm stiessen?

Er war voller Zweifel. Deshalb hatte er mich ja angerufen. Ich kenne ihn schon viele, viele Jahre, aber es war, als ob wir nochmals bei null beginnen würden. Ein seltsames Gefühl. Das Schwierigste war für ihn der Vergleich mit dem Spieler, der er einmal gewesen war. Ich musste diese Gedanken stoppen. Das war mein grösster Challenge. Schon am ersten Tag fragte er mich: «Marian, wie lange brauche ich, um wieder dorthin zu kommen?» Ich sagte: «Was erwartest du für eine Antwort? Ich bin gerade erst wieder gekommen. Ich bin doch kein Zauberer. Es ist ein Prozess.» Dass es dann so schnell gehen würde, hätte ich nie gedacht.

Djokovic sprach jüngst über die enge Beziehung zu Ihnen.Dass er Sie als Teil seiner Familie sehe. Brauchte er in dieser turbulenten Zeit einfach jemanden, der ihn versteht?

Das kann man so sehen. Er musste zuerst einmal beruhigt werden. Ich hatte ja schon elf Jahre mit ihm gearbeitet und wusste, wie ich mit ihm umgehen muss.

Wo setzten Sie an?

Ich sagte zu ihm: «Du hast es in dir drin. Du bist ein Champion. Aber jetzt müssen wir zuerst einmal wieder unsere täglichen Routinen finden. Jetzt müssen wir diese harten Zeiten durchstehen.» Natürlich half es nicht, dass er verletzt gewesen war, neun Monate kaum Matches ­bestritten hatte. Körperlich ­fehlte ihm schon etwas. Er ­hatte Fitness gemacht, aber die Matchhärte fehlte ihm. Jetzt ist seine Muskelstruktur wieder viel besser. Das Wichtigste war allerdings das Mentale. Die grosse Frage war: Wie lange ­erträgt er es zu verlieren? Er brauchte ­Siege.

Gab es auch technische Dinge, die Sie veränderten?

Die Bewegung bei seinem Aufschlag stimmte überhaupt nicht mehr. Novak ist ein Tüftler, er will jeden Tag besser werden. Und so hatte er am Aufschlag vieles verändert. Ich überzeugte ihn, zum Altbewährten zurückzukehren. Auch die Entwicklung seiner Vorhand gefällt mir sehr. Er kann nun viel mehr direkte Punkte erzielen mit der Vorhand. Das zeigte sich etwa am US Open.

Nach der Niederlage im Viertelfinal des French Open gegen Marco Cecchinato war er so frustriert, dass er die Rasen­saison auslassen wollte. Wie überzeugten Sie ihn, trotzdem zu spielen?

Der Anstoss kam von ihm. Zwei, drei Tage nach dem French Open rief er mich an und sagte: «Marian, ich habe mich entschieden zu spielen. Lass es uns versuchen.» Ich sagte: «Klar, sehr gerne!» Die Frage war dann, ob er vor Wimbledon in Halle oder Queen’s spielen würde. Wir entschieden uns für Queen’s, und als er dort erstmals auf den Rasen lief, vergass er alles, was vorher gewesen war. Auf einen Schlag fühlte er sich wieder gut. Sehen Sie, vergessen zu können, ist eine grosse Qualität. Zwar verlor Novak den Final gegen Cilic nach einem verpassten Matchball, trotzdem gab ihm dieses Turnier viel Selbstvertrauen. Er dachte: Wow, ich war wieder einmal in einem Final! Es geht also doch!

War das der Wendepunkt?

Wenn ich einen Match nennen müsste, bei dem es klick gemacht hat, dann wäre es der Wimbledon-Halbfinal gegen Rafael Nadal. Der war unglaublich. Einmal schrie ein Fan von der Tribüne: «Danke, Jungs, für dieses Tennis!» Dieser Sieg gab Novak sehr viel Glauben. Da verlor er seine Angst vor dem Verlieren wieder.

Stimmt es, dass Sie forderten, dass «Heiler» Pepe Imaz nicht mehr dabei ist?

Ach, das ist ein anderes Thema. Sagen wir es so: Wir sind ein Team, und das aktuelle Team ­gefällt mir am besten.

Kürzlich lieferten sich Djokovic und Roger Federer einen mitreissenden Halbfinal in Paris-Bercy. Wie stufen Sie Federer aktuell ein?

Wie er mit 37 noch spielt, ist ­unglaublich. Er will einfach nie aufhören, wie Jimmy Connors, der bis 41 spielte. Der Match in Paris war sehr intensiv. Roger hatte das Momentum, aber in den entscheidenden Momenten fehlte ihm das gewisse Extra. ­Novak ist 31, er 37. Das sind sechs Jahre Unterschied. Das kann man schon nicht ganz negieren.

Die Jungen scheinen die alte Garde mit Federer, Djokovic und Nadal einfach nicht verdrängen zu können. Wem trauen Sie es am ehesten zu?

Ich sagte zu Ivan Lendl, mit Zverev habe er einen sehr talentierten Jungen. Das erinnert mich daran, wie ich Novak übernahm. Ivan ist sehr smart, er wird ihm viel beibringen. Tsitsipas ist gut, De Minaur gefällt mir, und er ist noch längst nicht ausgereift. ­Coric hat grosse Fortschritte gemacht. Und er ist ja auch erst 22. Auch Chatschanow gefällt mir. Er spielt ohne Angst, hat ein gesundes Selbstvertrauen.

Werden Sie bei der Wachablösung noch dabei sein? Einst sagten Sie, Sie würden nicht mehr so gerne herumreisen. Nun sind Sie wieder voll dabei.

Stimmt, ich wollte nicht mehr so viel reisen wegen der Familie. ­Geben Sie mir noch ein Jahr, dann schauen wir weiter. (lacht)

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